No Fucks Given!
Von Christoph PetersenDie kurze Bühnenansprache, die Kristen Stewart – Blockbuster-Superstar (die „Twilight“-Saga) und Indie-Ikone („Personal Shopper“) – vor der Weltpremiere ihres Regiedebüts bei den Filmfestspielen in Cannes hielt, bestand gefühlt zur Hälfte aus dem Wort „fuck“ und endete mit der Aufforderung: „Jetzt lasst uns das Pflaster abreißen und den fucking Film schauen!“ Allerdings dauerte es dennoch eine Weile, bis das erste auf 16mm-Analogmaterial gedrehte Bild über die Leinwand flimmerte. Schließlich wurden zunächst – wie üblich – die Logos der beteiligten Produktionsstudios eingeblendet. Und im Fall von „The Chronology Of Water“ sind das erstaunlich viele.
Ist es inzwischen also selbst mit einem solch großen Namen dermaßen kompliziert, das Budget für ein Independent-Projekt zusammenzubekommen, dass am Ende auf ein Dutzend verschiedene Geldgeber zurückgegriffen werden muss? Wahrscheinlich schon. Zumindest wenn einem der Sinn nicht nach gefälliger Arthouse-Kost, sondern nach radikaler Kunst ohne jedes Zugeständnis an die Sehgewohnheiten des (Mainstream-)Publikums steht. Stewart hat acht Jahre lang an ihrer Verfilmung der gleichnamigen Autobiografie von Lidia Yuknavitch gearbeitet – und vom Ergebnis her zu urteilen, ist sie in dieser Zeit nicht einen einzigen Kompromiss eingegangen.
Les Films du Losange
Habt ihr gerade beim Lesen auch gestockt, weil euch der Name Lidia Yuknavitch nichts sagt? Keine Sorge, das wird den allermeisten kaum anders ergangen sein. In „The Chronology Of Water“ (2011) erzählt die 1963 geborene Autorin mit einer radikal-fragmentierten Profan-Poesie auf maximal-seelenentblößende Weise u. a. von ihren Missbrauchserfahrungen durch den Vater, ihrer zugleich rettenden und zerstörerischen Schwimmkarriere, ihren Süchten, einer S/M-Schmerztherapie sowie einer Fehlgeburt. Das ist schmerzhaft-wuchtig, zugleich aber auch ein Kultbuch im klassischen Sinne, sprich: Nur ein US-amerikanisches, besonders an Independent- oder Queer-Literatur interessierte Nischen-Leserschaft kennt es, diese verehrt es dafür aber umso mehr.
Kristen Stewart selbst hat das Buch einst sogar als „heiligen Text“ bezeichnet – und zudem in Interviews angekündigt, dass sie als Schauspielerin „keinen weiteren verdammten Film drehen werde, bevor sie nicht diesen Film gemacht hat“. Und diese unbedingte Notwendigkeit merkt man „The Chronology Of Water“ an. Stewart hat in ihrer Karriere mit Meisterregisseuren wie Olivier Assayas („Die Wolken von Sils Maria“), Pablo Larraín („Spencer“) oder David Cronenberg („Crimes Of The Future“) gedreht – sie hatte also genügend Chancen, sich etwas von den ganz Großen abzuschauen. Stattdessen hat sie für ihr Regiedebüt eine völlig eigene filmische Sprache entwickelt – und zwar eine, die rückhaltlos an die literarische Vorlage angelehnt ist.
Gerade das erste von vier Kapiteln, in dem Kindheit und Jugend im Zentrum stehen, wirkt schon fast wie ein Experimentalfilm, ohne klassische Szenen, sondern eine Aneinanderreihung aufflackernder Gedächtnisfetzen. Stewart assoziiert in stakkatohafter Abfolge Stimmungen, Erinnerungsfetzen und den Körper ihrer Protagonistin, den sie im Laufe des Films in teils extremen Nahaufnahmen etwa von einem Auge buchstäblich unter die Lupe nimmt und so in seine Einzelteile zerlegt. Das Schwimmen und das Wasser spielen dabei eine zentrale Rolle – immerhin heißt es beim an die Vorlage angelehnten Off-Kommentar an einer Stelle: „Wie viele Meilen muss man schwimmen, um bei sich selbst anzukommen.“
In den späteren Episoden werden die erinnerten Momente zunehmend ausführlicher, „The Chronology Of Water“ rückt so zumindest ein klein wenig näher in die Richtung einer klassischen Kino-Biografie, ohne aber jemals Gefahr zu laufen, konventionell zu wirken. Und doch schleichen sich in einzelnen Passagen typische Elemente ein, die man aus zahllosen Künstler*innen-Biopics mit Sucht-Thematik kennt – selbst in dieser abstrakten Erzählform. Ganz lässt sich diese Genre-Falle offenbar nicht umgehen. Aber selbst dann gibt es da ja immer noch Imogen Poots („Vivarium“), die kopfüber und ohne Absicherung in die selbstzerstörerische Rolle hineinwirft und so die klar beste Leistung ihrer Karriere abliefert. Dasselbe gilt übrigens auch für James Belushi, der als „Einer flog übers Kuckucksnest“-Autor Ken Kesey so ziemlich jede Szene stiehlt, in der die LSD-huldigende Gegenkultur-Ikone auftaucht.
Fazit: Eine kongeniale Verfilmung der Autobiografie von Lidia Yuknavitch – roh, wütend, ehrlich, poetisch, fragmentarisch, überfordernd und zerbrechlich. Sicherlich nicht für jeden, womöglich sogar nur für (sehr) wenige, aber man spürt einfach, dass dieser Film nach acht Jahren Arbeit genau so aus Kristen Stewart heraus und auf die Leinwand musste.
Wir haben „The Chronology Of Water“ beim Filmfest in Cannes 2025 gesehen, wo er in der Sektion „Un Certain Regard“ seine Weltpremiere gefeiert hat.