Mehr (überlange) Serienfolge als Kinofilm – und das ist auch gut so!
Von Chantal NeumannUm das Jahr 1900 herum trieb in der britischen Industriestadt Birmingham eine ganz spezielle Bande ihr Unwesen. Die Mitglieder der Peaky Blinders fielen nicht nur durch ihre hemmungslose Brutalität, sondern vor allem auch durch ihren unverwechselbaren Stil auf: Kein Verbrechen ohne tiefsitzende Schirmmützen, lange Mäntel und maßgeschneiderte Anzüge! Mehr als 100 Jahre später griff der Drehbuchautor Steven Knight die Legende auf – und entwickelte aus ihr heraus die Serie „Peaky Blinders“, die ab ihrer Premiere im Jahr 2013 über sechs Staffeln und 36 Episoden hinweg die Kriminellenfamilie Shelby bei ihren (Misse-)Taten begleitet hat.
Angeführt wird der Clan von Oscarpreisträger Cillian Murphy („Oppenheimer“), der als Gangsterboss Tommy Shelby zur prägendsten Figur der Serie avancierte. Mit der sechsten Staffel endete die Serie schließlich 2022 – sehr zum Bedauern vieler Fans, die sich unbedingt eine Fortsetzung wünschten. Und tatsächlich: Jetzt gibt es doch noch eine Rückkehr in den düsteren Birmingham-Kosmos, wenn auch nicht in Form einer ganzen siebten Staffel, sondern im 112-minütigen Spielfilm-Finale „Peaky Blinders – The Immortal Man“. Regisseur Tom Harper, der auch schon drei Episoden der Staffeln vier bis sechs inszeniert hat, versucht gar nicht erst, auf Krampf größer zu wirken als die vorangegangenen Serienfolgen – und gerade deshalb dürften vor allem langjährige Fans mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein.
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Die Handlung setzt etwa sechs Jahre nach dem Finale der sechsten und letzten Staffel ein: Inzwischen ist das Jahr 1940 angebrochen und auch in Birmingham hat der Krieg Einzug gehalten. Die Spannungen im ganzen Land nehmen zu. Tommy Shelby (Cillian Murphy) hat sich hingegen aus seinem früheren Leben zurückgezogen und versucht, endgültig mit seiner kriminellen Karriere abzuschließen. Aber die Geister seiner Vergangenheit holen ihn ein – und er wird kaum darum herumkommen, sich ihnen auch diesmal zu stellen.
Unterdessen hat sein ältester Sohn Duke (Barry Keoghan) offiziell die Führung der Peaky Blinders übernommen. Der faschistische John Beckett (Tim Roth) wendet sich deshalb an ihn, um ihn und seine Gang zu einem Verrat am eigenen Vaterland und zu einem Kampf für den deutschen Feind zu überreden. Als neben seiner Familie schließlich auch seine Heimat bedroht wird, bleibt Tommy Shelby endgültig keine andere Wahl mehr, als aus dem selbstgewählten Exil zurückzukehren und seine Angelegenheiten – ein für alle Mal – zu regeln …
„The Immortal Man“ entfaltet seine Geschichte mit derselben unaufgeregten Erzählweise, die bereits die Serie auszeichnete: Statt hektisch geschnittener Action dominieren weiterhin ausführliche, dialogreiche Szenen – und da mit Steven Knight der Serienschöpfer höchstpersönlich als Drehbuchautor zurückkehrt, bleibt die erzählerische DNA von „Peaky Blinders“ auch im Filmformat intakt. Schließlich versteht es kaum jemand so wie Knight, Machtspiele, Loyalität und unterschwellige Gewalt in derart präzise, pointierte Sätze zu verpacken.
Mit den vernebelten Feldern, den rauchverhangenen Straßen, den spärlich beleuchteten Innenräumen sowie dem matten Licht der Industriegebäude bleibt „The Immortal Man“ der Serie auch in Sachen Ästhetik absolut treu. Eine kalte Farbpalette, diffuses Licht und bewusst schwache Kontraste prägen die Bildsprache. Die Welt wirkt rau, grau und von einer permanenten Schwere durchzogen – eine düster-dreckige Atmosphäre, die längst zu einem der zentralen Markenzeichen des Franchise geworden ist und die Harper auch in seinem Spielfilm-Nachschlag souverän beibehält.
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Während der Film sich als Ganzes mit Überdramatisierungen angenehm zurückhält, wird doch zumindest das Comeback von Tommy Shelby angemessen zelebriert. Fast meint man, die „Peaky Blinders“-Fans vor Begeisterung aufschreien zu hören, als die Figur wieder in ihr ikonisches Outfit schlüpft. Der absolute Höhepunkt an Fanservice ist aber der Moment, als Tommy auf einem schwarzen Pferd durch die Straßen von Small Heath reitet, während das unverkennbare Titellied der Serie, „Red Right Hand“ von Nick Cave And The Bad Seeds, erklingt – eine bewusste Anspielung auf die allererste Szene der Serie, womit das Finale noch mal einen eleganten Bogen ganz zurück zum Anfang schlägt.
Obwohl nicht nur in der Serie, sondern auch in der Realität einige Jahre (inklusive eines Oscarsiegs) vergangen sind, geht Cillian Murphy sofort wieder vollständig in seinem Part auf. Das beste Beispiel dafür, warum einfach niemand sonst diese Rolle spielen könnte, ist sicherlich die Szene im legendären Garrison-Pub: Ein vorlauter Soldat wagt es doch tatsächlich zu fragen, wer zum Teufel eigentlich dieser Tommy Shelby sei. Murphy spielt die anschließende Reaktion mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, die sofort verdeutlicht, wer hier wirklich das Sagen hat. Als der Soldat ihn spöttisch zu einem Tänzchen auffordert, bleibt Tommy völlig unbeeindruckt: Er nimmt eine Handgranate, zieht den Stift und steckt sie dem Mann ins Hemd mit der Bemerkung, sie könnten gern einen Quickstep tanzen. Spätestens in diesem Moment ist die Frage, wer Tommy Shelby ist, vollumfänglich beantwortet.
Die Performance von Cillian Murphy bildet den emotionalen Kern des Films. Er verkörpert Tommy mit einer Mischung aus Müdigkeit, innerer Zerrissenheit und gefährlicher Entschlossenheit. Jede Geste wirkt kontrolliert, jedes Wort hat Gewicht – ein Schauspiel, das dafür sorgt, dass die Figur auch nach mehr als einem Jahrzehnt niemals an abgründiger Faszination einbüßt. Einen kleinen Wermutstropfen müssen Fans dennoch verkraften: Zwar kehren neben Murphy auch noch einige bekannte Serien-Gesichter zurück – darunter etwa Sophie Rundle als Ada Thorne, Stephen Graham als Hayden Stagg, Packy Lee als Johnny Dogs, Ned Dennehy als Charlie Strong oder Ian Peck als Curly. Aber andere wichtige Figuren fehlen dafür diesmal komplett.
Das Schicksal von Tommys älterem Bruder Arthur wird zwar in die Handlung integriert, doch von dessen Darsteller Paul Anderson fehlt jede Spur. Noch drastischer trifft es den jüngeren Bruder Finn (in der Serie gespielt von Harry Kirton) – er wird im Film nicht einmal erwähnt. Dasselbe Schicksal ereilt auch Tommys letzte Ehefrau Lizzie (Natasha O’Keeffe). Immerhin bekommt ihre gemeinsame Tochter Ruby (im Film gespielt von Bonnie Stott) einen kurzen Auftritt in Form einer Geistererscheinung. Die Liste der fehlenden Figuren ließe sich zwar noch fortsetzen, doch „Peaky Blinders – The Immortal Man“ kann die Verluste zumindest teilweise durch überzeugende Neuzugänge wieder wettmachen.
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Barry Keoghan („Saltburn“) ist nicht nur durch die offensichtliche äußerliche Ähnlichkeit zu Cillian Murphy eine gute Wahl für die Rolle von Tommys Sohn. Auch schauspielerisch gelingt es ihm, Dukes Gleichgültigkeit und seine kühle Berechnung überzeugend darzustellen. Besonders in den gemeinsamen Szenen mit Murphy entsteht dabei eine interessante Dynamik zwischen Vater und Sohn: Hier prallen Erfahrung, Zynismus und jugendliche Skrupellosigkeit aufeinander. Auch Rebecca Ferguson („Mercy“) überzeugt als Dukes Tante Kaulo.
Als Vertreterin der Roma-Kultur bringt der „Mission: Impossible“-Star sowohl Würde als auch eine unterschwellige Härte in die Rolle ein – Eigenschaften, die gut in das moralisch graue Universum passen. Mit Tim Roth wird zudem ein neuer Antagonist eingeführt. Der „Pulp Fiction“-Star verleiht John Beckett zwar sein gewohnt-raues Charisma, doch als Gegenspieler bleibt die Figur dennoch hinter den Erwartungen zurück. Es fehlt die eindringliche Bedrohlichkeit, die frühere Antagonisten der Serie stets auszeichnete.
Fazit: Als Finale im Stile eines Epilogs funktioniert der Film hervorragend! „Peaky Blinders – The Immortal Man“ ist kein betont bombastischer Abschluss, sondern setzt stattdessen konsequent auf die Stärken der Serie: Atmosphäre, Dialoge und Psychologie!