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    Wir beide
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Wir beide

    In der Liebe ist alles erlaubt

    Von Christoph Petersen
    Haushaltshilfen mussten im Kino zuletzt ganz schön was durchmachen. Man erinnere sich nur an die arme Moon Gwang aus dem Oscargewinner „Parasite“, die mit Pfirsichpartikeln vergiftet, rücklings die Kellertreppe hinuntergestoßen und mit einer Tuberkulose-Lüge brachial aus ihrer langjährigen Anstellung getrieben wird.

    Auch in „Wir beide“, dem Regiedebüt von Filippo Meneghetti, muss nun eine Haushaltshilfe „aus dem Weg geräumt werden“ – diesmal allerdings nicht für schnöden Mammon, sondern für die große Liebe. Das sorgt für eine erfrischende Portion schwarzem Humor in einer ansonsten tiefberührenden Erzählung, die einem immer wieder das Herz zu zerreißen droht.

    Verliebt wir am ersten Tag: Madeleine (Martine Chevallier) und Nina (Barbara Sukowa).


    Die Rentnerinnen Nina Dorn (Barbara Sukowa) und Madeleine Girard (Martine Chevallier) sind seit vielen Jahren ein Paar. Allerdings nur im Geheimen. Nach außen erwecken sie mit ihren gegenüberliegenden, baugleichen Wohnungen hingegen den Eindruck, sie seien einfach nur gut befreundete Nachbarinnen. Das wird allerdings zum Problem, als Madeleine nach einem medizinischen Zwischenfall nicht mehr sprechen und sich auch nicht mehr selbst versorgen kann.

    Ihre Kinder, die nichts von der sexuellen Orientierung ihrer Mutter wissen, besorgen Madeleine eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung (Muriel Bénazéraf). Nina kann also trotz Schlüssel nicht mehr einfach so in die Wohnung ihrer großen Liebe – stattdessen muss sie sich nachts hineinschleichen oder ihre Hilfe bei der Pflege anbieten, um ihre Madeleine zumindest ab und an mal sehen und berühren zu können. Aber irgendwann reicht Nina das nicht mehr...

    Notfalls auch mit Pflastersteinen


    In den vergangenen zehn Jahren hat das queere Kino – von „Liebe geht seltsame Wege“ bis „Suk Suk“ - zunehmend Senioren als Protagonisten für sich entdeckt. Dabei wird die homosexuelle Liebe zwischen älteren Menschen leider häufig als etwas „Süßes“, im schlimmsten Fall sogar „Niedliches“ verklärt. In diese Falle tritt Filippo Meneghetti aber zu keinem Zeitpunkt: Vor allem Barbara Sukowa („Hannah Arendt“) brilliert stattdessen mit einer fast schon greifbaren Getriebenheit, ihre Liebste einfach sehen zu MÜSSEN. Da wird notfalls auch schon mal ein Pflasterstein durchs Fenster geschmissen (was wiederum in vielen Filmen als Gag inszeniert worden wäre, weil es die Erwartungen an eine „Omi“ unterläuft, in „Wir beiden“ aber ohne jedes Augenzwinkern präsentiert wird).

    „Wir beide“ ist dabei nicht nur zutiefst tragisch, wenn die zu Beginn angedeutete Chance, zu zweit noch einmal in Rom ganz neu anzufangen, mit Madeleines Anfall wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, sondern auch erstaunlich intensiv und spannend. Filippo Meneghetti bedient sich immer wieder Mitteln des Genrekinos – zum Beispiel, wenn sich Nina nachts in die Wohnung gegenüber schleicht: Plötzlich geht das Licht an und das Publikum hält gemeinsam mit der „Einbrecherin“ die Luft an – während die wach gewordene Haushaltshilfe schlaftrunken vorbeiläuft und zum Glück den Kopf nicht dreht. Da kommt dann auch der bereits angesprochene trockene Humor wieder mit ins Spiel.

    Madeleines Tochter ahnt nichts von den wahren Gefühlen ihrer Mutter - und auch nichts von ihrer großen Liebe...


    „Wir beide“ lebt vor allem von seinen Hauptdarstellerinnen – und der jederzeit spürbaren Liebe zwischen den zwei Frauen. Das weiß auch Regisseur Filippo Meneghetti, weshalb er sich voll und ganz auf die beiden Protagonistinnen konzentriert – und dabei immer wieder ganz wunderbare Kinomomente schafft, allen voran der barfüßige Tanz, der für einen kurzen Augenblick die Möglichkeit einer Utopie für Nina und Madeleine, die sich noch immer wie zwei frischverliebte Teenager anschauen und berühren, ganz nah heranrücken lässt.

    Trotzdem ist es schade, dass alle anderen Figuren – von Madeleines längst erwachsenem Sohn, der seiner Mutter aber noch immer die Schuld an der Scheidung gibt, bis zum Sprössling der Haushaltshilfe, dem man seine kleinkriminelle Ader vom ersten Augenblick ansieht – deshalb gleich als eindimensionale Klischees daherkommen müssen. Das macht den Film auf keinen Fall kaputt, dafür ist das Zentrum viel zu stark. Aber es wäre halt noch mehr drin gewesen, wenn man ein ähnliches Maß von Sorgfalt bei allen Figuren angelegt hätte.

    Fazit: Herzzerreißend.

     

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