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    Was geschah mit Bus 670?
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Was geschah mit Bus 670?

    Der Teufel spukt im Niemandsland

    Von Janick Nolting
    Die Mythen, die sich um die Grenze zwischen den USA und Mexiko ranken, sind nicht totzukriegen. Zahllose Westernfilme, Dramen und Thriller, von „The Wild Bunch“ bis „Sicario“, zeugen davon. Brutale Kriege werden dort ausgetragen, Schmuggelgeschäfte vollzogen. An einem Ort der Aus- und Abgrenzung, an dem „der Westen“ seinem herbeifantasierten „Anderen“ begegnet. Aber auch an einem Sehnsuchtsort Umherirrender, die sich Wohlstand und Aufstieg erhoffen.

    Fernanda Valadez hat in ihrem mehrfach preisgekrönten Langfilmdebüt „Was geschah mit Bus 670?“ dieses Grenzgebiet mit allen Mythen und Ambivalenzen in eine filmische Form gebracht. Gleich zu Beginn des Dramas zeigt sie in einer schmerzhaften Nahaufnahme eine Operation am offenen Auge. Ihr Film will das Publikum die Geschehnisse im mexikanischen Niemandsland neu sehen lassen. Er bohrt in unserem Blickwinkel, sensibilisiert ihn für marginalisierte Perspektiven und trübt ihn zugleich. Die Route von „Bus 670“ führt wortwörtlich in die Finsternis.

    Magdalena (Mercedes Hernández) begibt sich auf die Suche nach ihrem Sohn - obwohl sie selbst spürt, dass sie eigentlich hoffnungslos ist...


    Seit zwei Monaten vermisst Magdalena (Mercedes Hernández) ihren Sohn Jesús (Juan Jesús Varela). Gemeinsam mit einem Freund wollte dieser Zentral-Mexiko verlassen, um in die USA überzusiedeln, wo er sich ein besseres Leben ersehnte. Als nun die Leiche von Jesús‘ Freund gefunden wird und die Behörden Magdalenas Sohn ebenfalls für tot erklären wollen, reist sie trotz aller Warnungen auf eigene Faust gen Norden. In der gefährlichen Todeszone zwischen Mexiko und den USA will sie Jesús wiederfinden…

    „Was geschah mit Bus 670?“ liegt nicht sonderlich viel daran, auf möglichst sachliche Art und Weise politische Zusammenhänge zu erklären. Fernanda Valadez lässt vielmehr eine gesellschaftliche Lähmung, einen Schockzustand sinnlich greifbar werden. Menschen verschwinden, zurück bleibt Fassungslosigkeit. Aus dem Grenzland kehren Tote heim, teils nur in Form erschütternder Fotografien und Hinterlassenschaften, die nun die Bevölkerung heimsuchen. Weder Recht noch Gesetz scheinen dort zu gelten. Die Behörden sind macht- und willenlos, an den jahrelang gewachsenen Konflikten und Schräglagen etwas zu ändern. Mütter stehen Schlange, um Leichen zu identifizieren, sofern das bei den Überresten überhaupt noch möglich ist.

    Verschwimmende Perspektiven


    Eine bleierne Schwere liegt über „Was geschah mit Bus 670?“. In langen Einstellungen lässt die Regisseurin ihre Figuren über die eigenen Lebensumstände grübeln. Ihr ist ein höchst immersiver Film gelungen, der sich mit bedächtiger Ruhe entfaltet. Der nicht nur ein Gespür für seinen Kosmos vermittelt, sondern auch für die Orientierungslosigkeit seiner Bewohner. Das ist vor allem auch der Kameraarbeit von Claudia Becerril Bulos zu verdanken.

    Eine der eindrucksvollsten Sequenzen findet sich in der ersten halben Stunde: Der junge Migrant Miguel (David Illescas) wird von den Vereinigten Staaten abgewiesen und muss zurück nach Mexiko. Auf Schritt und Tritt folgt ihm die Kamera durch die Transitzone, durch Drehkreuze und über Rampen. In der Ferne schimmern Ströme an Autos, die ebenfalls die Übersiedelung wagen wollen. Träume sind geplatzt, Zukunftsperspektiven verschwimmen. Mit ihnen verschwimmt auch das Sichtfeld. Hintergründe lösen sich zu psychedelischen Klangteppichen in Flecken, Strukturen und Mustern auf. Gemütszustände und Räume zerfließen in irrlichternden Gebilden.

    Die Transitzone zwischen Mexiko und den USA ist vieles - unter anderem auch ein Ort der zerplatzten Träume...


    Ferndanda Valadez ist neben solchen stilistischen Kniffen ein ebenso geradliniger wie unberechenbar erzählter Film gelungen. Dazu benötigt „Bus 670“ noch nicht einmal viel Handlung. Im Zentrum steht schlicht eine Suche, eine Bewegung durch Territorien, die nahezu zwangsläufig auf eine Enttäuschung zusteuern muss. Das Grenzgebiet, das man als Ort des Grauens erwartet, erscheint in erster Linie als trostlose, verschlingende Ödnis. Politisches Versagen, Misstrauen und kollektiver Frust schwelen in der ausgetrockneten Landschaft. Magdalena und Miguel bewegen sich in ihr aus gegensätzlichen Richtungen aufeinander zu. Eine Geflüchteter und eine Verlassene treten in Dialog. Im Zentrum ihrer Begegnung steht die Frage nach dem lebenswerten Leben sowie der Verantwortung für sich selbst und die Hinterbliebenen.

    Western-Mythen werden entzaubert


    Auf kunstvolle Weise vereint Fernanda Valadez in dieser zweiten Filmhälfte ein Migrationsdrama mit Eindrücken des Westernkinos. Da lauert in der Tat noch unterschwellig das Mythische in der Steppe, „Was geschah mit Bus 670?“ kann sich dem ästhetisch nicht verwehren. Aber er weiß auch um dessen Trugbilder. Seine Auflösung erscheint ebenso grausam wie ernüchternd. Vielleicht geht Valadez nur bei der Rahmung, die sie für ihren Horror wählt, etwas zu weit. Im Schlüsselmoment höchster Grausamkeit zieht sie sich in übersinnliche Metaphorik zurück. In der Zwischenwelt, die die Regisseurin erkundet, ist die Verführung durch das Böse groß. Satan selbst scheint dort sein Unwesen zu treiben. In Deutschland ziert er sogar das Filmplakat.

    Wo es aber konkrete, allzu reale Zusammenhänge herzustellen gilt, naturalisiert „Was geschah mit Bus 670?“ auf eigenartige Weise seine menschlichen Abgründe. Valadez‘ Film ist bewusst poetisch überhöht, schwelgend in seinen bedeutungsschweren Bildern. Vieles bleibt vage Andeutung. Wer weiß, vielleicht ist die gedankliche Flucht in das Übersinnliche ja tatsächlich nur der nächste logische Schritt, um den Schrecken irgendwie verarbeiten und fassen zu können. Unerbittlich frisst dieser Gewaltenkreislauf alles auf, was sich ihm nähert. Da erscheint es folgerichtig, dass der Film in seinem finalen Akt ins Dunkle stürzt. Nur vereinzelt erhellen Taschenlampen Ausschnitte seiner Welt. Lichtblicke, Hoffnungsschimmer findet man ohnehin kaum in dieser Geschichte.

    Fazit: Fernanda Valadez ist eine wirkmächtige, originell erzählte Migrationsgeschichte und Ortserkundung gelungen. Mit großer inszenatorischer Raffinesse und symbolträchtigen Bildern fängt „Was geschah mit Bus 670?“ die Desillusionierung und den Schrecken einer erstarrten Gesellschaft ein.

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