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    Bigfoot Junior - Ein tierisch verrückter Familientrip
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Bigfoot Junior - Ein tierisch verrückter Familientrip

    Große Füße, noch größeres Herz

    Von Oliver Kube
    Der ganzkörperbehaarte, enorm große und halbwegs aufrecht gehende Bigfoot aus den nordamerikanischen Wäldern ist – ähnlich wie sein asiatischer „Artgenosse“ Yeti – ein sogenannter humanoider Kryptid, also ein menschenähnliches Wesen, für dessen Existenz nur zweifelhafte Belege existieren. In der regionalen Folklore spielt er dennoch seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle. Seine Legende wurde über Höhlenmalereien, Lieder, lyrische Werke sowie Berichte und Zeichnungen angeblicher Augenzeugen über Jahrhunderte am Leben gehalten – bis dann schließlich auch noch (meist sehr verschwommene) Fotos und Amateurfilme dazukamen. Wie nahezu alles Fremdartige wurden Bigfoot, Yeti & Co. im Kino lange Zeit vor allem dazu genutzt, um dem Publikum Angst einzujagen. Die Liste meist preisgünstig runtergedrehter Horror-Schocker um die mythenumrankten Waldbewohner ist schier endlos.

    In den letzten Jahren ging der Trend dann aber etwas überraschend in Richtung aufwändiger Animationsfilme, die sich mit „Smallfoot“, „Mister Link“ und „Everest - Ein Yeti will hoch hinaus“ auch noch allesamt als erfreulich gelungen erwiesen. Dieser kleinen Welle voraus war bereits 2017 „Bigfoot Junior“. Nachdem die belgisch-französische Produktion nicht nur gute Kritiken erntete, sondern auch reichlich (kleine) Fans fand, kommt nun das wieder von den Regisseuren Ben Stassen und Jérémie Degruson inszenierte Sequel „Bigfoot Junior - Ein tierisch verrückter Familientrip“ in die Kinos. Anhänger des ersten Films werden dabei erneut voll auf ihre Kosten kommen, während Newcomern der Einstieg angenehm leicht gemacht wird.

    Eine (fast) ganz normale Familie...


    Auf den ersten Blick ist Adam (deutsche Stimme: Joris Bendokat) ein ganz normaler Teenager. Allerdings ist sein Vater niemand geringeres als der legendäre Bigfoot (Heiko Obermöller). Von dem hat Adam auch einige spezielle Kräfte geerbt – so kann er etwa superschnell Laufen und mit Tieren sprechen. Nur einen so dichten Pelz wie sein Dad hat er zu seiner Erleichterung nicht abbekommen. Nachdem sich Bigfoot schon vor einer Weile den Menschen gegenüber geoutet hat, kann er mit seiner Familie nun ein halbwegs reguläres Leben in einem typischen Vorort-Häuschen führen …

    … zumindest bis der inzwischen zum Medienstar avancierte Bigfoot beschließt, seinen Ruhm zu nutzen, um in Alaska auf die Machenschaften des heimlich die Umwelt verpestenden Erdöl-Unternehmens von Milliardär Connor Mandrake (Gilles Karolyi) aufmerksam zu machen. Als er dabei plötzlich spurlos verschwindet, reist Adam mit seiner Mutter sowie ihren tierischen Mitbewohnern, dem Braunbären Wilbur (Thomas Balou Martin) und dem Waschbären Trapper (Stephan Schleberger), mit dem alten Familien-Minivan hinterher…

    Zwei bärenstarke Sidekicks


    Die Hauptattraktion für die ganz jungen Zuschauer*innen sind erneut die lustigen Tiere. Der herrlich gemütlich-trottelige Wilbur und der durchtriebene, im Herzen aber gute Trapper stellen auch im Sequel wieder eine Menge Mist an, während ihre – nur für Adam, Bigfoot und das Publikum hörbaren – Gedanken sich natürlich immer nur um Essen und den nächsten Schabernack drehen. Die etwas älteren Geschwister dürften sich hingegen schnell mit Adam identifizieren, der für einen jungen Teenager von Schulstress über Angst um seinen Dad und öko-politisches Engagement bis zur ersten Liebe wirklich einiges zu bewältigen hat. Und auch die Erwachsenen erhalten mit Bigfoot beziehungsweise seiner Gattin Shelly Figuren zur Identifikation – die sind zwar hin und wieder etwas überfordert, geben mit viel Engagement, Mut und noch mehr Liebe aber immer ihr Bestes.

    Das mag im ersten Moment – gerade in Kombination mit der klar formulierten Umwelt-Thematik sowie einer angedeuteten Kapitalismus-Kritik – für einen Familienfilm etwas zu überladen klingen. Aber die Co-Regisseure  Degruson und Stassen („Sammys Abenteuer“) bekommen all dies erstaunlich gut und homogen unter einen Hut. Sie haben dabei sogar noch Zeit und Muße für etliche kleine Gags am Rande. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist der Vergleich zwischen dem Auftreten kanadischer und US-amerikanischer Grenzbeamter. Wer den Übergang zwischen den beiden Ländern im wahren Leben schon mal passiert hat, wird wissend lächeln über diese wirklich nur sehr kurze, aber sehr passend beobachtete und pointiert umgesetzte Vignette.

    Der herrlich gemütlich-trottelige Braunbär Wilbur ist einer der gar nicht so heimlichen tierischen Stars des Films!


    Auch visuell kann das Werk wie schon der Vorgänger voll überzeugen und muss sich trotz eines geringeren Budgets keinesfalls hinter der eingangs genannten Bigfoot/Yeti-Konkurrenz aus Hollywood verstecken. Speziell die Landschaften in Alaska sind sehr ästhetisch und detailreich dargestellt – und zwar zu allen Tages- und Nachtzeiten sowie bei unterschiedlichen Wetterbedingungen. Dazu kommen viele für Animationsfilme ungewohnte, aber einfallsreiche Kameraperspektiven: Wenn Bigfoot etwa mit einem kleinen Wasserflugzeug an seinem Zielort eintrifft, dort erst einmal ausgiebig die Natur betrachtet und dann ein Selfie-Video filmt, gibt es dabei gleich einen ganzen Haufen aufregend anderer Einstellungen zu entdecken.

    Hin und wieder mögen die Regisseure und ihr kanadisch-amerikanisches Autorenteam Bob Barlen („Paw Patrol: Der Kinofilm“) und Cal Brunker („Arctic Dogs“) auch mal kurz über die Stränge schlagen, etwa bei dem arg eindimensional-böse charakterisierten Öl-Magnaten oder bei einer überdrehten Actionszene, in der Bigfoot Junior und Senior gegen eine ganze Armada von Flugdrohnen antreten. Doch diese kleinen Ausreißer seien ihnen nachgesehen. Denn insgesamt ist hier ein charmantes, lustiges und für das junge Publikum streckenweise sogar richtig spannendes Familienabenteuer geglückt. Dabei stellt „Bigfoot Junior - Ein tierisch verrückter Familientrip“ seinen bereits guten Vorgänger bezüglich Optik und Action sogar noch mal locker in den Schatten.

    Fazit: Eine aufregende, thematisch prall gefüllte, aber dennoch wunderbar fließende Story, dazu gelungene Gags am Rande und diverse Identifikationsfiguren für Zuschauer aller Altersstufen – und das Ganze dann auch noch visuell erstklassig umgesetzt. Wir dürfen freudig festhalten: Bei „Bigfoot Junior - Ein tierisch verrückter Familientrip“ handelt es sich um einen der besten europäischen Animationsfilme der letzten Jahre!

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