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    Onoda - 10.000 Nächte im Dschungel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Onoda - 10.000 Nächte im Dschungel

    Krieg als Geduldsprobe

    Von Janick Nolting
    Arthur Harari hat mit „Onoda“ einen ganz und gar ungewöhnlichen Kriegsfilm gedreht. Von den Gräueln und dem Chaos der Schlachtfelder hat er sich fast gänzlich zurückgezogen. Explizite körperliche Gewalt bricht nur punktuell in die Handlung. Und auch das Taktieren der politischen Strippenzieher findet überwiegend im Unsichtbaren statt. Harari, der zuletzt für das Drehbuch zu „Sibyl – Therapie zwecklos“ verantwortlich war, versucht sich vielmehr an einer meditativen Studie über militärische Indoktrinierung in einem Mensch-gegen-Natur-Szenario, das seine Welt immer weiter zu verengen scheint.

    Mit der wahren Lebensgeschichte von Onoda Hirō hat sich der französische Filmemacher einen Stoff ausgesucht, der in Japan längst mythische Züge angenommen hat und auch im Rest der Welt für Aufsehen sorgte. Jüngst hat ihm etwa niemand geringeres als Regielegende Werner Herzog mit „Das Dämmern der Welt“ eine grandiose, halluzinatorische Erzählung gewidmet. Im selben Jahr feierte Arthur Hararis filmische Adaption der Biographie des Soldaten Onoda Weltpremiere, der auch fast 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg dessen Ende noch nicht wahrhaben wollte.
    Für Onodda (Endō Yūya) geht der Zweite Weltkrieg auch nach der Kapitulation noch weiter – und zwar viele, viele Jahre lang...


    1944 wird der junge Onoda (Endō Yūya) auf die Philippinen-Insel Lubang geschickt. Während der Zweite Weltkrieg wütet, soll Onoda gemeinsam mit anderen Soldaten eine geheime Mission erfüllen und die Landung der feindlichen amerikanischen Truppen verhindern. Oberste Maxime: Unbedingt am Leben bleiben! Als Onoda irgendwann die befreiende Nachricht über das Ende des Krieges erhält, wittert er darin jedoch eine Falle der Alliierten. Weitere 10.000 Tage wird er allein im Dschungel kämpfen…

    Arthur Harari hat eine geschickte erzählerische Klammer für seinen Film gewählt. Gemeinsam mit einem Touristen (Nakano Taïga) tritt man die Reise auf die Insel an. Einen wilden Panda, Onoda und den Yeti will er finden, so beschreibt es der Tourist irgendwann. Zumindest einem davon wird er begegnen. Harari zeigt diese atmosphärische Annäherung zu Beginn vor allem über akustische Signale, die Geräusche des Waldes, ein Volkslied im Radio, das aus der Ferne ertönt und den Einbruch der Fremde verkündet. Onoda durchstreift zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren die Wildnis. Und so führt der Film sein Publikum in einen Kosmos, der einer eigenartigen Paralleldimension gleicht.

    Eine Parallelwelt auf den Philippinen


    Einige erzählerische Lücken müssen dafür zunächst gefüllt werden: „Onoda“ bemüht sich im ersten Drittel, Rückblenden zu montieren, die die Vorgeschichte des Protagonisten beleuchten. Sein Agieren mit den anderen Soldaten im Militär bleibt allerdings grobe Skizze, sonderlich viel Tiefe verleiht Hararis Film den Figuren kaum. Notwendig erscheint das jedoch ohnehin nicht, schließlich umgeht „Onoda“ damit die Falle des bloßen Pathologisierens. „Onoda“ ist kein Kino, das allein versucht, psychologische Zusammenhänge und Biographien zu entwickeln. Ihm gelingt damit eindrucksvoll, das individuelle, realhistorische Schicksal Onodas ins Archetypische und Universelle zu überführen.

    Mit klarer Haltung zerlegt „Onoda“ die verheerenden Folgen von militärischer Disziplinierung und anerzogenem Patriotismus. „Dein Körper ist dein Vaterland“, heißt es da relativ zu Beginn. Persönlichkeiten werden gebrochen. Die Frage nach dem Opfern, dem sinnvollen Tod steht immer wieder im Raum, während Onodas Operation längst ins Sinnlose kippt. Hararis Film führt die Abrichtung der Soldaten vor, die damit jeglichen Bezug zu einer kritisch reflektierten Realität verlieren. Der Kampf, den Onoda ausficht, ist in erster Linie einer gegen die eigene Paranoia – und gegen die Zeit.

    Die Kriegshandlungen in "Onoda" haben bewusst nichts Spektakuläres an sich – stattdessen ist es vor allem ein Film des Wartens, Wartens und Wartens...


    Fast drei Stunden dauert dieser Film und tatsächlich wäre es gelogen, wenn man behaupten würde, „Onoda“ sei ein sonderlich kurzweiliges Unterfangen. Aber wie sollte er das auch? Hararis Werk braucht diese enorme Dauer, um dem irrenden Lebensgefühl seines Protagonisten näherkommen zu können. Der Krieg hat die gewohnte Zeitwahrnehmung aus den Angeln gehoben und in Onodas Welt scheint sie gänzlich in Stillstand geraten zu sein. Auf größere Schauwerte verzichtet Harari zudem konsequent. Dem Krieg wohnt bei ihm rein gar nichts Sensationelles inne. Weich und teils überbelichtet schimmern die Bilder in ihrer entrückten Weltsicht.

    Das sind, zugegeben, recht schnell durchschaute Erkenntnisse und inszenatorische Praktiken, mit denen „Onoda“ das Unheil seines Protagonisten erfahrbar werden lässt. Vielleicht ist er diesbezüglich auch noch nicht radikal genug! Vielleicht schwankt die Regiearbeit noch zu unentschlossen zwischen subjektiver Innensicht und äußerer Beobachtung, um den befremdlich anmutenden Stil deutlicher herauszuarbeiten. Gerade in der zweiten Hälfte, wenn Onoda sichtlich mit ersten Zweifeln zu ringen hat, wären eigentlich auch gewisse Brüche in der filmischen Form interessant gewesen, auf die Harari allerdings verzichtet.

    Mehr als nur eine Kriegsstudie


    Aber womöglich passt dieses Klammern an die Gleichförmigkeit bestens zu dem Starrsinn der Hauptfigur, die zwischen Heldentum, Mitleid und kritischer Abrechnung gezeichnet wird. Mit Kriegsende, dem eigentlich spannenden Teil des Films, muss sie sich behaupten. Die Weltgeschichte dreht sich weiter, aber was da draußen passiert, wird nur über gefundene Spuren und mediale Vermittlungen erkundet. Insofern erscheint das Dasein im Urwald immer klaustrophobischer, weil der Film Onoda und einen weiteren Kumpanen dabei beobachtet, wie sie sich auf fatale Weise ihre eigene Wirklichkeit zurechtspinnen.

    Eine bloße Auseinandersetzung mit dem Krieg hat „Onoda“ zu diesem Zeitpunkt längst überschritten. Verschwörungstheorien werden da erdacht, Fakten nach eigenem Gutdünken ausgelegt, die Begegnung mit Fremden misslingt auf grausige Weise – an allzu realen aktuellen Anknüpfungspunkten mangelt es dem Film keineswegs. Vorausgesetzt, man lässt sich ein auf den schleppenden, schier endlosen Kampf mit den auferlegten Befehlen. Krieg bedeutet in Onodas Welt irgendwann nur noch das blinde Klammern an die eigenen Ideologien. Der Rest ist ein ewiges Warten und Warten und Warten…

    Fazit: Arthur Harari nimmt sich die unglaubliche Lebensbiographie des Soldaten Onoda als Ausgangspunkt für einen originellen Antikriegsfilm. „Onoda – 10 000 Nächte im Dschungel“ dekonstruiert den kriegerischen Heldenmythos als Zustand blinder Gehorsamkeit, bis jedes Gespür für Zeit, Raum und Mitmenschen verlorengeht.

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