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    Unbreakable - Unzerbrechlich
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Unbreakable - Unzerbrechlich
    Von René Malgo
    Nach dem durchschlagenden Erfolg mit dem Grusel-Thriller The Sixth Sense stiegen die Erwartungen an Regisseur und Drehbuchautor Manoj Night Shyamalan ins Unendliche. Er überraschte seine Fans im neuen Jahrtausend mit einem Film über Superhelden. Aber Shyamalan wäre Shyamalan nicht, würde sich „Unbreakable“ dieser neuerdings im Kino sehr beliebten Thematik nicht aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive nähern. Trotz nicht zu leugnender Schwächen kann das ambitionierte Projekt in großen Teilen auf bemerkenswerte Art und Weise als geglückt bezeichnet werden.

    David Dunn (Bruce Willis) ist ein typischer Durchschnittsbürger. Seinen Lebensunterhalt verdingt er als Ordner in einem Football-Stadion. Seine Ehe mit Audrey (Robin Wright Penn) liegt in Brüchen, das Leben hätte wesentlich besser verlaufen können. Während einer Eisenbahnfahrt geschieht das Unfassbare. Der Zug verunglückt, einzig David Dunn überlebt – und das ohne einen einzigen Kratzer. Bald darauf kontaktiert ihn der eigenartige Elijah Price (Samuel L. Jackson), der ein Museum für Comic-Künste führt. Elijah eröffnet David, dass er unzerbrechlich ist. Dass er wie die mythologischen Figuren aus Sagengeschichten und Comics das Zeug zu einem Superhelden hätte. Von dieser verrückten Idee will der vernünftige David nichts hören, doch bohrende Fragen und nachdenklich stimmende Bemerkungen von Elijah lassen ihn nichtsdestotrotz nachforschen. David muss erkennen, dass er tatsächlich anders als die anderen ist. Und das behagt ihm anfangs gar nicht…

    Ein Paar Texttafeln zu Beginn klären den Zuschauer gleich darüber auf, dass „Unbreakable“ ein Film über Comics ist; und dass „Unbreakable“ besagte Kunstform ernst zu nehmen gedenkt. In Amerika ist die so genannte Comickultur sehr groß. Gerade seit den geistigen Ergüssen des großen Pioniers der amerikanischen Comickunst, Will Eisner, wird diese Literaturform in den Staaten ziemlich ernst genommen. In Europa kann von solchen Verhältnissen bislang nur geträumt werden. Frankreich und Belgien weisen eine zwar lebendige Comickultur auf, doch hierzulande werden Comics größtenteils noch als Triviallektüre für Kinder belächelt. Hollywood hat ihr Potenzial schon längst entdeckt und schlachtet die Vorlagen mal mehr, mal weniger gut aus. Seriösere Werke wie die Underground-Comic-Adaption Ghost World, die Kult-Comic-Adaption American Splendor, die düstere Vater- und Sohn-Parabel Road To Perdition, die vielschichtige Superheldenverfilmung Batman Begins oder die ultrabrutale Pseudo-Noir-Ballade Sin City stellen mittlerweile einem breiteren Publikum unter Beweis, dass Comics bzw. Graphic Novels bei weitem nicht nur für Kinder tauglich sind und sich längst ihren Platz in der modernen (Pop-)Kultur verdient haben. Schon vor jenen Filmen versuchte M. Night Shyamalan dieser Comic-Kultur ein Denkmal zu setzen und kreierte „Unbreakable“.

    Nehmen wir die Schwächen gleich einmal vorweg: „Unbreakable“ nimmt sich selbst todernst und versteht sich als mystische Erzählung über eine neu geschaffene, moderne Sagengestalt. Daran ist nichts Verwerfliches, da aber mit Superheldengeschichten immer Logikbrüche einhergehen, während „Unbreakable“ sein Sujet als Realität verkauft, ist unfreiwillige Komik zuweilen unvermeidlich. Wer noch immer verächtlich auf Comics im Allgemeinen und Superheldengeschichten im Besonderen herab blickt, wird sich über „Unbreakable“ entweder grün und blau ärgern, oder das engagierte Mystery-Drama glatt auslachen. Eine gute Portion Aufgeschlossenheit gegenüber Shyamalan und seine tiefseriöse, fast religiös verehrende Herangehensweise an Geschichten aus denen Comics gemacht sind, ist schon von Nöten. Darüber hinaus wirft „Unbreakable“ einige Fragen auf, die nicht zufrieden stellend beantwortet werden können: Wieso z.B. hat David sein Leben lang nicht registriert, dass er nie verletzt oder krank war? Warum hat er seine Fähigkeit, das Böse anderer Menschen zu spüren, nie als etwas Außergewöhnliches erfahren? Hat der gute Mann noch nie einen Fantasy-Film gesehen?

    Den von Fans erwarteten finalen Story-Twist, der alles bisher gesehene auf den Kopf stellt, wird von Shyamalan wie erwartet geliefert. Er überrascht – ohne ein großer Knall zu sein - wirft zwar wieder einiges an Fragen qua Logik und Glaubwürdigkeit auf, rundet die Story aber auf eine erstaunlich geniale Art und Weise ab. Plötzlich macht Shyamalans selbst ersonnene, moderne Mythologie im großen Ganzen mehr Sinn und offenbart des Filmes Anliegen. Bis heute halten sich hartnäckig Gerüchte, dass „Unbreakable“ als Auftakt zu einer Trilogie konzipiert wurde. Der Gedanke ist nicht so abwegig und sogar wünschenswert, denn „Unbreakable“ kann durchaus als Einleitung zum Superheldentum des David Dunn gesehen werden. Im Grunde ist „Unbreakable“ eine einziger großer Prolog – aber ein sehr faszinierender. Das Finale offenbart den wahren Charakter bestimmter Figuren und etabliert den für Superheldenparabeln wichtigen Antagonist als pures Gegenstück zum Protagonisten und Helden.

    M. Night Shyamalan ist ein großartiger Regisseur. Das zeigt er auch in „Unbreakable“. Seine Regie ist eine der subtilen Noten. Exzellent integriert er in der Eröffnungsszene David Dunn als Antiheld und Durchschnittsmensch. Unbeholfen baggert David im Zug eine Frau an, die sich als verheiratet und nicht interessiert entpuppt. In dieser Szene erhält David gleich eine solide Charakterisierung und einen deutlichen Hintergrund: Die Ehe funktioniert nicht mehr, er ist ein Suchender. Suchend nach sich selbst, einem neuen Leben, Nähe zu irgendeiner Person. Noch besser wird es, als David im Krankenhaus von seiner Frau abgeholt wird. Die Kameralichter blitzen auf, entgeistert schauen die Hinterbliebenen aller Verstorbenen den einzigen Überlebenden an. Hand in Hand verlassen Mann und Frau das Krankenhaus, als sie außer Sicht aller Gaffer sind, lösen sich die Hände wieder. Sohn Joseph (Spencer Treat Clark) bekommt davon nichts mit. Zu froh ist er wegen des Überlebens seines Vaters. Diese sorgfältig gefilmten Szenen sind intensiv und erzählen sehr viel, ohne viel der Worte zu verlieren.

    Eduardo Serras (Das Mädchen mit dem Perlenohrring) ausgesprochen edle Kameraführung ist nicht von schlechten Eltern und bannt den Film in stimmige Bilder. „Unbreakable“ lebt von seiner dichten Atmosphäre und verzichtet konsequent auf jedwede Action. Shyamalans Drama kokettiert nicht mit den üblichen Schauwerten, die eine gängige Superheldenverfilmung zu bieten gedenkt. Der Zugunfall wird gar nicht erst gezeigt, die einzige Actionszene des Films ist so langsam inszeniert, dass der Betrachter nicht wirklich das Gefühl hat, Action zu sehen. Aber gerade die Langsamkeit der Inszenierung erhöht die Spannung. Der Film bringt seinen Antiheld dem Zuschauer sehr nahe. Schritt für Schritt vollzieht das Publikum nach, wie David neu zu sich selbst und zu seinen unentdeckten Fähigkeiten findet. Er muss zuerst lernen, mit der neuen Erkenntnis zurecht zu kommen. Und das ist nicht so einfach. Neben dem seltsamen Elijah (Samuel L. Jackson) glaubt vor allem sein Sohn (Spencer Treat Clark) an seine übernatürlichen Fähigkeiten. Seine Frau (Robin Wright Penn) fürchtet den Elijah, der immer wieder in deren Leben auftaucht. Seine Theorien hält sie für hirnrissig und sie wünscht, dass sich Sohnemann und Vater fern vom Verrückten halten. Das Zugunglück hat das Paar wieder etwas näher zusammen gebracht. Sie wollen es noch einmal versuchen, sich noch einmal neu kennen lernen.

    Es ist vorbildlich, wie Shyamalan versucht, alltägliche, persönliche Probleme mit dem Phantastischen, der Entwicklung zum Superhelden, zu verbinden. Ausgerechnet in den Szenen zwischen David und seiner Frau hat der Film seine stärksten Momente und funktioniert als normales, zutiefst berührendes Beziehungsdrama jenseits gängiger Klischees. Stark, aber oft befremdlich, sind auch die Szenen zwischen David und Elijah. David wird vom Eigenbrödler und Comicfanatiker angezogen, fühlt sich in seiner Nähe aber nur bedingt wohl. Elijah streicht die mythologische Bedeutung von Comics heraus und behauptet, sie seien ein Abbild der Realität. In manchen seiner Theorien geht Elijah (und somit der Film) ein bisschen sehr weit, aber es kann nicht gesagt werden, „Unbreakable“ liefere keine interessanten oder ausgefallenen Gedankenanstöße.

    „Unbreakable“ profitiert auch vom exzellenten Spiel seiner Schauspieler. Nach Pulp Fiction und Stirb langsam 3 sind die beiden Herren Bruce Willis und Samuel L. Jackson in zwei für sie ungewohnten Rollen erneut vereint. Beide machen ihre Sache sehr gut. Willis unterstreicht seine Ambition, auch in Charakterrollen überzeugen zu wollen. Wichtige Mosaiksteinchen für das darstellerisch überzeugende Gesamtbild sind desgleichen Robin Wright Penn (Forrest Gump, Ein Zuhause am Ende der Welt) als Filmehefrau und Spencer Treat Clark (Mystic River) als Sohnemann, der weder nervt, noch altklug daher kommt, sondern genauso agiert, wie ein Halbwüchsiger nun mal so ist. Sie alle geben dem mystischen Film die wichtige persönliche Note.

    Das brillant gefilmte, eigenwillige Mystery-Drama wird nicht jedermanns Fall sein, gehört aber definitiv zu den unterschätzten Werken seiner Zunft. Der Film birgt großes Serienpotenzial und Shyamalans ehrgeiziges Ansinnen, eine eigene, moderne Superhelden-Mythologie aus dem Boden zu stampfen, ist aller Ehren wert. Wenn „Unbreakable“ tatsächlich der Auftakt zu einer Trilogie ist, bleibt zu hoffen, dass sich Shyamalan bald daran macht die Geschichte fortzusetzen, denn die Charaktere wurden vorbildlich eingeführt, der Grundstein ist gelegt und eine konsequente Fortführung der in „Unbreakable“ eingeschlagenen Linie könnte höchst Interessantes und Spannendes zu Tage fördern…
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