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    Everything Everywhere All At Once
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Everything Everywhere All At Once

    Ein Multiversum, das selbst Marvel übertrumpft!

    Von Björn Becher
    In „Swiss Army Man“ präsentierten Daniel Kwan und Daniel Scheinert „Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe als ständig furzende Leiche mit Dauerständer, die vom einsam gestrandeten Hank (Paul Dano) ähnlich vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser eingesetzt werden kann. Der Film ist genauso absurd, wie es das Konzept verspricht – und trotzdem begeistert am Ende vor allem auch das Herz und die Wärme, mit der die Gaga-Robinsonade daherkommt. Mit ihrem nächsten Projekt macht das unter dem Namen The Daniels tätige Regie-Duo genau da weiter – nur eben noch mal auf einem ganz anderen Level...

    Ja, „Everything Everywhere All At Once“ ist ein visuell und inszenatorisch überbordender Martial-Arts-Actionfilm und ein riesiger Liebesbrief an das Kino mit immer wieder unglaublich absurder Komik. Zugleich ist er aber vor allem auch eine ungemein warmherzige und berührende Geschichte über eine Einwanderfamilie, die von einem starken Cast um die herausragende Michelle Yeoh getragen wird. Ganz klar einer der „Muss man im Kino gesehen haben“-Filme 2022!

    Eigentlich will diese Familie nur die Steuer erledigen.


    Die als junge Frau aus China in die USA emigrierte Evelyn (Michelle Yeoh) ist genervt. In ihrem Waschsalon herrscht Chaos, eine Feier muss vorbereitet werden und zu allem Überfluss ist auch noch ihr besserwisserischer Vater (James Hong) aus der alten Heimat da. Auch mit ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu) hat sie Stress, weil die sich gegenüber ihrem Opa als lesbisch outen will. Dass ihr Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) bereits die Scheidungspapiere in der Tasche hat, ahnt Evelyn dabei noch nicht mal. Hauptsorge sind ohnehin die Steuern, die spätestens heute erledigt werden müssen. Mit einem unübersichtlichen Wust an Quittungen geht es daher zur gefürchteten Finanzbeamtin Deirdre Beaubeirdra (Jamie Lee Curtis).

    Doch im Fahrstuhl der Behörde spricht der sonst so unsichere Waymond plötzlich nicht nur ohne Akzent, sondern erklärt auch mit ungewohnt selbstbewusster Stimme, dass er nicht Evelyns Ehemann, sondern der Waymond aus einem anderen von unzähligen Paralleluniversen sei. Evelyn solle helfen, das von einer dunklen Macht bedrohte Multiversum zu retten. Schon bald muss die anfangs noch an einen schlechten Scherz glaubende Evelyn realisieren, wie ernst die Lage ist. Das mehrstöckige IRS-Gebäude gleicht schnell einem Schlachtfeld und um eine Chance gegen die dunklen Schergen zu haben, muss die Waschsalonbesitzerin kreuz und quer durch das Multiversum hüpfen. So kann sie die speziellen Fähigkeiten ihrer anderen Ichs aktivieren – und erhält zugleich einen Eindruck, wie anders ihr Leben hätte verlaufen können...

    Der pure Multiversums-Wahnsinn trifft auf Pixars "Ratatouille"


    Für die Daniels ist das Multiversum nicht nur ein Gimmick, um auf den durch „Spider-Man: No Way Home“ noch weiter befeuerten Hype-Zug aufzuspringen. Stattdessen ist das Konstrukt eng mit der Protagonistin verbunden: Die verschiedenen Universen sind hier durch jede Entscheidung, die Evelyn je in ihrem Leben getroffen hat, entstanden – und sie bekommt auch einen Einblick, wo genau dieser Trennpunkt war und wie es dann womöglich anders weitergegangen wäre. Schon bald fragt sich Evelyn, ob sie die schlechteste Version ihrer selbst ist, weil sie eigentlich wirklich immer die scheinbar falsche Entscheidung getroffen hat.

    Dies eröffnet gleich zwei der zahlreichen Ebenen des Films. Da ist zum einen die ans Herz gehende Geschichte rund um die Frage, ob Evelyn ihr Leben und ihre Familie weiterhin akzeptieren kann, selbst wenn sie nun weiß, dass es auch „bessere“ Alternativen gegeben hätte. Zum anderen aber eben auch die zahllosen Möglichkeiten für die Regisseure, mit all diesen alternativen Welten einfach nur unglaublich viel Spaß zu haben: Die Ausflüge in die Paralleluniversen muten wie einzelne Filme in sich an – von der großartigen „Ratatouille“-Hommage über ein existenzialistisches Drama rund um zwei Felsbrocken (!) bis hin zum Ausflug in die Welt eines Meisterregisseurs wie Wong Kar-Wai. Da spielt sich Michelle Yeoh dann quasi selbst, ist Evelyn doch ebenfalls ein gigantischer Filmstar (mit grandioser WTF-Überraschung zum Abschluss des ersten Kapitels). Liebevoll verneigen sich die Regisseure nicht nur vor großem Kino, sie zelebrieren die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums auch selbst – so wechseln sie plötzlich Bildformat oder Stil, machen „Everything Everywhere All At Once“ so quasi auch zu einem Kino-Best-Of.

    Die Steuerbehörde wird zum Schlachtfeld - mittendrin ist Evelyn.


    Auch in den Actionszenen fahren die Daniels alle Geschütze auf. Wenn Waymonds cooles Alter Ego mit der Bauchtasche (!) von Evelyns Ehemann als Waffe plötzlich das gesamte Wachpersonal der Steuerbehörde verkloppt, fühlt man sich nicht umsonst auch mal wie in einem Videospiel. Die vielen Stockwerke muten mit ihrer zunehmenden Zahl an Widersachern tatsächlich wie Levels an. Dies wird einem aber nicht wie in anderen Meta-Filmen durch computerspielartige Animationen reingedrückt, sondern ist eine Beobachtung, die man selbst machen kann … oder auch nicht. Die Daniels konzentrieren sich stattdessen darauf, inmitten des Chaos immer wieder grandios choreografierte Martial-Arts-Action mit einigen schmerzhaften Gewaltspitzen und ganz viel absurdem Humor zu verbinden.

    Ein ständiger Quell für die absurdesten Einfälle ist dabei das sogenannte „Aktivieren“. Damit Evelyn, Waymond und auch ihre zahlreichen Gegner die Kräfte ihrer Ichs aus einem anderen Universum aktivieren können, müssen sie etwas Bestimmtes, aber völlig Außergewöhnliches tun. Und hier wollen wir möglichst wenige der ebenso absurden wie überraschenden Einfälle spoilern. Aber es geht schnell sehr viel weiter, als nur einen Lippenpflegestift zu essen. Da kommen dann auch mal nackte Hintern und sehr viel Schmerzen ins Spiel...

    Ein toller Cast erdet den Wahnsinn


    Der Action-Overkill gepaart mit dem absurden Humor ist schon der Hammer. Für die ganz große Klasse sorgt dann aber doch das laut schlagende Herz im Zentrum all des Irrsinns – und einen großen Anteil daran hat der herausragende Cast. Der besteht nicht nur aus „Tiger & Dragon“-Star Michelle Yeoh als völlig überforderte Evelyn, die so viele verschiedene Seiten wie noch nie von sich in einem Film zeigt, weshalb man den wilden Genre-Mix auch als Verbeugung vor ihrer langen Karriere verstehen darf. Wie Yeoh in Mandarin, Kantonesisch, Englisch und auch mal im wilden Sprachenmischmasch durch das Geschehen stolpert, ist herausragend …

    … und trotzdem ist sie nur ein Teil eines wunderbar harmonierenden Ensembles. Da ist zum Beispiel auch Wiederentdeckung Ke Huy Quan. Der einstige Kinderstar aus „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ spielt bei seinem Comeback sowohl den tollpatschigen wie auch den schlagfertigen Waymond mit unglaublicher Verve. Und Stephanie Hsu („The Marvelous Mrs. Maisel“) reicht als von ihrer Mutter genervte Tochter schon beim ersten Auftritt nur das frustrierte Augenrollen, um Sympathie zu wecken – wobei sie dann im weiteren Verlauf des Film dem Affen trotzdem noch so richtig Zucker geben darf.

    War Shorty in "Indiana Jones und der Tempel des Todes": Ke Huy Quan gibt sein Kino-Comeback.


    Gekonnt werden dabei familiäre Konflikte ohne jegliche Überdramatisierung verhandelt. Da akzeptiert Evelyn zwar schon irgendwie die Homosexualität ihrer Tochter, aber es fällt ihr trotzdem schwer, deren Freundin Becky (Tallie Medel) richtig zu adressieren. Und dem Opa aus China davon zu erzählen, geht natürlich gar nicht. Die Daniels lösen solche Konflikte dann auch nicht einfach in Wohlgefallen auf und verzichten zudem auf jegliche Über-Erklärung, die im modernen Kino ja sonst oft angesagt ist. Das betrifft nicht nur ihr Multiversums-Konstrukt, sondern wirklich alles.

    So passt es auch, dass eine der schönsten Szenen in „Everything Everywhere All At Once“ fast beiläufig passiert. Auf dem Weg zum Schreibtisch der Finanzbeamtin sieht Waymond ein älteres, sich gegenseitig stützendes Ehepaar. Die Daniels lenken unsere Aufmerksamkeit subtil darauf, indem sie die Kamera verlangsamen, die Einstellung kurz auf dem Paar verharren lassen. Was Waymond denkt, was er fühlt, wird dabei nie ausbuchstabiert. Wir sollen selbst darüber nachdenken, wir sollen es selbst spüren.

    Fazit: Überbordende Multiverse-Action und absurder Humor mit ganz viel Herz. „Everything Everywhere All At Once“ ist schon jetzt eines der Kino-Ereignisse 2022 und der wohl beste Multiversum-Film, den man sich nur vorstellen kann!

     

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