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    Meinen Hass bekommt ihr nicht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Meinen Hass bekommt ihr nicht

    Die erschütternde Geschichte hinter dem Facebook-Post

    Von Michael S. Bendix
    Wer am 15. November 2015 das Freundschaftsspiel zwischen der französischen und der deutschen Fußballnationalmannschaft im Stade de France gesehen hat, erinnert sich bestimmt noch an den dumpfen Knall, der etwa in der 70. Spielminute das Jubeln der Fans übertönte. Es war der erste von zwei Selbstmordanschlägen am Rande des Stadiums, auf die über Stunden hinweg eine ganze Serie islamistischer Terrorattacken an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt folgte, bei denen insgesamt 130 Menschen ermordet wurden – die meisten davon im vollbesetzten Konzertsaal Bataclan. Die Wunden, die dieses Ereignis in Frankreich aufgerissen hat, sind bis heute nicht vollends verheilt …

    … und so beginnt nun auch das Kino, sich ihnen zu stellen: Mit Cédric Jimenez' „November“, Alice Winocours „Paris Memories“ und Kilian Riedhofs „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ erscheinen nun gleich drei Filme in kurzer Abfolge, die sich – aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven – mit der Terrornacht und ihren Nachwirkungen beschäftigen. Der deutsche Regisseur Kilian Riedhof („Sein letztes Rennen“) greift sich für seinen Film ein reales Hinterbliebenenschicksal heraus, das vor allem durch einen weltweit viral gegangenen Facebook-Post global für Aufmerksamkeit und Anteilnahme sorgte.

    Bis zum 15. November 2015 führen Antoine (Pierre Deladonchamps) und Hélène (Camélia Jordana) eine glückliche Ehe …


    Antoine (Pierre Deladonchamps) und Hélène (Camélia Jordana) leben gemeinsam mit ihrem 17 Monate alten Sohn Melvil (Zoé Iorio) in einem Pariser Appartement und führen eine sichtbar von Zärtlichkeit getragene Beziehung. Als Hélène mit einem gemeinsamen Freund ein Rockkonzert besucht, bleibt Antoine zu Hause, um Melvil ins Bett zu bringen. Eine erste SMS, ob es ihm gut gehe, ignoriert er noch – doch als ihn die zweite Nachricht erreicht, die sich nach seiner Sicherheit erkundigt, wird ihm klar, dass etwas nicht stimmt. Im Fernsehen erfährt Antoine von den Anschlägen – nach mehreren vergeblichen Versuchen, etwas über Hélènes Zustand und Aufenthaltsort herauszufinden, bringt ihm der nächste Tag schließlich die traurige Gewissheit, dass auch seine Frau zu den 89 Todesopfern im Bataclan gehört.

    Antoine muss nicht nur einen Weg finden, mit seinem Verlust umzugehen, sondern sich auch allein um ein Kind kümmern, dem unmöglich zu vermitteln ist, warum seine Mama plötzlich nicht mehr nach Hause kommt. Fast beiläufig lädt er einen Text bei Facebook hoch, der von seiner Trauer erzählt, in dem er sich aber auch direkt an die Attentäter richtet: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, lautet seine Kernbotschaft, die im Folgenden mehr als 200.000 Mal geteilt wird, auf der Titelseite der Tageszeitung Le Monde erscheint und weit über die Grenzen Frankreichs hinaus Symbolkraft entwickelt…

    Ein erschütternder Wissensvorsprung


    Die erste halbe Stunde von Kilian Riedhofs Adaption des gleichnamigen Buches von Antoine Leiris ist schwer zu ertragen: Das Wissen, worauf der Film zusteuert, nimmt bereits den am Anfang stehenden Alltagsszenen aus dem Leben eines glücklichen jungen Paares jede Unbeschwertheit – und wenn Hélène ihren Mann beim Verlassen der Wohnungstür darum bittet, bis zu ihrer Rückkehr wach zu bleiben, hat man zwangsläufig einen Kloß im Hals. Obwohl Riedhof etwa durch die Art des Musikeinsatzes einzelne emotionalisierende Marker setzt, widersteht er glücklicherweise der Versuchung, aus dem Wissensvorsprung der Zuschauenden künstlich Suspense zu generieren. Auch dann noch, wenn wir Antoine dabei folgen, wie er atemlos von Krankenhaus zu Krankenhaus irrt, in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von Hélène zu bekommen. Den Moment der Wahrheit kommt dann auch gänzlich ohne Worte aus: Auch ohne dass es einer der Anwesenden aussprechen müsste, wissen Antoine und auch wir, dass das Hoffen vergebens war.

    Riedhof zeigt kein einziges (inszeniertes) Bild der Anschläge (nur später Sekundenbruchteile eines YouTube-Clips) – und doch gelingt es ihm, den unwirklichen Horror einer so unvermittelt in die Realität hineinbrechenden traumatischen Erfahrung ganz dicht an uns heranrücken zu lassen. Der eigentliche Film beginnt trotzdem erst danach: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ rückt die Trauerarbeit ins Zentrum, fragt nach der (Un-)Möglichkeit, nach einem Erlebnis dieser Tragweite weiterzumachen. Antoine stößt dabei nicht nur auf innere Widerstände und Widersprüche, sondern auch auf ganz reale Hürden, schließlich muss eine Beerdigung organisiert werden – und wie soll er auf Melvils täglich lauter werdende Rufe nach seiner Mutter reagieren, ohne tatsächlich mit ihm sprechen zu können? Sein Facebook-Post, der bald darauf um die Welt geht und ihn später von Talkshow zu Talkshow führt, erscheint vor diesem Hintergrund auch als Versuch, dem Chaos der gewaltsam herbeigeführten Veränderung wenn schon keinen Sinn, dann zumindest eine Art Ordnung zu geben: eine Verteidigung freiheitlicher Grundwerte, aber auch ein persönlicher Plan der Trauer.

    … und nach dem 15. November muss Antoine seinem kleinen Sohn beibringen, dass seine Mama nie mehr wieder zurückkommen wird.


    Am besten ist „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, wenn er die titelgebende Maxime auf die Realität treffen lässt, sie auf ihre Umsetzbarkeit überprüft: Ist es womöglich nur ein frommer Wunsch, den kaltblütigen Mördern der eigenen Ehefrau nicht mit Wut und Hass zu begegnen? Riedhof tut nicht so, als sei dieser Weg für Leiris immer leicht, und er spart auch Konfrontationen mit Hélènes Familie nicht aus, die sich zeitweise von Antoine im Stich gelassen fühlt. Andererseits scheut er sich aber vor allzu viel Uneindeutigkeit: Statt die Frage zu stellen, ob es so etwas wie eine richtige Art zu trauern überhaupt geben kann, stimmt Riedhof ein Loblied auf Tapferkeit an; statt sich mit der Legitimität von Hassgefühlen auseinanderzusetzen, betont Riedhof immer wieder die Rezeption des Textes und belässt es damit beim Nacherzählen des ohnehin Bekannten.

    Auch die christlichen Implikationen von Leiris' Posting interessieren den Film wenig. Natürlich ist der Film schon durch seine Vorlage an die subjektive Sicht des Autors und Protagonisten gebunden, interessanter macht ihn das allerdings nicht – zumal die Kamera zwar immer nah an Leiris bleibt und seine Zerrissenheit durch Spiegelungen und Verzerrungen visualisiert, die inneren Prozesse, die ihn zu seiner Einstellung bewegen, aber trotzdem wenig nachvollziehbar sind.

    Inszenatorisch ist „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ so kompetent wie konventionell. Gerade die teils liebevollen, teils herzzerreißend-hilflosen Versuche von Leiris, inmitten des Ausnahmezustands ein guter Vater zu sein, verfehlen ihre emotionale Wirkung nicht, was auch an Kinderdarstellerin Zoé Iorio liegt, deren Spiel markerschütternd echt wirkt. Der Rest ist unauffälliges Handwerk, der Thematik angemessen und Kitschfallen immer nur knapp umschiffend – zumindest bis zur ärgerlichen Schlusssequenz, die Ansätze von Ambivalenz endgültig einer simplen Gleichung opfert: „In einer Welt, die so schön ist“, scheinen diese Bilder zu sagen, „muss es einfach irgendwie weitergehen können“. So eine Kalenderspruch-Weisheit wird selbst diesem allenfalls soliden Trauerbewältigungsdrama eigentlich nicht gerecht.

    Fazit: Mit „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ erzählt Regisseur Kilian Riedhof von den persönlichen Auswirkungen der Pariser Terroranschläge aus dem November 2015. Sein Trauerdrama ist immer wieder effektiv, verharrt thematisch aber an der Oberfläche und enttäuscht mit einem schwachen Schlusspunkt.

    Wir haben „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ beim Filmfest Hamburg 2022 gesehen.


     


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