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    Contra
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Contra

    Schon ein Rassist oder einfach nur ein Arsch?

    Von Christoph Petersen
    Nach dem Erfolg von „Der Vorname“, der auf dem gleichnamigen französischen Vorbild aus dem Jahr 2012 basiert und der bei seinem Start 2018 allein in Deutschland starke 1,2 Millionen Besucher in die Kinos locken konnte, knöpft sich Regisseur Sönke Wortmann nun direkt den nächsten französischen Kinohit vor, um ihn für den hiesigen Markt neu aufzulegen. Wie in „Der Vorname“, in dem eine bildungsbürgerliche Familie herzhaft darüber diskutiert, ob man seinen Sohn heutzutage noch „Adolf“ nennen darf oder nicht, geht es dabei auch diesmal wieder um die Macht der Sprache in Zeiten politischer (Über-)Korrektheit.

    In der 2017 erschienenen Komödie „Die brillante Mademoiselle Neïla“ von Yvan Attal spielt Daniel Auteuil einen verbitterten Professor, der so ziemlich jedem mit einer kaum verhohlenen Verachtung gegenübertritt. Als er jedoch eine junge Studentin auf verabscheuungswürdige Weise beleidigt, kann er seine Professur anschließend nur noch retten, indem er sie auf einen landesweiten Debattierwettbewerb vorbereitet. In seinem Remake „Contra“ übernimmt Wortmann nun viele Szenen des Originals nahezu unverändert und trotzdem fühlt sich sein Film ganz anders an – und das liegt zu einem nicht geringen Teil an Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst.

    Der Juraprofessor Richard Pohl (Christoph Maria Herbst) erhält von seinem Mentor noch eine allerletzte Chance …


    Der an der Frankfurter Uni unterrichtende Juraprofessor Richard Pohl (Christoph Maria Herbst) ist ein Zyniker, wie er im Buche steht – und weil er die Eristische Dialektik von Schopenhauer im Schlaf beherrscht, verfügt er zudem auch über die rhetorischen Mittel, um alles und jeden nur mit seiner präzisen Ausdrucksweise unangespitzt in den Boden zu rammen. Diese Erfahrung muss auch die Studentin Naima (Nilam Farooq) machen, die an ihrem ersten Tag zu spät in die Vorlesung kommt, wo sie von ihrem Professor direkt mit rassistisch und sexistischen Kommentaren bloßgestellt wird.

    Ein Video des Vorfalls geht innerhalb weniger Stunden viral, eine Online-Petition hat schnell eine sechsstellige Zahl von Unterstützern. Es scheint unausweichlich, dass Pohl vor den Disziplinarausschuss gestellt und aus seinem Job entlassen wird. Aber der Präsident der Universität (Ernst Stötzner) gibt ihm dennoch einen Rat mit auf den Weg: Wenn Pohl seine Studentin mit Erfolg auf den nahenden bundesweiten Debattierwettbewerb vorbereiten würde, könnte das seine Chancen vor dem Ausschuss maßgeblich verbessern. Nur hat Naima neben der hohen Kunst des Streitgesprächs auch noch andere Probleme – wenn sie mit ihren Nebenjobs nicht genug Geld verdient, wird ihre Familie abgeschoben…

    Geständnis eines Kritikers


    Wenn ein Remake die kleinen Widerhaken des Originals weitestgehend glattbügelt und selbst die verbliebenen ungemütlichen Ambivalenzen mit Schmackes aus dem Weg räumt, dann ist das in der Regel etwas, auf das man sich als Kritiker sofort stürzt: Um den Zuschauer bloß nicht aus seiner Komfortzone zu drängen, wird auf jede künstlerische Integrität gepfiffen (das beste Negativbeispiel dafür ist das sinnentstellende deutsche Wohlfühl-Ende von „Das perfekte Geheimnis“). Im Fall von „Contra“ muss ich allerdings ein Geständnis machen: Ich war schon irgendwie auch froh, dass mich das Remake nicht derart auf dem falschen Fuß erwischt hat wie das Original!

    In „Die brillante Mademoiselle Neïla“ habe ich die Figur von Daniel Auteuil ab der ersten Entgleisung im Vorlesungssaal als verabscheuungswürdigen Rassisten wahrgenommen – und an dieser Einschätzung hat sich bis zum Rollen des Abspanns nichts mehr geändert. Natürlich ist es auch eine Qualität, wenn ein Film es zulässt, dass ein Teil der Zuschauerschaft gleich in der ersten Kurve durch die Leitplanke kracht und einen Abhang hinunterstürzt – es ist nur eben nicht so schön, wenn man selbst zu jenen gehört, die den Rest der Fahrt deshalb verpassen. Sönke Wortmann leitet sein Publikum hingegen sehr viel sachter durch die Dramaturgie des Films. Das ist dann schon deutlich weniger rasant, aber immerhin kommen (fast) alle an.

    … und so bereitet er seine Studentin Naima (Nilam Farooq) auf die Teilnahme an einem landesweiten Debattierwettbewerb vor.


    Das geht schon beim Hauptdarsteller los: Christoph Maria Herbst („Er ist wieder da“) ist super in der Rolle – er ist aber im Gegensatz zu Daniel Auteuil auch jemand, der selbst in seinen finstersten Momenten immer noch einen gewissen verschmitzten Charme durchscheinen lässt, da wird er seine „Ladykracher“- und „Stromberg“-Wurzeln einfach nicht endgültig los. Und um wirklich sicherzugehen, dass sein Professor Pohl zwischendrin die Sympathien des Publikums nicht endgültig verliert, dichten ihm Wortmann und sein Drehbuchautor Doron Wisotzky („Halbe Brüder“) auch noch eine bei einem Unfall verstorbene Tochter an. Das zieht immer.

    Das klingt jetzt alles sehr nach „weichgewaschen“ – und das ist ja auch so. Zugleich konnte ich den Stoff jetzt zum ersten Mal so sehen, wie er eigentlich gedacht ist – und da gibt es tatsächlich eine ganze Menge Gelungenes zu entdecken: Nach Camélia Jordana, die für ihre Rolle in „Die brillante Mademoiselle Neïla“ als Beste Nachwuchsschauspielerin mit dem französischen Oscar ausgezeichnet wurde, brilliert nun auch Nilam Farooq („Rate Your Date“) in der weiblichen Hauptrolle – und die Schilderung ihres Milieus ist Wortmann auch am besten gelungen, weil er hier trotz frühmorgendlichem Zeitungsaustragen und zu kleinen Hochhauswohnungen die gängigen Klischees konsequent unterläuft. Wenn Naima mit ihrer Clique und ihrem besten Freund Mo (Hassan Akkouch) abhängt, dann würde man gerne mehr Zeit mit ihnen verbringen – vor allem, wenn sei auf dem Kinderspielplatz eine Partie „Werwolf“ (ist ja quasi „Schopenhauer – Das Kartenspiel“) zocken.

    Debattenkultur


    Ebenfalls gelungen sind die scharfzüngig vorgetragenen Debatten beim Training und dann auch beim mehrstufigen Wettbewerb (in dieser Hinsicht folgt „Contra“ einer typischen Sportfilm-Dramaturgie). Selbst wenn einige Themen wenig subtil so ausgesucht wurden, dass sie weniger in einen solchen Wettbewerb als vielmehr zur Moral des Films passen (Naima muss an einer Stelle argumentieren, warum der Islam keine gewalttätige Religion sei; die Gegendebatte wird ausgespart), sind die Argumentationsschlachten stark geschrieben. Eine weitere Weglassung gegenüber dem Original finde hingegen auch ich enttäuschend: Im Vergleich zur Vorlage steigt „Contra“ längst nicht derart tief in die einzelnen Kunstgriffe von Schopenhauers Redekunst (es gibt 38) ein – schon schade, dass man offenbar auch das den deutschen Bildungsbürgerkinogängern heutzutage nicht mehr zumuten kann.

    Fazit: Fans von „Der Vorname“ werden sicherlich auch hier wieder auf ihre Kosten kommen – „Contra“ ist eine mit politischen Inkorrektheiten und sprachlichen Kabinettstückchen jonglierende Wohlfühl-Komödie, deren Ecken und Kanten im Vergleich zur französischen Vorlage merklich abgerundet wurden.

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