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    Der Hochzeitsschneider von Athen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Der Hochzeitsschneider von Athen

    Ein Herrenausstatter auf Freiersfüßen

    Von Lutz Granert
    Wie man edlen Zwirn und eine romantische Geschichte miteinander verweben kann, das zeigte zuletzt vor allem „There Will Be Blood“-Regisseur Paul Thomas Anderson. Eingebettet ins historische Setting der 1950er Jahre erzählt das sechsfach oscarnominierte Drama „Der seidene Faden“ von der amourösen Beziehung eines perfektionistischen Modezaren zu einer Kellnerin, bei der sich jedoch alsbald allerlei (Rollen-)Konflikte Bahn brechen. Von derartigem Schwermut möchte die deutsch-griechische Filmemacherin Sonia Liza Kenterman in ihrem Kinodebüt nichts wissen. „Der Hochzeitsschneider von Athen“ ist zwar mit einigen Anspielungen auf die Wirtschaftskrise an der Ägäis gespickt, kommt aber stets mit mediterraner Leichtigkeit und – gerade durch die spleenige Hauptfigur – versponnenem Humor daher. Die tief im Alltag verwurzelte RomCom vermeidet dabei zwar das Abgleiten in allzu kitschige Gefilde, wirkt aber vor allem im letzten Viertel zunehmend unentschlossen.

    Nikos Karalis (Dimitris Imellos) ist in die Fußstapfen seines Vaters Thanasis (Thanasis Papageorgiou) getreten und betreibt in der Innenstadt von Athen ein Ladengeschäft für Herrenmode. Da die Kunden jedoch zunehmend wegbleiben, weil statt teurer Maßanzüge inzwischen vor allem die günstigeren Massenprodukte aus Fernost nachgefragt werden, steht er jedoch kurz vor dem Bankrott. Während eines Krankenhausaufenthalts des greisen Thanasis versucht Nikos deshalb, mit einem selbst zusammengezimmerten Karren auf den Märkten von Athen seine Waren an den Mann zu bringen, wobei er immer wieder auch auf Hochzeitsmode angesprochen wird. Zusammen mit seiner Nachbarin Olga (Tamilla Koulieva), die ihre Kleider selbst näht, erweitert er also sein Sortiment um Damenbekleidung und Hochzeitskleider. Mit der steigenden Zahl von Kundinnen entdecken Nikos und Olga auch ihre Gefühle füreinander – was auch Olgas herrischem Ehemann Kostas (Stathis Stamoulakatos) nicht verborgen bleibt...

    Nikos (Dimitris Imellos) nimmt sein Schneiderhandwerk sehr ernst. Vielleicht sogar zu ernst?


    Ein Junge, der sich zu Beginn der 1950er Jahre um seine Schwester kümmern muss, oder eine Frau, die im Griechenland der Gegenwart ziellos eine Straße entlangläuft: Bereits in ihren beiden Kurzfilmen „Nicoleta“ und „White Sheet“ erzählte die deutsch-griechische Filmemacherin Sonia Liza Kenterman von Verlierern und Außenseitern der Gesellschaft, ihrem selbsternannten Lieblingsthema. Die Figuren ihrer Filme müssen sich neu erfinden, an den gesellschaftlichen Wandel anpassen. Das trifft natürlich auch auf Nikos zu, der stets akkurat gescheitelt und mit perfekt sitzendem Maßanzug und gefalteten Händen hinter der Staub ansetzenden Massivholz-Ladentheke steht – und dabei wie aus der Zeit gefallen wirkt.

    So verwundert es nicht, dass er mit seiner korrekt-verstockten Art und seinem musternden Blick direkt die ersten Kunden auf dem Markt verschreckt, denen er Termine und Preise für die Anfertigung von Maßanzügen weit jenseits ihrer Vorstellungskraft nennt. Gerade bei seinen improvisierten Vor-Ort-Terminen bei einfachen Arbeiterinnen muss er sich harten Preisverhandlungen stellen – und bei einem Hochzeitskleid schon mal im Tausch gegen ein paar frisch gefangene Fische einen saftigen Rabatt gewähren, um das neue Geschäft anzukurbeln. Nikos ist ein Nerd, der sein Schneiderhandwerk liebt und nicht vernähte Fäden an Knöpfen schlicht nicht aushalten kann – was besonders bei einem Termin beim Kundenbetreuer der Hausbank beinahe in einem Eklat mündet.

    Olga (Tamilla Koulieva) bringt neuen Schwung ins Leben des Schneiders - ist allerdings verheiratet und hat eine Tochter.


    Dimitris Imellos spielt seine Figur dabei hinreißend und hat die Lacher stets auf seiner Seite. „Der Hochzeitsschneider von Athen“ kommt dabei zwar weniger locker-leicht als vergleichbare französische Erfolgskomödien wie „Birnenkuchen mit Lavendel“ daher, bringt aber durchaus Charme mit. Erfrischend: Visuell geht der Komödie jeglicher Kitsch ab. Kameramann Giorgos Mihelis meidet in seinen nüchternen Bildkompositionen dunkler Innenräume oder belebter Straßenszenen jegliche Postkartenmotive. Wenn Nikos und Olga zusammen am Pier sitzen, dem Meer lauschen und dabei ihre Zuneigung entdecken, wirkt das nicht gekünstelt oder kitschig, auch weil die Sonne nicht blutrot im Meer untergeht.

    Genau diese Szene bedeutet aber auch einen Bruch im bis dahin stringent und nuancenreich erzählten Plot, der zunehmend immer mehr überspringt: Die wenigen Szenen der Zweisamkeit zwischen Nikos und Olga wirken durch ihre assoziativ-elliptische Montage und die mangelnde Verhandlung der sich aufdrängenden Konflikte beliebig und wie ein Fremdkörper im Film, der – so scheint es – im letzten Viertel mit heißer Nadel noch schnell auf Dramatik und Romantik getrimmt werden musste. Kenterman selbst scheint sich auch nicht weiter für derartige Gefühlsduselei zu interessieren und wendet sich schnell wieder dem weniger verfänglichen Vater-Sohn-Nebenplot und damit dem roten Faden des Films um die Transformation eines klassischen Handwerks in einem globalisierten Markt zu.

    Fazit: „Der Hochzeitsschneider von Athen“ ist keine klassische romantische Sommerkomödie, die gerade durch die verschrobene Titelfigur humorvoll-beschwingte Unterhaltung bietet. Bei allem Bemühen um Natürlichkeit schmälert das unausgegoren wirkende letzte Viertel jedoch den Gesamteindruck.

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