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    Driveways
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Driveways

    "Gran Torino" als Familienfilm

    Von Janick Nolting
    In den Filmen von Andrew Ahn brodelt das Unausgesprochene. Der koreanisch-amerikanische Regisseur zeigt hin- und hergerissene Menschen, die sich auf der einen Seite nach Geborgenheit in familiären und kulturellen Strukturen sehnen, zugleich aber auch ein Stück weit in ihnen gefangen sind. So drehte er seinen Kurzfilm „Dol“ etwa als Ersatz für sein Coming Out vor seiner Familie. Auch in seinem Langfilmdebüt „Spa Night“ erzählte von einem Jugendlichen, der seine Sexualität nur heimlich in den Badehäusern Koreatowns ausleben kann.

    Mit beiden Filmen trug Ahn nicht nur zur filmischen Repräsentation der asiatisch-amerikanischen Bevölkerung bei, sondern lieferte auch zwei ambitionierte Werke, die weniger mit einer ausgefeilter Handlung, sondern eher als ruhige Momentaufnahme bestechen – eine Erzählweise, die nun auch seinen bisher aufwändigsten und zugänglichsten Film „Driveways“ dominiert.

    In dem grummeligen Kriegsveteranen Del (Brian Dennehy) findet der achtjährige Cody (Lucas Jaye) einen unwahrscheinlichen Freund.


    Der achtjährige Cody (Lucas Jaye) ist gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter Kathy (Hong Chau) auf dem Weg in eine Kleinstadt im Bundesstaat New York. Nach dem Tod seiner Tante soll dort deren Nachlass geregelt werden. Im verwahrlosten Haus angekommen, folgt jedoch der Schock: Gerümpel überall, kein Strom, in der Badewanne eine tote Katze. Während sich Codys Mutter an die Arbeit macht, versucht der schüchterne Junge, irgendwie Anschluss zu finden. Den findet er ausgerechnet bei dem einsamen Witwer und Koreakriegsveteranen Del (Brian Dennehy), der in der Nachbarschaft wohnt…

    Melancholie von Anfang bis Ende


    Bereits in den ersten Szenen, in denen das Mutter-Sohn-Gespann im Auto fährt, spielt das Klavier im Hintergrund eine sentimentale Melodie – und es legt im Laufe des Films nur selten Pausen ein. Großes Drama wird bereits über die Musik angebahnt, bevor sich die eigentliche Handlung entspinnt. Gezeigt werden dazu Bilder von traurigen Kinderaugen und einem älteren Herrn, der einsam und allein sein Abendessen einnimmt.

    Wo Ahns Debüt „Spa Night“ noch mit beklemmender Stille arbeitete, Sehnsüchte und Ängste vor allem über ganz subtile Gesten erzählte, geht „Driveways“ als Familienfilm viel offensichtlicher und direkter vor, auch wenn die Grenze zum Kitsch in dieser Auseinandersetzung mit Ankunft und Abschiedsschmerz erstaunlich gekonnt umschifft wird.

    Großartige Darsteller-Riege


    „Driveways“ begeistert vor allem als Schauspielkino: Hong Chau („Downsizing“) im Zentrum als kämpferische Mutter, die ihrem Sohn ein besseres Leben ermöglichen will; Lucas Jaye, der mit seinen erst 13 Jahren wortkarg, aber mit großer Präsenz spielt; und natürlich der im April 2020 verstorbene „Rambo“-Gegenspieler Brian Dennehy, der hier als zweifelnder Kriegsveteran in einer seiner letzten Rollen zu sehen ist und besonders am Ende groß aufspielen darf. Andrew Ahn gelingt es galant, zwischen den drei Perspektiven hin- und herzuwechseln. Drei äußerst feinfühlig gezeichnete, zurückhaltende Figuren, die alle innere Kämpfe auszutragen haben und in ihrer ganz individuellen Einsamkeit zueinanderfinden.

    Ahns Drama atmet dabei den Geist der Versöhnung. Zwar sitzt Brian Dennehy von Beginn an stolz mit „Korean Veteran“-Basecap auf der Veranda und darf hier und da kurz erzählen, wie schlecht es ihm damals im Krieg ergangen ist, letztendlich beobachtet man aber lieber ihn und seine ehemaligen Kameraden beim drolligen Bingo-Nachmittag. Zu einer allzu kritischen Aufarbeitung holt man nicht aus. Konflikte werden hier leicht beiseitegeschoben. Während Andrew Ahn sonst im Unterdrückten und Verdrängten forscht, gibt es dieses Mal eher eine Beichtstunde zu sehen, in der die Sünden allzu schnell vergeben werden.

    Hong Chau hat sich 2018 für ihre grandiose Leistung in "Downsizing" eine Oscar-Nominierung als Beste Nebendarstellerin verdient.


    „Driveways“ balsamiert unter seiner melancholischen Oberfläche die geschundene amerikanische Seele mit einem Traum gegenseitiger Annäherung, die er optimistisch in der heranwachsenden Generation sieht. Ein bisschen wirkt das Drama so, als hätte Ahn ein kindertaugliches Pendant zu Clint Eastwoods großartigem „Gran Torino“ gedreht. Dass diese Aussöhnung aber leichter gesagt als getan ist, verdeutlicht der Film eigentlich bereits in der Vielzahl an Sorgen, starren Strukturen und Ressentiments, die er anfangs eröffnet. Nicht zuletzt verkörpert durch die aufdringliche konservative Nachbarin (Christine Ebersole) und ihre Rüpel-Kinder. Wobei: Auch ihnen ist in diesem Drama schnell verziehen.

    Sommerliches Wohlfühlkino


    Generell verliert sich der durchaus kurzweilige Film bei aller Einfühlsamkeit für die Charaktere leider etwas in seinen Problemherden. Geldsorgen, Abstiegsängste, Rassismus, Kriegstraumata, Wirtschaftskrise, das Altern, all das wird kurz angesprochen und definiert den Nährboden der recht offen gestalteten Anhäufung von Szenen und Eindrücken. Dezidierte Erkenntnisse, die über phrasenhafte Lebensweisheiten hinausgehen, weiß „Driveways“ diesen Punkten aber kaum abzuringen.

    Andrew Ahn versteht es zweifellos auch in diesem Film beeindruckend, in wenigen Dialogzeilen ganze Biografien zu umreißen und bloße Filmfiguren in komplexe Menschen aus Fleisch und Blut zu verwandeln. „Driveways“ hat in seiner einhüllenden, sommerlich verträumten Atmosphäre durchaus das Zeug zum Indie-Hit! Und doch steuert der sorgfältig gewebte Gefühlsteppich in seinem Freundlichkeits- und Lebensmut-Plädoyer auf eine etwas platte Erkenntnis zu.

    "Driveways" ist eine hinreißend gespielte, warmherzig inszenierte Coming-of-Age-Geschichte für die ganze Familie.


    Im Vergleich zu Ahns Erstlingswerk fehlt es an Konzentration. Wo dieser immer ganz nah bei seinem Protagonisten blieb und letztlich auch viel schärfer seine Gesellschaftskritik formulierte, schwelgt „Driveways“ recht ziellos vor sich hin. Der Titel (zu Deutsch „Einfahrten“) ist passend! Die 80 Minuten fühlen sich an wie eine nette Spazierfahrt durch die Kleinstadt. Man schwenkt hier und da in eine Einfahrt, trifft eine neue Person, unterhält sich kurz, aber so wirklich durchdringen kann man zueinander dann doch nicht.

    Dafür bleiben die Begegnungen zu flüchtig, die Blicke zu distanziert, auch wenn man spürt, wie tief die gemeinsamen sozialen Gräben sind. Ahns Familiendrama gipfelt in einem anrührenden Gespräch über das Auskosten der kleinen Momente. Wahrscheinlich ist „Driveways“ nicht mehr: Ein melancholischer, aber auch tröstlicher Auszug, ein kurzer Querschnitt durch ein Milieu, der ebenso unvermittelt endet, wie er begonnen hat.

    Fazit: „Driveways“ ist eine hinreißend gespielte, warmherzig inszenierte Coming-of-Age-Geschichte für die ganze Familie. Für ihre komplexen Probleme ist sie allerdings etwas zu seicht und ziellos geraten.

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