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    Große Freiheit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Große Freiheit

    Eine langsame Liebe hinter Gittern

    Von Michael Meyns
    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Bundesrepublik wurde aus einer Diktatur eine Demokratie. Sollte man zumindest meinen, doch so einfach war es nicht für alle Menschen in Deutschland. Denn wer schwul war, konnte aus den Gefängnissen des Dritten Reichs direkt in die Gefängnisse der Bundesrepublik überführt werden. Von dieser skandalösen Situation erzählt Sebastian Meise in seinem oft dokumentarisch anmutenden Spielfilm „Große Freiheit“. Darin spielen Franz Rogowski („Undine“) und Georg Friedrich („Helle Nächte“) zwei Männer, die sich solange immer wieder im Gefängnis begegnen, bis sie am Ende gar nicht mehr wissen, wie sich wirkliche Freiheit anfühlt.

    Deutschland im Jahr 1968: Während draußen Studentenunruhen toben und die Bundesrepublik insgesamt liberaler wird, kommt Hans (Franz Rogowski) für zwei Jahre ins Gefängnis. Auf einer öffentlichen Toilette hatte er Sex mit einem Mann und war dabei gefilmt worden. In Haft trifft er auf seinen alten Bekannten Viktor (Georg Friedrich), der eine längere Strafe absitzt. Zum ersten Mal waren sich die beiden 1945 begegnet, als Hans aus einem Konzentrationslager direkt in ein Gefängnis der Alliierten überstellt wurde. Viktor war damals noch so homophob wie die ganze Gesellschaft, doch die Situation des jüngeren Hans berührte ihn trotzdem. Im Lauf der Jahre begegnen sich die beiden immer wieder. Es entwickelt sich eine Freundschaft, aus der am Ende womöglich sogar noch mehr wird…

    In den vielen Jahren hinter Gittern entwickelt sich erst eine Freundschaft - und dann noch mehr...


    Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ hieß der Film, mit dem Rosa von Praunheim 1971 berühmt wurde. Zwei Jahre zuvor war am 1. September 1969 die Liberalisierung des §175, der abfällig „Schwulenparagraph“ genannt wurde und homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellte, in Kraft getreten. Genau zu dieser Zeit beginnt nun auch Sebastian Meises Gefängnisfilm, der eine Situation beschreibt, die ebenfalls ganz und gar pervers anmutet. „Große Freiheit“ spielt fast ausschließlich im Gefängnis, zwischen kargen Zellen, Speisesaal und Werkstatt, die selbst im Laufe der Jahrzehnte immer gleich aussehen. Als würde die Zeit stillstehen, verändert sich die einheitliche Gefängniskleidung zwischen 1945 und 1969 ebenfalls kaum. Auch die beiden Hauptdarsteller Franz Rogowski und Georg Friedrich altern nur minimal. Friedrichs Haare bleiben dünn wie eh und je, ein paar Falten deuten den Gang der Zeit an. Allein bei Rogowski wird mit Frisur und Bart nachgeholfen, mit 50er-Jahre-Pomadenrolle und später einem Schnauzer angedeutet, wie viele Jahre seines Lebens er im Gefängnis verbringt.

    Doch auch wenn die Zeit vergeht, die Verhältnisse ändern sich kaum, lehnt die Gesellschaft Homosexuelle ab, verfolgt sie, sperrt sie ein. Mit dieser Situation will sich Hans nicht abfinden, der nie lange Strafen absitzt, aber immer wieder aufs Neue für seine Liebe zu Männern verhaftet, verurteilt und eingesperrt wird. Sein Verhältnis zu Viktor bleibt lange platonisch, als dieser ihn Mitte der 1940er Jahre tätowiert, um die KZ-Nummer zu übertünchen, ist das eine erste Berührung, deren Fortsetzung lang auf sich warten lässt. An Texte des französischen Autors Jean Genet erinnert „Große Freiheit“ in manchen Momenten, an Gefängnisfilme wie „Ein Prophet“, in denen die sehr spezielle Subkultur eines Männergefängnisses vor allem körperlich zum Leben erweckt wird.

    Hans Hoffmann (Franz Rogowski) saß als Schwuler im KZ - und muss auch in der Bundesrepublik immer wieder in den Knast.


    Ein wenig konstruiert mag das bisweilen anmuten. Einige dramaturgische Volten sind da schon nötig, um eine Geschichte zu erzählen, die den Bogen vom Ende des Dritten Reichs über die Gründung der Bundesrepublik bis zur Liberalisierung des §175 spannt. Doch auch wenn dieses Konstrukt manchmal holpert: Dank der beiden herausragenden Hauptdarstellern überzeugt „Große Freiheit“ gleichermaßen als Anklage gegen ein skandalöses Gesetzt, aber vor allem auch als Geschichte einer Männerfreundschaft, die sich sehr langsam entwickelt. Der §175 wurde schließlich tatsächlich erst im Jahre 1994 endgültig aus den Gesetzen gestrichen. Zur Anwendung kam er zwar damals schon länger nicht, doch wie lange ein so offensichtlich diskriminierender Paragraph Gesetz blieb zeigt nur noch einmal, wie langsam sich auch die deutsche Gesellschaft entwickelt und wie notwendig Filme wie „Große Freiheit“ trotz allem immer noch sind.

    Fazit: Mit Hilfe seiner hervorragenden Hauptdarsteller erzählt Sebastian Meise in seinem elegischen Gefängnisfilm „Große Freiheit“ auf fast dokumentarische Weise von der Schwulenfeindlichkeit der deutschen Gesetzgebung und der langsam wachsenden Freundschaft zweier Männer.

    Wir haben „Große Freiheit“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er in der Sektion Un Certain Regard gezeigt wurde.

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