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    Brother And Sister
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Brother And Sister

    Hinter dem Hass

    Von Christoph Petersen
    Bei der Pressevorführung von „Brother And Sister“ bei den Filmfestspielen in Cannes, wo auch wir den Film als Teil des offiziellen Wettbewerbs gesehen haben, wurde das neueste Melodrama von Arnaud Desplechin von nur wenigen höflich beklatscht und von schon einigen mehr herzhaft ausgebuht. Und man kann die negativen Reaktionen verstehen, selbst wenn man es wie der Autor dieser Zeilen selbst ein wenig anders sieht: Im Zentrum der dramatischen Familiengeschichte stehen nämlich nicht nur zwei ziemlich unausstehlich-egozentrische Figuren, die einem das Mitfühlen nicht gerade einfach machen, sondern dazu auch noch ein gewaltig aufgebauschtes Mysterium, um dessen „Auflösung“ sich der „Ein Weihnachtsmärchen“-Regisseur und seine Stamm-Co-Autorin Julie Peyr dann allerdings selbst nicht die Bohne scheren.

    Die Schauspielerin Alice (Marion Cotillard) hasst ihren jüngeren Bruder Louis (Melvil Poupaud) nämlich so sehr, dass sie schon bei seinem bloßen Anblick in Ohnmacht fällt. Er wiederum schreibt vernichtende Enthüllungsromane über seine Schwester, gegen die auch eine Schar von Jurist*innen nichts ausrichten kann. Kurz gesagt: Gegen die beiden wirken selbst Kain und Abel wie die reinsten Waisenknaben. Natürlich stellt man sich da als Zuschauer*in von Anfang an die Frage, was denn damals vor 20 Jahren nur vorgefallen sein mag, um einen solch unbändigen Geschwisterhass auszulösen? Und wenn man sieht, wie sehr ihr gesamtes Umfeld darauf achtet, dass sich Alice und Louis bloß nicht über den Weg laufen, malt man sich wirklich die allerallerschlimmsten Verfehlungen aus…

    Das Sprichwort besagt zwar: „Was sich liebt, das neckt sich…“ Aber zwischen Alice (Marion Cotillard) und Louis (Melvil Poupaud) herrscht tatsächlich nur der blanke Hass.


    Aber auch wenn dieses Mysterium den Film maßgeblich antreibt, bleibt die Antwort zumindest vage, wenn man denn überhaupt von einer solchen sprechen möchte. In „Brother And Sister“ erschließt sich der Hass vielmehr als eine Art Naturgewalt, die so plötzlich auftauchte wie der Laster mit den funkensprühenden Bremsen, der die Eltern der Geschwister schwerverletzt auf die Intensivstation verfrachtet. Aber selbst in Anbetracht dieser Notsituation verhalten sich Alice und Louis weiterhin wie zwei bockige Grundschüler*innen, die einfach nicht über ihren Schatten springen wollen – wobei auch sonst keinerlei Wert auf Subtilität gelegt wird: Alice begegnet ihren Nervenzusammenbrüchen mit packungsweise Pillen, Louis deckt sich nach seiner Rückkehr erst mal mit ausreichend Morphium ein.

    Doch nicht nur die Figuren selbst sind voll drüber – auch die Stars Marion Cotillard („La Vie En Rose“) und Melvil Poupaud („An einem schönen Morgen“) gehen kaum mal vom Gas, suchen stattdessen immer die größtmögliche Geste. Das mag man ihnen als schlechtes Schauspiel ankreiden – aber zumindest ziehen bei „Brother And Sister“ alle am selben Strang: Selbst der Unfall der Eltern, der eigentlich nur den erzählerischen Zweck erfüllt, einen Grund für das Wiedersehen der Geschwister zu liefern, wird hier maximal überhöht. Mit gleich mehreren Zufällen hergeleitet und dann erstaunlich spektakulär (über-)inszeniert, wäre er sicherlich auch in einem „Final Destination“-Film nicht fehl am Platze.

    Die Tangenten sind am stärksten


    An dieser Stelle deshalb auch die Warnung: Wenn man auf dieses unverhohlene Maxi-Melodrama nicht einsteigt, dann kann „Brother And Sister“ leicht zu einer maßlos enervierenden Angelegenheit ausarten – zumal man Alice und Louis nicht mal zwingend die Daumen drückt, dass sie ihr Kriegsbeil doch endlich begraben mögen. Für die klassische Rolle des Sympathieträgers bzw. der Sympathieträgerin sind die beiden einfach viel zu egozentrisch und überdreht. Aber auch dann kann man sich zumindest noch an die vielen kleinen Abzweigungen klammern, die Desplechin und Peyr in ihre Erzählung eingebaut haben – und die zum Teil viel stärker sind als der zentrale Geschwisterkonflikt.

    Besonders berührend sind etwa die flüchtigen Begegnungen zwischen Theaterstar Alice und ihrem größten Fan: Die aus Rumänien stammende Lucia (Cosmina Stratan) lebt in einem Obdachlosenheim und träumt davon, selbst einmal auf der Bühne zu stehen. Doch genau wie der unbarmherzige Streit der titelgebenden Geschwister verläuft sich auch dieser Handlungsstrang ohne platt-versöhnliche Pointe irgendwann einfach wieder. Aber das passt hier natürlich auch viel besser, ganz einfach weil daraus zuvor nicht so eine gigantisch große Sache wie aus dem so extrem wohl noch nie auf der Leinwand erlebten Bruder-Schwester-Hass gemacht wurde…

    Fazit: Arnaud Desplechin beherrscht die Mechanismen des Melodramas inzwischen bestimmt schon im Schlaf – und so wirkt sein neuester Anlauf mitunter wie eine womöglich sogar selbstentlarvende Fingerübung, bei der er vom Schauspiel bis zum Score wirklich alles bis zum Anschlag aufdreht, sich um den von einem zentralen Mysterium befeuerten Plot aber gar nicht mehr großartig schert. Das wird viele (maßlos) enttäuschen, ist als nie zurücksteckendes Maximal-Melodrama auf eine gewisse Art aber auch ziemlich faszinierend.

    Wir haben „Brother And Sister“ beim Filmfestival in Cannes 2022 gesehen, wo er als Teil des Offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.
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