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    Infinity Pool
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Infinity Pool

    Die denkbar hässlichste Fratze des Wohlstandstourismus

    Von Christoph Petersen

    Im vergangenen Jahr sagte David Cronenberg vor der Weltpremiere seines neuen Films „Crimes Of The Future“ voraus, dass ein Teil des Publikums den Saal verlassen, Panikattacken bekommen oder direkt in Ohnmacht fallen werde. Aber ganz egal wie man zu dem Spätwerk des Kult-Regisseurs steht: Sein erster Film nach acht Jahren war nicht einmal halb so verstörend, wie vorab angekündigt. Drei Jahrzehnte nach seinen ganz großen Meisterwerken wie „Die Fliege“, „Die Unzertrennlichen“ oder „Crash“ müsste da schon mehr passieren, um ein abgeklärtes Publikum auch heute noch zu schockieren …

    … und genau da kommt nun sein Sohn Brandon Cronenberg ins Spiel: Nachdem er mit dem ultra-brutalen Sci-Fi-Trip „Possessor“ bereits die Grenzen des Gewaltkinos ausgelotet hat, setzt er mit „Infinity Pool“ nun sogar noch einen drauf! In zwei durch und durch abgefuckten Stunden mixt der seinem Vater als Body-Horror-Auteur nacheifernde Autor und Regisseur einen zutiefst verstörenden Cocktail aus Urin, Sperma und Blut, der die ganze abgründige Hässlichkeit des modernen Wohlstandstourismus offenlegt. Dabei entwickelt die Fantasy-Fabel mit ihrer grenzenlosen Gnadenlosigkeit eine Wucht, die diesmal wohl wirklich einen Teil des Publikums vorzeitig aus dem Saal fegen wird.

    „Infinity Pool“ ist ein Film um durch und durch verdorbene Menschen – da stellen die fratzenhaften traditionellen Masken der Insel fast schon eine Verschönerung da.

    Seit der Veröffentlichung seines ersten Romans leidet der Autor James Foster (Alexander Skarsgård) unter einer Schreibblockade. Gemeinsam mit seiner wohlhabenden Frau Em (Cleopatra Coleman), die ihn finanziell unterstützt, reist er deshalb auf die (fiktive) Insel La Tolqa. Hier erhofft er sich endlich Inspiration, findet aber stattdessen nur ein weiteres abgeschlossenen Luxusresort wie jedes andere auch. Als die ebenfalls dort urlaubende Schauspielerin Gabi (Mia Goth) und ihr Architekten-Ehemann Alban (Jalil Lespert) eine Spritztour ins Landesinnere unternehmen wollen, willigt James deshalb nur zu gerne ein.

    Allerdings kommt es auf der nächtlichen Rückfahrt zur Katastrophe: James überfährt einen einheimischen Bauern und begeht Fahrerflucht. Schon am nächsten Tag wird das Quartett verhaftet – und auf James wartet nach den Gesetzen der Insel die Todesstrafe. Doch noch ist nicht alles verloren, denn es gibt auf La Tolqa ein ganz besonderes Programm zur Tourismusförderung: Der zwielichtige Polizist Thresh (Thomas Kretschmann) bietet dem Todgeweihten an, dass man für den richtigen Preis auch einen Doppelgänger von ihm erschaffen könne. Dann würde einfach dieser hingerichtet, während der echte James von einer Tribüne aus dabei zusehen dürfe, wie sein Klon vom 13-jährigen Sohn des toten Bauern abgestochen wird…

    “Uhrwerk Orange“ im Urlaubsparadies

    Man kann sich in „Infinity Pool“ von Beginn an nicht sicher fühlen. Dafür sorgen schon die mysteriös-wirbelnden Kamerafahrten bei der Vorstellung des Luxusresorts, die viel zu nahen Close-Ups von Augen und Lippen – sowie der erstaunlich spezifische Beruf von Gabi, die sich als Schauspielerin in Werbespots darauf spezialisiert hat, selbst an den simpelsten Dingen möglichst „glaubhaft zu scheitern“, um das Publikum so von der Notwendigkeit eines Produkts zu überzeugen. Aber erst mit der Möglichkeit, sich per Klon von jeder strafrechtlichen Verantwortlichkeit freizukaufen, offenbart sich die ganze Abgründigkeit des vermeintlichen Urlaubsparadieses.

    Zumindest für die reichen Tourist*innen ist La Tolqa eine Art in den Sommerferien buchbarer „Purge“ (in der Horror-Reihe werden einmal im Jahr für zwölf Stunden alle Gesetzte in den USA außer Kraft gesetzt). Gabi und der Rest der Gruppe erinnern bei ihren selbstzweckhaft-ausschweifenden, so sexuell-überbordenden wie orgiastisch-brutalen Streifzügen sicherlich nicht von ungefähr an die Beethoven-liebende Jugendbande aus Stanley Kubricks ähnlich dystopischer Sci-Fi-Satire „Uhrwerk Orange“. Bei diesen Tourist*innen aus der Wohlstandshölle ist es mit Handtüchern zum Reservieren der Liegen am Pool definitiv nicht getan!

    Die Klone in „Infinity Pool“ werden überhaupt nur erschaffen, um sie im Anschluss direkt an Stelle der Originale hinrichten zu können.

    Auf der Suche nach Inspiration (und der eigenen Männlichkeit) versinkt James unaufhaltbar in einem Strudel aus kolonialistischer Egomanie, bei der selbst die extremsten Ausschweifungen die eigene Langeweile und Unzulänglichkeit nur noch kurz überspielen können. Die Menschlichkeit bleibt da schnell auf der Strecke. Alexander Skarsgård liefert dabei (wie eigentlich der komplette Cast) eine gnadenlos-uneitle Performance – und das nicht nur, weil er einen entmannten Loser spielt, der an einer Stelle zum nackt herumkrabbelnden Hund degradiert wird. Die Menschen in „Infinity Pool“ sind vielmehr allesamt abgrundtief hässlich und verdorben – selten gab es einen Film, der wirklich all seine Figuren dermaßen zu verachten scheint.

    Auch was die Inszenierung angeht, verzichtet Brandon Cronenberg – Urlaubsparadies hin oder her – konsequent auf „schöne“ Bilder: Die Polizeiwache samt Klon-Apparatur erinnert an autoritäre Propagandaarchitektur, während ein überraschender Handjob, der bis zum Höhepunkt in Nahaufnahme gezeigt wird, sogar noch weniger Sinnliches an sich hat als ein zu Brei geschlagener Schädel, bei dem Cronenberg viel länger draufhält, als es sich für ein Nicht-Gorefest eigentlich „gehört“. Irgendwann erinnert der ganze Film an einen besonders schlechten LSD-Trip, aus dem es offensichtlich kein Entkommen gibt, bevor die Wirkung der Drogen nicht doch noch irgendwann nachlässt (wenn man denn nicht komplett drauf hängenbleibt, was in diesem Fall eine wahrscheinliche Alternative wäre).

    Fazit: Der wohl abgefuckteste Selbstfindungstrip, der jemals seinen Weg auf die Kinoleinwand gefunden hat!

    P.S.: Diese Kritik basiert auf der UNRATED-Fassung des Films, die auch bei der Weltpremiere auf dem Sundance Filmfestival gezeigt wurde. Ob zum regulären deutschen Kinostart ebenfalls die UNRATED-Fassung oder alternativ die leicht gekürzte US-Kinofassung herausgebracht wird, steht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Kritik leider noch nicht fest.

     

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