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    Whitney: Can I Be Me
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Whitney: Can I Be Me
    Von Michael Meyns
    Was für eine Seifenoper! Dieser erstaunte Ausruf liegt einem nach den gut 100 Minuten von „Whitney - Can I Be Me“ auf den Lippen, in denen Klischees, Exzesse, bizarres Verhalten und absurde Wendungen aneinandergereiht werden, angereichert mit viel Alkohol und Drogen: Wäre Nick Broomfields Film eine Fiktion, wäre er grotesk, doch er ist eine Dokumentation über das Leben der 2012 im Alter von nur 48 Jahren verstorbenen Sängerin und Schauspielerin Whitney Houston („Bodyguard“), und das macht ihn zu einer Tragödie. Der Regisseur blickt zwar zuweilen hochspekulativ und immer wieder aus der Ferne psychologisierend auf seine Protagonistin, aber seine Film ist dabei jederzeit faszinierend - und eben kurzweilig wie eine Seifenoper.

    Nick Broomfield ist bekannt für investigative, auch durchaus marktschreierische Dokumentationen wie „Kurt And Courtney“ oder „Biggie And Tupac“, man könnte also sagen: Er steht auf skandalträchtige, drogensüchtige, tote Musiker. Dementsprechend überrascht es nicht, dass auch „Whitney - Can I Be Me“ keine autorisierte Biografie ist, der Houston-Clan den Regisseur also nicht unterstützt hat. Das hat den großen Nachteil, dass kaum Musik von Whitney Houston zu hören ist, aber zugleich auch viele Vorteile, denn hier wird die Künstlerin eben nicht mit Samthandschuhen angefasst und kritiklos in den Himmel gehoben. Und außerdem geht es Broomfield offenkundig sowieso weniger um die Musikerin als um den Menschen Whitney Houston.



    Dass Houston eine brillante Sängerin mit einer unfassbaren Stimme war, darüber sind sich ohnehin alle einig. Und so bleibt ihr unbestrittenes Talent nur ein Randaspekt in den vielen Interviews, die Broomfield für seinen Film geführt hat. Einige der einstigen Begleitmusiker der Sängerin rühmen zwar ausdrücklich ihre künstlerischen Fähigkeiten, doch der Fokus liegt auch in diesen Gesprächen auf Houstons Psyche. Der Regisseur sucht nach Gründen für ihren Absturz und den frühen Tod, als mögliche Erklärungen stehen schließlich im Raum: Drogen, Alkohol, das Verhältnis zu ihren Eltern, ihre Herkunft aus Newark, New Jersey, einem der härteren schwarzen Ghettos Amerikas, ihr Versuch, als Schwarze, in der von Weißen geprägten Musikindustrie ihre Identität zu finden, ihre Ehe mit dem notorischen Aufreißer und selbsternannten Bad Boy Bobby Brown oder vielleicht doch ihre langjährige lesbische Beziehung zu ihrer Jugendfreundin Robyn Crawford.

    „Whitney - Can I Be Me“ beginnt mit dem Ende, dem Tod der Heldin 2012. Offiziell starb sie an einer Überdosis, doch eine Freundin bietet stattdessen eine dramatischere Ursache an und erklärt theatralisch, dass Houston an einem gebrochenen Herzen zugrunde gegangen sei. Der Soap-Opera-Ton ist damit schnell etabliert und so pointiert geht es weiter. Es folgt ein Schnitt zurück zum Anfang der 80er, als die blutjunge Houston am Beginn ihrer Karriere steht, jung, schön, talentiert und nicht zuletzt „formbar“, wie ein (weißer) Musikmanager es nennt. Mit ihr wird auf Crossovererfolg gezielt, sie soll die schwarze Musik aus dem Ghetto holen und in den Mainstream bringen, wo erst das große Geld lauert. Deutliche Parallelen zu Michael Jackson sind da zu erkennen, auch im schwierigen Verhältnis zu den Eltern und natürlich im allzu frühen Tod.

    Als besonders einschneidendes Ereignis bietet Broomfield die Verleihung der Soul Train Awards 1987 an, bei der Houston zwar Preise gewann, aber vom (schwarzen) Publikum ausgebuht wurde. Zu „weiß“ sei sie geworden, zu anbiedernd, was die damals gerade 23-jährige Sängerin sicher tief verunsicherte. Ob sie sich deswegen in die Arme von Bobby Brown stürzte, den sie - das Schicksal treibt manchmal absurde Blüten - genau an diesem Abend kennenlernte? Auch das klingt verdächtig nach Seifenoper. Aber was genau letztendlich Whitney Houstons dramatischen, tragischen Abstieg verursachte (den man im hier erstmals veröffentlichten Material, das Co-Regisseur Rudi Dolezal  von Houstons Tour 1999 gedreht hat. schmerzhaft deutlich verfolgen kann) wird natürlich Spekulation bleiben. Die Filmemacher stellen viele mögliche Erklärungen in den Raum und dabei ist vor allem die Ballung an Problemen, Krisen und selbstzerstörerischem Verhalten bestürzend.

    Fazit: Eine Künstlerin als Hauptdarstellerin in ihrer eigenen tragischen Soap Opera: So etwa wirkt Nick Broomfields Dokumentation „Whitney - Can I Be Me“, ein ebenso spekulativer wie spannender Blick auf das Leben der legendären Whitney Houston.

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