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    Troll
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Troll

    Norwegens & Netflix‘ Antwort auf "Godzilla" & Co.

    Von Lutz Granert

    Sie leben im Gebirge, haben eine menschenähnliche Gestalt und meist dicke Knollennasen. Die Rede ist von Trollen, unberechenbaren Fabelwesen aus der skandinavischen Mythologie, die noch im 19. Jahrhundert zum Volksglauben zählten – der vom Christentum hart bekämpft wurde. Die Berggeister sind in der nordischen Kultur vielerorts zu entdecken, wobei besonders eine Melodie, in der es um den Besuch eines Taugenichts im Palast des Troll-Königs in der Gebirgslandschaft des Dovre geht, breiten Eingang in die Popkultur gefunden hat: Das berühmte Stück „In der Halle des Bergkönigs“ aus der Schauspielmusik „Peer Gynt“ vom norwegischen Komponisten Edvard Grieg …

    … diente – in gepfiffener Form – schon Fritz Lang in seinem Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) als Erkennungsmerkmal des titelgebenden Kindermörders. Auch im Abspann der Netflix-Produktion „Troll“ ist es zu hören, wobei der norwegische „Tomb Raider“-Regisseur Roar Uthaug die von ihm mitentwickelte Story nur vordergründig mit dem Gedicht „Peer Gynt“ seines Landsmannes Henrik Ibsen verbindet – und stattdessen einfach ordentlich Fantasy-Action abliefert, die zwar das eine oder andere Katastrophenszenarien-Klischee zu viel bedient, aber auch dank toller Effekte trotzdem konsequent gut unterhält.

    Bei diesen gewaltigen Fußabtritten können nicht mal die T-Rex-Abdrücke aus „Jurassic Park“ noch mithalten.

    Durch ein Gebirgsmassiv im Dovre-Nationalpark soll trotz massiver Demonstrationen ein Eisenbahntunnel gebohrt werden. Bei einer Sprengung stürzt der Tunnel ein und es kommt zu einem Erdbeben mit verheerenden Folgen: Rund um den Ort des Geschehens werden bei der anschließenden Aufklärung durch einen Krisenstab der norwegischen Regierung riesige Fußabdrücke entdeckt. Die Paläontologin Nora Tiedemann (Ine Marie Wilmann) wird als Beraterin hinzugezogen, doch die zweifelt zunächst selbst an ihrer eigenen Analyse:

    Könnte es sich bei der Schneise der Verwüstung, die sich weiter in Richtung Oslo zieht, womöglich um das Werk eines durch das Erdbeben wiedererweckten Trolls handeln? Gemeinsam mit ihrem Vater Tobias (Gard B. Eidsvold), dem Regierungsberater Andreas Isaksen (Kim Falck) und dem Militär-Offizier Kristoffer Holm (Mads Sjøgård Pettersen) muss sie nach dem Scheitern sämtlicher herkömmlicher militärischer Optionen eine Möglichkeit finden, den wütenden Troll doch noch irgendwie zu stoppen, und zwar möglichst bevor er die norwegische Hauptstadt erreicht...

    Animationen auf Hollywood-Niveau

    Schon in den ersten Minuten wird klar, dass Netflix bei „Troll“ nicht kleckerte, sondern klotzt. Auch wenn einige der am Computer entstandenen Gebirgshintergründe zuweilen etwas schwammig wirken, so kann sich die Animationsqualität des titelgebenden Fabelwesens und der angerichteten Verheerungen durchaus mit denen von Big-Budget-Hollywoodproduktionen wie „Godzilla vs. Kong“ messen – nur eben mit dem Unterschied, dass sie in den imposanten Naturkulissen Norwegens situiert sind. Effekttechnisch ist „Troll“ also auf dem neuesten Stand, wenn das haushohe Monstrum, dem sogar etwas Mimik verpasst wurde, Hubschrauber wie Spielzeug vom Himmel pflückt. Wie in „The Wave – Die Todeswelle“ (2015) gelingt es Roar Uthaug mit nun deutlich mehr Budget, ein spannendes und packendes Katastrophenszenario mit überraschenden Wendungen zu entfesseln, dessen Schwächen immer dann durchschimmern, wenn das zunächst hohe Tempo – wie im Mittelteil – mal etwas heruntergefahren wird.

    Das offenbart sich insbesondere bei einem genaueren Blick auf das etwas zu simpel geratene Figurenkabinett: Gard B. Eidsvold, bekannt aus der TV-Serie „Beforeigners“, wirkt als durchgeknallter Völkerkundler-Vater, der in seiner Funktion als witziger Sidekick Fremde auf seiner Berghütte zwar mit Schrotflinte, aber dafür ohne Hose begrüßt, wie eine skandinavische Version von Dr. Ian Malcolm aus „Jurassic Park“. (Ungleich deutlicher wird in einer bereits im Trailer zu sehenden Szene auf Steven Spielbergs Dino-Klassiker angespielt, wenn der sich kräuselnde Inhalt einer Kaffeetasse auf die nahende Bedrohung hinweist.) Natürlich dürfen auch eine toughe, auf Konventionen pfeifende Wissenschaftlerin und – in einer Nebenrolle – eine nerdige Regierungsbeamtin mit dicker Brille, die mit Isaksen in bester Trekkie-Manier sodann den Spock-Gruß austauscht, nicht fehlen.

    „Troll“ mag aus dem verhältnismäßig kleinen Filmland Norwegen stammen – liefert aber pure Zerstörung wie in einem 100-Millionen-Dollar-Katastrophen-Blockbuster made in Hollywood.

    Auch wenn es mitunter trashig-amüsant ist, stoßen einige der sich arg-offensichtlich an Hollywood-Konventionen abarbeitenden Szenerien doch sauer auf, weil sie dann mit etwas Distanz doch arg unfreiwillig-komisch wirken. So wird in einer irrwitzigen (und dramaturgisch bis zum Äußersten zugespitzten) Plot-Entwicklung gar der Beschuss des bereits durch Oslo stapfenden Trolls mit einer Atomrakete entschieden. Und wenn Holm dann trotz der Zeitknappheit erst mal noch heroische Reden schwingt, um seine Kamerad*innen einzuschwören, dann merkt man, dass Roar Uthaug und sein Co-Autor Espen Aukan zuweilen etwas zu sehr auf Vorbilder jenseits des Atlantiks geschielt haben. Statt sich dort die Genre-Klischees abzugucken, hätte man lieber noch ein paar norwegenspezifische Ideen unterbringen dürfen.

    Fazit: Nach seinem Hollywood-Ausflug mit „Tomb Raider“ kehrte Roar Uthaug wieder ins heimische Norwegen zurück und beweist mit „Troll“, dass spannende Big-Budget-Zerstörungsszenarien durchaus auch diesseits des Atlantik entstehen können. Die Fantasy-Action guckt sich zwar zuweilen etwas zu viel von US-Genrevorbildern ab, liefert aber effektmäßig über jeden Zweifel erhabene und weitgehend packende Katastrophen-Unterhaltung.

     

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