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    The Lost Daughter
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Lost Daughter

    Mehr Elena Ferrante für Fans von "Meine geniale Freundin"

    Von Björn Becher
    2016 gelang der italienischen Autorin, die nur unter dem Pseudonym Elena Ferrante publiziert, mit dem Roman „Meine geniale Freundin“ ein solcher Welterfolg, dass das Magazin Time sie zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt kürte – obwohl die Öffentlichkeit noch immer nich sicher weiß, wer sie wirklich ist und wie sie aussieht. Eine Gruppe von Journalist*innen bediente sich sogar teilweise illegaler Methoden, um die anonyme Autorin outen zu können. Schon zehn Jahre vor dem weltweiten Trubel um „Meine geniale Freundin“ veröffentlichte Ferrante den provokanten Roman „Frau im Dunkeln“ …

    … den die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal („The Deuce“) nun für Netflix adaptiert hat: „The Lost Daughter“, so auch der englische Romantitel, handelt allerdings mehr von verlorenen Müttern, welche die ihnen von ihrer Familie und der Gesellschaft zugedachte Rolle nicht länger auszufüllen bereit sind. Das ist immer noch ein ganz heißes Eisen: Frauen, die mit allen Konsequenzen auch mal zuerst an sich denken, aber deshalb nicht gleich verdammt werden. Maggie Gyllenhaal gelingt so ein komplexer Film über zwei Mütter, die von gleich drei herausragenden Schauspielerinnen verkörpert werden – selbst wenn sich die Regiedebütantin dabei mitunter zu sehr in ihrer Symbolik und den irgendwann überhandnehmenden Rückblenden verliert.

    Leda will nur einen ungestörten Sommer verbringen ...


    Die alleinstehende Professorin Leda (Olivia Colman) sucht auf einer griechischen Urlaubsinsel nach Entspannung. Doch das Idyll bekommt schnell Risse. Das Obst in der adrett angerichteten Schale erweist sich beim Aufheben als verfault und ein widerlich-brummendes Insekt zerplatzt auf ihrem Kopfkissen. Aber vor allem beeinträchtigt eine griechisch-amerikanische Großfamilie aus Queens die Ruhe am Strand. Während Leda von den vulgär-lauten Eindringlingen größtenteils genervt ist, scheinen sie die sich im sehr knappen Badeanzug sonnende Nina (Dakota Johnson) und ihre Tochter Elena (Athena Martin) schwer zu faszinieren.

    Als das kleine Mädchen plötzlich für kurze Zeit verschwindet, erinnert sich Leda an einen ähnlichen Schockmoment, den sie als junge Mutter (nun: Jessie Buckley) hatte. Immer öfter kommen in Leda nun solche Erinnerungen hoch – und sie klaut ohne ersichtlichen Grund die Lieblingspuppe des Mädchens am Strand, was deren gesamte Familie Aufregung versetzt. Obwohl die anschließende Suchaktion schnell absurde Ausmaße annimmt und Ninas furchteinflößender Ehemann Toni (Oliver Jackson-Cohen) womöglich in mafiöse Geschäfte verstrickt ist, denkt die Britin nicht daran, die im Küchenschrank versteckte Puppe zurückzugeben…

    Nach dem Film geht die Diskussion noch weiter


    Ob Leda die Puppe klaut, um die Familie des Mädchens für die Störung ihres Urlaubsfriedens zu bestrafen, oder ob sie ganz andere Motive verfolgt, überlässt Maggie Gyllenhaal großzügig der Interpretation des Publikums. Sowieso ist sie auch hinter der Kamera unglaublich selbstbewusst und stilsicher. In den ersten Minuten mag man das von Hélène Louvart („Niemals selten manchmal immer“) mit intensiver Handkamera bebilderte Debüt noch als hübsch anzusehenden Sommerfilm abtun. Aber schnell deuten die ersten düsteren Vorboten noch weitere Ebenen an – und tatsächlich ist „The Lost Daughter“ ein Film, der zur Interpretation und Diskussion einlädt.

    Dafür sorgt Gyllenhaal schon, indem sie ein unbequemes Thema anpackt und Frauen in den Mittelpunkt stellt, die an ihrer zugedachten Mutterrolle nicht nur zweifeln und verzweifeln, sondern auch ganz bewusst aus ihr ausbrechen. Wenn Leda auf ihre Töchter angesprochen wird, rattert sie pflichtschuldig deren Alter runter, wechselt dann aber schnell das Thema. Erst nach und nach schälen sich die Gründe dafür heraus. Auch wenn die Rückblenden etwas zu ausführlich geraten sind und die Story in der Gegenwart wiederholt etwas zu stark ausbremsen, erschaffen sie ein kraftvolles Bild der von den Kindern und ihren eigenen (Karriere-)Träumen überforderten Leda.

    ... doch dann erblickt sie Nina.


    Ed Harris („Die Truman Show“) darf als Hausverwalter Lyle zwar eine köstliche Tanzszene hinlegen, aber ansonsten existieren die Männerfiguren vor allem, um als Bedrohung, Flirt oder Affäre die Geschichten der beiden Protagonistinnen voranzubringen. Dass die zwei Frauen trotzdem ein Stück weit ein Enigma bleiben, ist dabei Teil des Programms. Leda, die mitunter so bestimmt auftritt, dass sie sich damit selbst in Gefahr bringt (etwa im Streit mit einer Gruppe Teenager im Kino), scheint schließlich oft selbst nicht so genau zu wissen, was sie eigentlich will. Wenn Lyle sie in einer Kneipe anflirtet, weist sie ihn erst harsch ab, um sich dann eines Besseren zu besinnen und ihrerseits einen eher plumpen Anmachversuch zu starten.

    Solche Momente sorgen nur für kurze Auflockerung. Insgesamt bleibt „The Lost Daughter“ aber eine sehr ernste und komplexe Angelegenheit – sogar mit kurzen Thriller-Einschüben: Wenn Leda auf dem Rückweg vom Strand von einem Tannenzapfen am Rücken verletzt wird, fragen wir uns mit ihr, ob der wirklich gerade vom Baum gefallen oder vielleicht doch jemand hinter ihr her ist. Allerdings wiederholen sich solche Motive ganz schön oft. Den beschwerlichen Weg als Metapher für Ledas Situation muss Olivia Colman daher noch mehrfach gehen. Sowieso wirken einige Symboliken wie pflichtschuldig eingebaute Überbleibsel aus dem Roman. Dazu gehört auch Ninas dauernd davonfliegender Sommerhut, denn Leda schließlich mit einer Nadel befestigt. Doch nicht alle Probleme des Lebens lassen sich so einfach lösen...

    Fazit: Maggie Gyllenhaal verfilmt einen Roman einer der aktuell angesagtesten Autorinnen der Welt – und legt damit ein sehenswürdiges Regiedebüt hin, das nicht nur drei herausragende Performances von Olivia Colman, Dakota Johnson und Jessie Buckley, sondern auch eine Menge Diskussionsstoff liefert.

    Wir haben „The Lost Daughter” auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.
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