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    King Richard
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    King Richard

    Die bisher beste Schauspielleistung von Will Smith!

    Von Janick Nolting
    Der Zeitpunkt für diesen Film hätte kaum passender sein können: „King Richard“ startete in den USA nur wenige Tage nach der Veröffentlichung von Will Smiths Autobiographie, in der er seinen eigenen Aufstieg zum Hollywood-Superstar rekonstruiert. In „King Richard“ spielt er indes den Vater der Tennis-Superstars Serena und Venus Williams. Beide Werke handeln von einem ehrgeizigen Emporkämpfen und Erfolgsstreben – und sie laden beide zu einem Rückblick auf die Karriere des Schauspielers ein, der bereits kurz nach der Weltpremiere des Films als potenzieller Oscar-Topfavorit gehandelt wurde. In der Tat wirkt es nämlich so, als hätte Smith all seine darstellerischen Stärken in diesem Biopic zusammengeführt.

    Richard Williams (Will Smith) hat den Weg für seine Töchter Venus (Saniyya Sidney) und Serena (Demi Singleton) schon vor deren Geburt akribisch durchgeplant. Bereits in jungen Jahren beginnt Richard, den beiden Tennisunterricht zu geben. Eine Sportart, die immer noch von einer überwiegend weißen, privilegierten Oberschicht geprägt ist. Während die strenge Erziehung des Familienvaters fortwährend für Konflikte sorgt, führen seine Methoden tatsächlich zu enormem Erfolg. Seine Kinder steigen zu zwei der populärsten Tennis-Spielerinnen aller Zeiten auf…

    Richard Williams (Will Smith) hat schon vor der Geburt seiner Töchter entschieden, dass sie Tennisprofis werden sollen.


    Wie der Titel des Films von Reinaldo Marcus Green („Joe Bell“) bereits suggeriert, kann man „King Richard“ durchaus als heimliche Liebeserklärung an Richard Williams verstehen. Serena und Venus, die man eigentlich als Stars der Geschichte vermuten würde, stehen bis zum letzten Drittel überraschend deutlich im Hintergrund. Insofern nimmt dieses Drama also einen zumindest auf den ersten Blick erstaunlichen Perspektivwechsel vor, der nicht dem entspricht, was man von Biopics über berühmte Persönlichkeiten eigentlich erwartet. Alles dreht sich hier um die streitbare Vater- und Trainerfigur sowie die große Frage: Wie weit dürfen sich Eltern in das Leben ihrer Kinder einmischen?

    Will Smith spielt diesen Richard mit einer herausragenden Gefühlspalette: Das Lässige, Verschmitzte seiner früheren Erfolge wie „Der Prinz von Bel Air“ oder „Bad Boys“ kommt hier zusammen mit der ernsthafteren Schwere von „Ali“ und „Das Streben nach Glück“, für die Smith bereits für den Oscar nominiert war. Mit Trainingsjacke, weißen Strümpfen, zu engen Shorts und jeder Menge Eifer tappt Smiths King Richard umher. Es fällt ihm leicht, einen mit seinem Charme zu umgarnen – zugleich lernt man ihn auch schnell hassen für seine Verbissenheit und Kontrollsucht gegenüber der Familie.

    Der Kampf gegen Stigmatisierung


    Es dauert – auch angesichts der stolzen Laufzeit von 138 Minuten – eine ganze Weile, bis „King Richard“ zu einem Schlüsselmoment vordringt, der diesen Konflikt auf den Punkt bringt: In einem anrührenden Dialog zwischen Vater Richard und der von Aunjanue Ellis („When They See Us“) gespielten Mutter Oracene brechen alte Traumata wieder hervor – und die fördern genau das zu Tage, was man hinter dem strengen Verhalten des Patriarchen längst vermutet hat. Es ist die eindrucksvollste Sequenz des gesamten Films, weil sie das erzählerische Potential von „King Richard“ offenlegt.

    Im Kern handelt das Sport-Drama von einer afroamerikanischen Familie, die es sich im Gegensatz zur weißen Bevölkerung nicht leisten kann, einfach nur ein durchschnittliches Leben zu führen. Das erinnert ein wenig an Trey Edward Shults‘ Familiendrama „Waves“, das ein besonders tragisches Scheitern an diesem Druck aufzeigte. Es scheint in der Welt von „King Richard“ nur zwei Möglichkeiten zu geben – entweder der Aufstieg in den Olymp oder ein Leben voller Abstiegsängste, Drogen und Gewalt. Richard Williams kämpft in genau diesem Zwiespalt. Der auf der Leinwand omnipräsente Will Smith lässt seine Figur dabei nahbar werden und schützt sie vor einer bloßen Dämonisierung, wo sie als repressiver Patriarch heute eigentlich sofort als knallrotes Tuch gelten würde.

    Die Williams-Schwestern selbst kommen bei der Feier ihres ehrgeizigen Vaters leider ein wenig kurz...


    Zugleich fehlt dem Titel(anti)Helden auf dem schmalen Grat zwischen Förderung und Manipulation ein echtes Gegengewicht im Drehbuch (etwa in Form der auf den Skriptseiten leider unterentwickelten Williams-Schwestern). So bleibt die Frage offen, wie man Richards Verhalten wohl beurteilt hätte, wenn sein Prestige-Streben in der Realität gescheitert wäre? Solche Grautöne sind in der wahren Geschichte zwar angelegt und doch findet die Inszenierung von Reinaldo Marcus Green eine zu bequeme Antwort, die sich kaum von jenem Leistungsdenken abhebt, in das auch die Williams-Familie verstrickt ist.

    Rein visuell kann man seinem Film wenig vorwerfen, da punktet der Film mit üppigem, aufwändig ausgestattetem Neunziger-Zeitkolorit. Greens versteht es bestens, das Compton und die elitäre Tennis-Welt dieser Zeit zum Leben zu erwecken. Im selben Moment erinnern viele Sport- und Trainingssequenzen sowie sein Montieren von Erfolgserlebnissen immer mehr an heutige pseudo-motivierende Clips von Fitness-Coaches. Spätestens in dem kitschigen Ende offenbaren sie ein ernüchterndes Kalkül.

    Schon wieder der American Dream


    „King Richard“ hinterlässt so den Eindruck, dass ihm vor allem daran liegt, ein Exempel mit dem Erfolgsprozess der Williams-Töchter zu statuieren. Das Hinterfragen der männlichen Hauptfigur bleibt zunächst hinter dem sportlichen Wettkampf und final hinter dem aufbrandenden Glamour und aufbrausenden Jubel zurück. Es scheint plötzlich so, als hätte es gar keine Alternative zu dem gegeben, was zuvor auf den Prüfstand gestellt wurde. Rechtfertigung und Glorifizierung scheinen jede Ambivalenz verdrängen zu wollen.

    Hebt sich „King Richard“ abseits der Perspektivverschiebung also wirklich von vielen anderen Biopics ab? In finaler Konsequenz zelebriert auch Greens Sport-Film in epischer Länge nur das typische US-amerikanische Aufstiegsversprechen, das sich scheinbar für alle mit harter Arbeit erfüllen kann. Er ruft einem zu jeder Zeit die Binsenweisheit „Dream Big!“ entgegen, ganz in der Manier seines Protagonisten. Nur vereinzelt werden da Zugeständnisse an persönliche Befindlichkeiten, Rückschläge und gesellschaftliche Umstände gemacht. Letztendlich feiert das Drama auf dem Tennisplatz ein weiteres Mal das trügerische Märchen der Hartnäckigkeit und Selbstdisziplinierung der Familie. Sie allein soll über Glück, Unglück und vor allem Ansehen entscheiden.

    Fazit: Will Smith begeistert mit der wohl vielschichtigsten Schauspielleistung seiner Karriere. Davon abgesehen präsentiert sich „King Richard“ trotz interessanter Fragen nach sozialen Ungerechtigkeiten und familiärem Druck aber als schnörkellos inszeniertes und in seiner Aussage generisches American-Dream-Kino.

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