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    Der weite Weg der Hoffnung
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Der weite Weg der Hoffnung
    Von Andreas Staben
    Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer unter Pol Pot in Kambodscha von 1975 bis 1979 ist bisher selten im westlichen Erzählkino thematisiert worden. Der mit Abstand bekannteste Spielfilm zu den dramatischen Vorgängen in dem südostasiatischen Land ist immer noch Roland Joffés oscargekröntes Drama „The Killing Fields“ von 1984. Die Bombardierung Kambodschas durch US-Streitkräfte während des Vietnamkriegs, die wesentlich zur Destabilisierung des Landes und zur folgenden Entwicklung beigetragen hat, wollte schon der damalige Präsident Richard Nixon systematisch verschweigen und bis heute findet dieses komplexe Kapitel der Zeitgeschichte auch in Hollywood kaum Beachtung. Doch nun hat sich einer der größten Stars der Traumfabrik des Themas angenommen und es ist ganz gewiss kein Zufall, dass Angelina Jolie ihre vierte Regiearbeit „Der weite Weg der Hoffnung“ mit einer wütend-virtuosen Montagesequenz über die unrühmliche amerikanische Rolle bei Kambodschas Weg in die kommunistische Diktatur beginnt. Die Oscar-Preisträgerin, die sich seit vielen Jahren als Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks engagiert, hat enge persönliche Bindungen nach Kambodscha, ihr Adoptivsohn Maddox Jolie-Pitt stammt von dort und sie hat sogar die dortige Staatsbürgerschaft erhalten. Diese Verbundenheit ist ihrem bildgewaltigen Bürgerkriegsdrama (die Netflix-Produktion hätte die große Leinwand verdient) jederzeit anzumerken, aber manchmal wirkt es dabei fast so, als würde die Regisseurin und Co-Drehbuchautorin über dem Mitgefühl das Erzählen vergessen.

    Kambodscha 1975. Als die Amerikaner sich aus dem südostasiatischen Land zurückziehen, kann sich die zuvor von den USA unterstützte Regierung von Präsident Lon Nol nicht mehr halten und die kommunistischen Roten Khmer übernehmen die Herrschaft. Sie besetzen die Hauptstadt Phnom Penh, zwingen große Teile der Bevölkerung, ihre Wohnungen zu verlassen und schicken sie aufs Land. Auch die fünfjährige Loung Ung (Sareum Srey Moch) muss mit ihrer Familie überstürzt aufbrechen. Unter ständiger Gefahr schließen sie sich mit ihrem Pick Up-Truck dem Exodus an, denn Loungs Vater (Kompheak Phoeung) hat für die gestürzte Regierung gearbeitet und muss seine Identität verbergen. Zunächst nimmt ein Onkel die Familie auf, doch schon bald landen sie in einem Arbeitslager und das ist nur der Beginn einer langen und dramatischen Odyssee…


    Der Umsturz in Kambodscha war von einer kaum vorstellbaren Radikalität und Brutalität: Die Roten Khmer haben die Vergangenheit und damit auch die meisten modernen Errungenschaften förmlich ausradiert, um einen klassenlosen Bauern- und Soldatenstaat ohne Privatbesitz aufzubauen. Der Staat selbst sollte für alle die einzige Familie sein. Die Repräsentanten der alten Ordnung wurden in Umerziehungslager gesteckt, wer den geringsten Widerstand leistete oder Unwillen zeigte, riskierte sein Leben: Etwa zwei Millionen Menschen fielen dem Völkermord zum Opfer. Schon Französischkenntnisse konnten einen verdächtig machen, war das doch die Sprache der alten bürgerlichen Oberschicht und der ehemaligen Kolonialherren. Wie perfide und fanatisch die neuen Machthaber ihre Linie verfolgen, zeigt Angelina Jolie in einer haarsträubenden Szene ziemlich am Anfang, wenn ein Soldat Loungs Vater, der von Kompheak Phoeung mit bewegender Traurigkeit im Blick gespielt wird, scheinheilig auf Französisch anspricht – ließe der sich auch nur anmerken, dass er die Frage verstanden hat, könnte das sein Todesurteil sein.

    Die Kombination aus erbarmungslosem Druck, ständiger Überwachung und ununterbrochener Indoktrination, mit der die neuen Machthaber vorgingen, macht Angelina Jolie in vielen beklemmenden Szenen nachfühlbar, aber die ideologischen, politischen und geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge zeichnet sie nicht für Außenstehende nach. Darin bleibt sie der Vorlage treu, einem autobiografischen Buch der echten Loung Ung, mit der sich Jolie angefreundet hat und mit der sie auch gemeinsam das Drehbuch geschrieben hat. Entsprechend wurde auch vollständig in Kambodscha gedreht und in Khmer sowie ausschließlich mit einheimischen Darstellern. Das macht den Zugang zu dem vom bekannten kambodschanischen Regisseur Rithy Panh („The Missing Picture“) coproduzierten Film für fremde Zuschauer nicht ganz leicht, zuweilen fühlt man sich fast wie die überwältigte fünfjahrige Protagonistin, an deren Perspektive Jolie sich strikt hält. Loung weiß nichts über Politik oder vom Krieg gegen den vietnamesischen Nachbarn. Sie erlebt die von den eifrigen Kommunisten gebellten Befehle, die radikalen Maßnahmen der neuen Machthaber als einzigen unverständlichen Albtraum.

    So bewundernswert die Konsequenz dieser über weite Strecken durchgehaltenen Dramaturgie des immer Gleichen (und dabei immer mindestens Gleich-Schrecklichen) und so ausdrucksstark das Gesicht der jungen Hauptdarstellerin Sareum Srey Moch auch sind, lässt die Wirkung der ständigen Torturen doch zwischendurch nach, denn es tun sich nicht nur kulturelle Wissenslücken auf. So fällt es zum Beispiel schwer, den Überblick darüber zu behalten, wo sich welche Familienmitglieder gerade befinden und wieviel Zeit zwischen einzelnen Etappen vergangen ist. Statt Orientierung bietet uns Angelina Jolie Stimmungen: So unterbricht sie die Feldarbeit, die langen Fußmärsche und das Kindersoldatentraining mit opulenten Traumsequenzen, in die sich Loung flüchtet. Dem Hunger (in der Not werden hier Insekten verspeist) setzt sie ein Festmahl entgegen, den Soldatenliedern und dem Fahnenschwingen die Pracht der Pekingoper. Das ist sehr wirkungsvoll, aber nicht unbedingt besonders aussagekräftig und so bleiben vor allem Einzelmomente im Gedächtnis, wenn Loung durch ein brennendes Dorf irrt oder sie bewegungslos in einem verminten Wald verharrt.

    Die genannten Momente stammen aus dem letzten Drittel des Films, in dem die Erzählung wieder an Klarheit gewinnt. Selten gehen Gefühl und Gedanken hier so überzeugend Hand in Hand wie bei jenen aus luftiger Höhe aufgenommenen Totalen, in denen die Zwangsarbeiter auf den Reisfelder klein erscheinen wie Insekten, aber selbst wenn sich Jolie und ihr Kameramann Anthony Dod Mantle („Slumdog Millionär“) zwischendurch von der schieren Schönheit des Landes abzulenken lassen scheinen (die Aufnahmen der Urwälder sind überwältigend) haben die Bilder nichts Touristisches oder bloß Illustratives. Das war in Jolies vorangegangenen Regiewerken „In The Land Of Blood And Honey“, „Unbroken“ und „By The Sea“ noch etwas anders. „Der weite Weg der Hoffnung“ ist trotz aller erzählerischen Durststrecken ein bewegendes Dokument des Mitgefühls und eine tiefempfundene Liebeserklärung an Kambodscha.

    Fazit: Angelina Jolie zeigt uns ein düsteres Kapitel aus der Geschichte ihrer Wahlheimat Kambodscha und mit diesem Bürgerkriegsdrama ihre bisher beste Regiearbeit vor.
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