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    Sharper
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Sharper

    Ringelpiez mit Trickbetrug

    Von Christoph Petersen

    Das 1900 erschienene Bühnenstück „Reigen“ von Arthur Schnitzler besteht aus zehn erotischen Dialogen zwischen jeweils zwei Personen, wobei eine davon auch in der nächsten Szene wieder auftaucht: A spricht mit B, dann B mit C, danach C mit D, ... bis am Ende J mit A redet, sich der Kreis schließt und wir wieder am Anfang angekommen sind. Dass ein solcher Ringelpiez mit Anfassen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleich in mehreren Städten einen Theaterskandal auslöste, versteht sich fast von selbst. Einen ähnlichen Aufbau hat nun auch das Autoren-Duo Brian Gatewood und Alessandro Tanaka bei seinem Skript zu „Sharper“ gewählt – nur geht es in dem Apple TV+ Original nicht um Beischlaf, sondern um Trickbetrug.

    Inszeniert wurde „Sharper“ von dem Briten Benjamin Caron, der vor allem für seine Arbeit an der Netflix-Produktion „The Crown“ immer wieder mit Preisen wie dem Emmy für die Beste Drama-Serie des Jahres ausgezeichnet wurde. Daneben hat er aber auch die Folge „Das letzte Problem“ aus der „Sherlock“-Serie mit Benedict Cumberbatch verantwortet: Diese ist nicht nur einen Tag vor der Ausstrahlung geleakt, sondern musste auch eine Menge Kritik dafür einstecken, dass es die Macher*innen hier nun endgültig mit den Twists übertrieben hätten. In mehreren Zeitungsartikeln war gar von „Selbstparodie“ die Rede. „Sharper“ wiederum hat nun genau das entgegengesetzte Problem: Die hier präsentierten Trickbetrügereien sind viel zu simpel und offensichtlich, um heutzutage noch irgendwen hinters Licht zu führen.

    Liebt Madeline (Julianne Moore) ihren milliardenschweren Ehemann Richard (John Lithgow) wirklich, oder hat auch sie es nur auf sein Vermögen abgesehen?

    Tom (Justice Smith) betreibt einen antiquarischen Buchladen in New York. Als er eines Tages den Mut aufbringt, die sich nach einem Buch für ihren Professor erkundigende Studentin Sandra (Briana Middleton) um ein Date zu bitten, wird er zunächst abgewiesen. Aber als er am Abend die Türen schließt, steht Sandra plötzlich wieder vor ihm – sie hätte sich vorhin nur nicht getraut Ja zu sagen. Schon beim ersten gemeinsamen Restaurantbesuch stellen die beiden fest, wie viel sie gemeinsam haben – bis hin zu der Liebe zu einem ganz speziellen Buch, von dem Tom zufällig eine Erstausgabe besitzt.

    Bei einer Übernachtung in Sandras Appartements klopft es nachts laut an der Tür. Der im Bett liegende Tom bekommt nur mit, wie sich seine Freundin und ein fremder Mann draußen im Flur anschreien. Später gesteht Sandra ihm, dass sie Stress mit ihrem Ex-Freund habe – und ihn wohl nur loswerden könne, wenn sie 350.000 Dollar auftreibt. Tom, der reich geerbt hat, will ihr das Geld geben – aber Sandra lehnt ab, dafür würden sie sich nun wirklich noch nicht gut genug kennen. Aber Tom bleibt hartnäckig – und im nächsten Kapitel sehen wir, wie die drogenabhängige Sandra auf Max (Sebastian Stan) trifft und von ihm in der Kunst des Trickbetrugs unterrichtet wird…

    Wer darauf reinfällt, ist selbst schuld

    Ein „Sharper“ ist jemand, der seinen scharfen Verstand einsetzt, um sich seinen Lebensunterhalt mit Schwindeleien zu ergaunern. Aber in dieser Hinsicht wird der Film seinem Titel einfach nicht gerecht: Die angewendeten Trickbetrügereien hat man nicht nur schon allesamt x-Mal gesehen, sie sind auch einfach nicht besonders clever. Beispiel gefällig: Eine Betrügerin spricht ihr Opfer in einer Hotelbar an und geht mit ihm auf sein Zimmer, wo dann plötzlich ihr „eifersüchtiger Ehemann“ (= Komplize) reinplatzt und eine Szene macht. Es ist oft eine große Freude, Menschen auf der Kinoleinwand dabei zuzusehen, wie sie einen Job mit großer Selbstsicherheit besonders gut erledigen – und das gilt speziell auch für Con-Artists, siehe etwa die „Ocean’s Eleven“-Reihe. Aber die Trickbetrüger*innen in „Sharper“ sind weder besonders clever, noch wirken sie sonderlich überzeugend.

    Zudem ist „Sharper“ für einen Trickbetrugs-Thriller ungewöhnlich behäbig und langsam erzählt. So soll wohl vermittelt werden, was die ständigen Betrügereien mit den Figuren anstellen – wie sie immer tiefer in einen dunklen Strudel hereingerissen werden. Aber trotz erstklassiger Darsteller*innen wie Julianne Moore (Oscar für „Still Alice“), John Lithgow (der wohl verstörendste „Dexter“-Gegenspieler) oder MCU-Winter-Soldier Sebastian Stan (als Bösewicht so viel eingänglicher in „Fresh“) kratzt „Sharper“ auch hier nur enttäuschend kraftlos an der scheinenden Oberfläche der New Yorker High Society.

    Zumindest bei Max (Sebastian Stan) kann man sich sicher sein, dass er garantiert nichts Gutes im Schilde führt!

    Einen rundum guten Job machen in „Sharper“ deshalb eigentlich nur Newcomerin Briana Middleton („The Tender Bar“), die vom drogensüchtigen Junkie zur Traumfrau-Doktorandin die größte schauspielerische Bandbreite abdeckt, sowie die Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen („A Quiet Place“), die extrem stimmungsvoll-melancholische Big-Apple-Bilder beisteuert und dem Film so zumindest visuell eine klassische Eleganz verleiht.

    Fazit: „Sharper“ fehlt es schlicht an der nötigen Cleverness, die gelungene Trickbetrug-Thriller gemeinhin auszeichnet. Ja, die Erzählstruktur ist einigermaßen komplex, aber die Betrügereien selbst sind so banal und offensichtlich, wie sie nur sein können. Dazu kommen emotionale Verwicklungen, die trotz des hochkarätigen Casts nur selten tiefer als Seifenoper-Niveau vordringen. Zumindest sind die Bilder des – vornehmlich nächtlichen – New Yorks schön stimmungsvoll geraten.

     

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