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    Der stille Amerikaner
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der stille Amerikaner
    Von Ulrich Behrens

    Graham Greenes Roman „The Quiet American“ aus dem Jahr 1955 nahm die Intervention der Amerikaner in Indochina in gewisser Weise voraus. Greene schildert die zunehmende Einmischung der CIA angesichts der von der US-Regierung insgeheim vertretenen Auffassung, dass die französische Kolonialmacht nicht (mehr) in der Lage sei, die „kommunistische Gefahr“ aus dem Norden Vietnams einzudämmen. Vor diesem Hintergrund des Kalten Krieges spielt die Geschichte um drei Personen und drei politische Kräfte. Der Film kam später als geplant in die Kinos, weil Miramax-Chef Weinstein es für opportun hielt, den Starttermin angesichts des 11. September und der damit verbundenen Stimmung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Michael Caine soll später interveniert haben, zumal die dargestellten historischen Fakten bezüglich der Politik der USA in den 50er Jahren in Vietnam inzwischen feststehen.

    Wir treffen auf den englischen Journalisten Thomas Fowler (Michael Caine), der in Saigon lebt und der Meinung ist, sich aus allem heraushalten zu können. Fowler will keine Partei ergreifen. Er lebt mit der Jahrzehnte jüngeren vietnamesischen Tänzerin Phuong (Do Hai Yen) zusammen, die er abgöttisch liebt und die ihn – nicht zuletzt auch, weil Fowler sie versorgt und für sie zahlt – ebenfalls liebt. Eines Tages taucht der Arzt Alden Pyle (Brendan Fraser) in Saigon auf, der vorgibt, ausschließlich aus humanitären Gründen nach Vietnam gekommen zu sein. In Vietnam tobt bereits der Bürgerkrieg. Kommunistische Guerilla, französische Kolonialmacht und die im wesentlichen über die CIA Einfluss nehmende US-Regierung bilden ein explosives politisches Dreieck, zumal die CIA mit dem dubiosen und egoistische Machtinteressen verfolgenden General Thé (Quang Hai) subversiv kollaboriert. Die Strategie der CIA ist eindeutig: Durch von Thés Leuten begangene Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung, für die dann die kommunistische Guerilla verantwortlich gemacht wird, soll Stimmung für eine Intervention der USA gemacht und zugleich die Unfähigkeit der Franzosen zur Bekämpfung der „roten Gefahr“ bewiesen werden.

    Pyle will nicht nur das Land vor dem Kommunismus, sondern auch Phuong (vor Fowler) „retten“. Er verliebt sich in die wunderschöne Frau. Pyle ist sympathisch, sieht gut aus und ist wesentlich jünger als Fowler, der Pyle zwar ebenfalls mag, für den Phuong jedoch der einzige Sinn seines Lebens ist. „Ich weiß, dass ich für Phuong nicht unentbehrlich bin, aber wenn ich sie verliere“, sagt er zu Pyle, „wäre das der Anfang meines Todes.“ Schnell merkt Fowler, dass Pyle ihm nicht nur die einzige Frau entreißen will, die er wohl je geliebt hat. Pyle ist CIA-Agent und arbeitet mit General Thé zusammen. Als der mitten auf einem belebten Platz in Saigon ein Bombenattentat durchführen lässt, bei dem Dutzende von Menschen ums Leben kommen, fasst Fowler den Entschluss, Pyle mit Unterstützung von vietnamesischen Freunden aus dem Weg zu räumen ...

    Greenes Roman wurde bereits 1958 von Regisseur Joseph Mankiewicz in einem Film aufgearbeitet, allerdings in einer amerikafreundlichen Version. Mankiewicz zeigte Fowler als bösen Buben und Pyle als Helden. Roger Ebert fragt in seiner Besprechung des Films von Noyce wohl nicht ganz zu Unrecht, ob damals die CIA Einfluss auf die Richtung des Films von Mankiewicz genommen haben könnte. Noyce hingegen positioniert seine Figuren nicht in ein Schwarz-Weiß-Gemälde von Gut und Böse. Selbst Pyle, der sich über die Folgen des Anschlags in Saigon zu spät bewusst wird, wird als Mann zwischen fester, ehrlicher Überzeugung hier, den Folgen, die dies im konkreten Fall zeitigt, dort gezeigt. Fowler, der die Geschichte dieser Wochen in Saigon erzählt, wird als Mann präsentiert, der sich ebenfalls trügerischen Überzeugungen und Gefühlen hingibt. Er weiß zwar, dass Phuong nicht auf ihn angewiesen ist, glaubt aber dennoch, er könne sie – gegen jegliche Konkurrenz – bei sich halten. Und er glaubt, er könne sich aus dem politischen Konflikt heraushalten; auch hier irrt er sich gründlich.

    Die Verknüpfung der Liebesgeschichte zwischen den drei Personen und der politischen Konflikte ist für Fowler derart tragisch und unausweichlich, dass er einen Entschluss fassen muss: Er will den Mann zur Rechenschaft ziehen, der für den Anschlag verantwortlich ist und der ihm Phuong wegnehmen will. Es bleiben Fragen: Wollte er den Nebenbuhler beseitigen oder den politischen terroristischen Intriganten bestrafen oder beides? War er sich nicht darüber im klaren, dass Phuong – auch wenn Pyle tot sein würde – nicht auf ihn angewiesen sein würde? Und war es Liebe, die zwischen Fowler bzw. Pyle und Phuong herrschte oder nur die Einbildung von Liebe? Michael Caine ist nach langer Zeit wieder einmal in einer großartigen Rolle zu sehen. Er spielt Fowler realistisch, ohne Schnörkel, ohne Künstlichkeit. Ähnliches gilt für Brendan Fraser. Die unaufdringlichen Bilder, die die 50er Jahre in Indochina ohne übermäßigen technischen Aufwand darbringen, vermitteln eine düstere Atmosphäre der ständigen Gefahr, einer zunehmenden Bedrohung durch die Einmischung der USA, eine Atmosphäre, in der jedoch gleichzeitig die Bevölkerung, die von dieser Intervention noch nichts weiß, versucht, das zivile Leben so weit wie möglich aufrechtzuerhalten.

    „The Quiet American“ ist einer von zwei Filmen des australischen Regisseurs Phillip Noyce, die derzeit in den Kinos anlaufen, der andere schildert die unmenschliche Behandlung der Aborigines in Australien im Jahr 1931 („Long Walk Home"). Noyce erweist sich als genialer Dramatiker und Erzähler, der es versteht, die Essentials eines Romans auf die Leinwand zu bringen. Bleibt abzuwarten, ob diese für „Long Walk Home" ebenfalls gilt.

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