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    Lost Girls
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Lost Girls

    Netflix' Antwort auf David Finchers "Zodiac"

    Von Asokan Nirmalarajah
    Was wurde eigentlich aus Amy Ryan? 2007 feierte die Amerikanerin mit dem durchdringenden Blick, der spitzen Nase und den schmalen Lippen ihren Durchbruch in Ben Afflecks Regiedebüt „Gone Baby Gone“. Für ihre emotionsgeladene Darstellung einer alleinerziehenden Mutter aus Boston, deren Kind entführt wurde, gab es viel Kritikerlob und sogar eine Oscarnominierung als beste Nebendarstellerin. Seitdem hat die talentierte Schauspielerin ununterbrochen in kleineren und größeren Rollen in Film, Fernsehen und auf der Bühne gearbeitet. Eine ähnliche Aufmerksamkeit wie bei „Gone Baby Gone“ blieb ihr bislang aber leider verwehrt.

    Daran wird wohl auch der neue Netflix-Film „Lost Girls“ nichts ändern: Im Spielfilmdebüt der renommierten Dokumentarfilmerin Liz Garbus („The Farm: Angola, USA“) spielt Ryan erneut eine alleinerziehende Mutter aus der Arbeiterklasse, die diesmal selbst die Suche nach ihren vermissten Tochter vorantreibt. Leider versandet das in bedrückenden Farben fotografierte True-Crime-Drama trotz einer soliden Leistung von Ryan und dem gestalterischen Geschick von Garbus nach einem starken Anfang in einer ziellos mäandernden zweiten Hälfte zunehmend.

    Amy Ryan ist auch zwölf Jahre nach ihrer Oscar-Nominierung für "Gone Baby Gone" absolut grandios.


    Mari Gilbert (Amy Ryan) beißt sich durch. Sie hat zwei Jobs, auf dem Bau und als Kellnerin, um ihre zwei Teenager-Töchter irgendwie durchzubringen. Die junge Mutter musste ihre erste Tochter Shannan (Sarah Wisser) einst zu Pflegeeltern geben, weil sie sie nicht versorgen konnte. Das soll ihr mit ihren jüngeren Kindern Sherre (Thomasin McKenzie) und Sarra (Oona Laurence) nicht passieren. Doch als Shannan eines Tages unerwartet nicht zu einem Familientreffen erscheint und sich auch im Anschluss nicht meldet, wird Mari stutzig.

    Sie stellt Nachforschungen an und findet heraus, dass Shannan sich als Callgirl über die Anzeigenwebsite Craigslist anbietet. Nach dem Besuch eines Freiers in einer geschlossenen Wohnanlage bleibt sie spurlos verschwunden. Während der Suche nach der Vermissten stoßen die Beamten unter der Führung von Commissioner Doman (Gabriel Byrne) auf gleich mehrere Leichen junger Frauen, die Sex über Craigslist angeboten haben. Doch Shannan ist nicht unter den Opfern. Zusammen mit den Müttern und Schwestern der Mordopfer versucht Mari, die sich wenig engagiert zeigende Polizei dazu zu bringen, allen möglicherweise relevanten Fährten zum Serienkiller nachzugehen…

    Zodiac 2.0


    „Lost Girls“ – wie das gleichnamige Sachbuch von Robert Kolker – den Untertitel „An Unsolved American Mystery“ (also etwa: „Ein unaufgelöstes amerikanisches Mysterium“). So wird für Nicht-Kenner des Originalfalls schon gleich zu Beginn vorweggenommen, dass die Suche nach dem Serienkiller vermutlich ein offenes Ende haben wird. Der Zuschauer stellt sich mental also direkt auf ein True-Crime-Drama in der Tradition von David Finchers „Zodiac“ ein, in dem viele falsche Fährten am Ende doch zu keiner definitiven Lösung führen werden. Dabei beginnt Regisseurin Liz Garbus ihren ersten Spielfilm mit einem sehr ökonomischen, von präzisen Beobachtungen dominierten Erzählstil. Wenige, aber dafür atmosphärisch dichte Bilder erzählen hier sehr viel über die Figuren und ihr alltägliches Leben.

    Die kluge Nutzung des filmischen Raums mit bedeutungsvoll arrangierten Details im Vorder- wie Hintergrund sprechen Bände über die gespannten Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gilbert-Familie. Mit ihrem dokumentarisch geschulten Auge fängt Garbus das Arbeiterklasse-Milieu der Protagonistin sehr authentisch und stimmungsvoll ein, ohne sich dabei in Klischees zu verlieren. Die Monotonie ihres Daseins wird regelrecht greifbar, gerade in langen Szenen wie jener, in der Amy Ryan wenig mehr tut, als in Gedanken versunken halbleere Ketchup-Flaschen ineinander zu kippen. Das ist – auch wenn es im ersten Moment vielleicht nicht so klingt – absolut fesselnd

    Solidarisch gegen die Ignoranz der Polizei.


    Auch wenn die Handlung in Fahrt kommt und die wahren Begebenheiten rund um die Taten des sogenannten Long Island Killers mehr ins Zentrum rücken, wird die Lebenswelt der Protagonistin zunächst weiter wirklichkeitsnah und detailreich bebildert. Aber ab einem gewissen Punkt in der Handlung, spätestens wenn Kevin Corrigan als paranoider Bewohner der Wohnanlage beginnt, Mari Gilbert auf die Fährten eines verdächtigten Arztes zu führen, wissen Liz Garbuns und ihr Drehbuchautor Michael Werwie, der zuvor auch schon das Skript zu dem Serienkiller-Biopic „Extremely Wicked, Shockingly Evil And Vile“ über Ted Bundy geschrieben hat, nicht mehr so recht, wie sie ihre Zuschauer weiter bei der Stange halten sollen.

    Der ursprüngliche thematische rote Faden, nämlich die Mutter, die dafür kämpft, dass weiter nach ihrer Tochter gesucht wird, selbst wenn Medien und Behörden sie als „nur eine Prostituierte“ abtun, ist ein feministischer. Das wird besonders deutlich in einer Rede, die Mari ihren Mitstreitern am Essenstisch hält: Es geht darin um Gerechtigkeit für Frauen, die keine Beachtung finden, weil sie sich in Ermangelung anderer Optionen für Geld anbieten. Dieser aufrüttelnde Feldzug weicht jedoch nach dem ersten Drittel zunehmend einem antriebslosen True-Crime-Drama, das Aspekte wie Polizeikorruption und soziale Ungerechtigkeit nur oberflächlich anschneidet, statt sie auf interessante Weise auszugestalten.

    Grau in Grau


    Auch die anfangs so fesselnde, präzise Charakterisierung der Gilbert-Familie und ihrer Mitstreiter geht immer mehr verloren und wird durch plumpe, sich inhaltlich wiederholende Dialogszenen ersetzt. Die Hauptschuld dafür, dass „Lost Girls“ nach einem starken Anfang zunehmend abfällt und am Ende nur noch langweilt, trägt dabei wohl das wenig subtile Drehbuch. Es hilft auch nicht, dass Kameramann Igor Martinovic („House Of Cards“) den Film komplett in einem beklemmenden grau-blau hält und selbst Tagesszenen so aussehen, als wären sie nachts gedreht worden. So wird der anfangs so packende Film irgendwann doch schrecklich eintönig.

    Fazit: Der Netflix-Film „Lost Girls“ wendet sich an Fans von True-Crime-Dokumentationen über ungelöste Fälle und polizeiliches Versagen. Aber leider scheitert die großartige Dokumentarfilmerin Liz Garbus trotz ihres guten Gespürs für Zwischentöne, Ambiente und Lokalkolorit schließlich doch an einem langatmigen und plumpen Drehbuch.

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