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    Dog Eat Dog
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Dog Eat Dog
    Von Christoph Petersen
    Nach ihrer deprimierenden Erfahrung mit dem CIA-Thriller „Dying Of The Light - Jede Minute zählt“, der ihnen von den Produzenten entrissen und im Schneideraum bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, wollten Regisseur Paul Schrader („The Canyons“, Autor von „Taxi Driver“) und sein Star Nicolas Cage („Con Air“, „Ghost Rider“) unbedingt noch einen Film zusammen machen - aber diesmal richtig und ohne Kompromisse! Das Ergebnis ist „Dog Eat Dog“, eine wahnwitzig-stilisierte Verfilmung des gleichnamigen, eigentlich schmerzhaft-authentischen Noir-Thriller-Romans von Edward Bunker. Der pure Irrsinn quillt dabei schon in der ersten Szene der Kinoadaption aus jeder Leinwandpore: Der psychotische Mad Dog (Willem Dafoe) chillt in der surreal-pinken Wohnwelt seiner zwei Köpfe größeren und dreimal so breiten Freundin, als sie auf ihrem Laptop entdeckt, dass er auf einer Pornoseite gesurft hat - der anschließende Streit endet in einem grotesk-brutalen Doppelmord, dem auch ihre Teenager-Tochter zum Opfer fällt. Was für ein großartiger Gaga-Auftakt!

    Nach seiner Haftentlassung nimmt Troy (Nicolas Cage) gemeinsam mit seinen Ex-Sträflingskumpels Diesel (Christopher Matthew Cook) und Mad Dog in Cleveland einen Auftrag des lokalen Mafiabosses Grecco The Greek (Paul Schrader) an. Das Trio soll das Baby des Konkurrenten Mike Brennan (Louis Perez) entführen, der Grecco noch mehrere Millionen Dollar schuldet. Aber die nach ihren Gefängnisaufenthalten völlig aus der Zeit gefallenen Gangster verstehen nicht nur das „Phänomen Taylor Swift“ nicht, sie sind auch sonst nicht unbedingt die Hellsten - und so geht der Job gleich zu Beginn in die Hose, als der schießwütige Mad Dog versehentlich dem Babyvater den Kopf von den Schultern pustet… und das, nachdem in der Auftaktszene im Fernsehen eine Talkshow mit dem Tenor lief, dass Amerika doch ein viel sicherer Ort wäre, wenn jeder Bürger eine Waffe besäße. Der reinste Hohn!


    Paul Schrader zählt zu den erfahrensten Filmemachern Hollywoods - aber nachdem er sich für diese Produktion erst einmal das Recht auf den finalen Schnitt gesichert hatte, wollte er die damit verbundene (Narren-)Freiheit auch unbedingt (aus-)nutzen: Um jegliches Denken nach alten Mustern zu verhindern, besetzte der Regisseur bewusst alle Abteilungsleiterposten (Kamera, Schnitt, Kostüme, Filmmusik, etc.) mit verhältnismäßig unerfahrenen jungen Leuten, für die der Film ihren ersten Solo-Credit darstellt: „Ich habe sie die Nach-Regeln-Generation getauft. Es geht ihnen nicht darum, die Regeln zu brechen. Sie wissen gar nicht mehr, was die Regeln überhaupt sind.“ Und was sollen wir dazu sagen: Mission erfüllt! Auf jede kohärente Dramaturgie pfeifend erweist sich „Dog Eat Dog“ als Film der grandios-abgehobenen Momente, vom trashig-pinken Auftakt bis zum surreal-todestraumartigen Nebelende, während die eigentliche Thriller-Handlung immer mehr in den Hintergrund rückt.

    Da wirkt es fast ein wenig verschenkt, dass sich Schrader für den Film ausgerechnet eine so kraftvoll-authentische Vorlage wie den Roman von Edward Bunker (der vor seiner Autorenkarriere selbst zigfach im Knast einsaß) ausgesucht hat. Wobei: Wenn Schrader seinen Antihelden doch einmal Raum zur Reflektion lässt, dann geraten diese Szenen aller Absurditäten zum Trotz überraschend berührend. Vor allem Mad Dogs letzter verzweifelter Versuch, sich während einer langen Autofahrt (zu seinem Lieblingsplatz zum Leichenentsorgen) gegenüber dem wortkarten Muskelmann Diesel zu öffnen, legt den ganzen tragischen Abgrund hinter diesen vom System durchgekauten und ausgespuckten Verlierertypen frei – und lässt sie auf eine monströs-verzerrte Art (vergleichbar mit dem von Film zu Film immer wahnsinniger werdenden Lachen von Nicolas Cage) doch auch zutiefst menschlich erscheinen.

    Fazit: Ein im wahrsten Sinne des Wortes irrer Gangsterfilm - konsequent inkohärent, grotesk komisch, völlig abgefahren!

    Wir haben „Dog Eat Dog“ im Rahmen der 69. Filmfestspiele von Cannes gesehen, wo der Film als Abschlussfilm der Directors‘ Fortnight gezeigt wurde.
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