Ein familientauglicher Frankenstein
Von Christoph PetersenWeil das Animations-Abenteuer „Alles voller Monster“ vornehmlich auf eine Altersklasse abzielt, bei der man die Kinder zwar noch zum Kino begleiten, aber nicht mehr zwingend im Saal neben ihnen sitzen muss, hätte sich hier fast ein perfektes Double Feature angeboten: Während sich der Nachwuchs die Verfilmung der bereits seit 2011 erfolgreichen Kinderbuch-Reihe von Guy Bass (im Original: „Stich Head“) ansieht, gehen die Eltern währenddessen in den nur eine Woche später startenden „Frankenstein“ von Guillermo del Toro. Auf dem Heimweg könnte man sich dann nämlich trotzdem perfekt über die Themen der Storys austauschen: Schließlich basieren beide Filme mehr oder weniger direkt auf dem legendären Horror-Roman von Mary Shelley.
Allerdings gibt es einen Haken: Der epische Blockbuster „Frankenstein“ dauert eine ganze Stunde länger als „Alles voller Monster“ (mal ganz abgesehen davon, dass die Filme wohl eher nicht zur selben Tageszeit gezeigt werden). So schlimm ist das aber gar nicht, denn auch Erwachsene können mit „Alles voller Monster“ durchaus ihren Spaß haben – selbst wenn sich die im Kern spannende „Frankenstein“-Neuinterpretation im Verlauf ihrer eineinhalbstündigen Laufzeit immer mehr zu einer doch recht generischen Animations-Action-Komödie entwickelt. Am lautesten gelacht wird jedenfalls immer, wenn ein Monster einen Berg herunterplumpst oder sich die Dorfbewohner*innen vor lauter Angst in die Hose machen.
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Stichkopf (Stimme in der deutschen Synchro: Felix Auer) ist die erste Schöpfung des wahnsinnigen Professors (Kai Taschner), der auf seiner Burg Grottenow regelmäßig von ihm zusammengeflickte Monster zum Halb-Leben erweckt. Allerdings verliert der Schöpfer augenblicklich nach ihrer „Geburt“ das Interesse an seinen Kreationen, weshalb stattdessen Stichkopf die Aufgabe zufällt, sich um all die verschiedenartigen Frankenstein-Kreaturen zu kümmern. Am wichtigsten dabei: Die Monster dürfen sich auf keinen Fall wie Monster benehmen – denn sonst würden die verängstigten Bewohner*innen des im Tal gelegenen Dorfes Rafferskaff einen wütenden Mob bilden und die Burg niederbrennen.
Doch dann kommt eines Tages der Scheusal-Zirkus im Dorf vorbei. Und als der geschäftstüchtige Direktor Fulbert Freakfinder (Gerhard Jilka) erfährt, dass auf Burg Grottenow echte Monster leben, sieht er seine große Chance gekommen: Er überzeugt Stichkopf davon, in seinem Zirkus als „Freak“ zu arbeiten – denn das Publikum bezahlt nicht nur viel Geld dafür, einen Blick auf das „schreckliche Monster“ werfen zu dürfen, es wird ihn auch lieben. Und tatsächlich: Schon bald ist das Stichkopf-Merchandise der absolute Renner – und der neue Star am Gruselhimmel vergisst zunehmend, dass ihn seine Monster-Familie auf Burg Grottenow – allen voran sein allerbester Freund Ungetüm (Waldemar Kobus) – bereits wahnsinnig vermisst…
Eigentlich passt der Einstieg meiner „Frankenstein“-Kritik auch hier perfekt hin, also warum nicht: „Als der Roman von Mary Shelley im Jahr 1818 – zunächst noch anonym – erschien, lagen die Sympathien des zeitgenössischen Publikums überwiegend beim Wissenschaftler Victor Frankenstein. Erst in den zwei folgenden Jahrhunderten hat sich mehr und mehr die Lesart durchgesetzt, dass in Wahrheit nicht die künstlich erschaffene Kreatur, sondern ihr egomaner Schöpfer und eine intolerante Gesellschaft das eigentlich ‚Monströse‘ in der Erzählung sind.“ In „Alles voller Monster“ wird dieser Wandel in der Lesart des Über-Klassikers konsequent weitergedacht:
Stichkopf führt den Kreaturen nur Minuten nach ihrer Schöpfung ein Video vor, in dem ihnen erklärt wird, warum sie auf keinen Fall ihre natürlich Monster-Tobsucht ausleben dürfen. Dabei erinnert der Film, der den Zuschauenden sofort eine tiefe Angst vor einem „wütenden Mob“ eintrichtert, sicher nicht zufällig an amerikanische Lehrfilme, mit denen Schüler*innen seit den 1950er-Jahren auf einen möglichen Atomkrieg vorbereitet (und dabei weniger aufgeklärt als eingeschüchtert) wurden. Sowieso gibt es gerade zu Beginn einige echt schöne Ideen: So lässt sich der bislang ausbleibende Erfolg des Zirkus von Fulbert Freakfinder wohl ganz einfach damit erklären, dass der Höhepunkt seiner Freakshow aus einem – nicht mehr sonderlich gelenkigen – menschlichen Knoten besteht. Und die Wahrsagerin, die jeden mit einer Auskunft über die Art seines Ablebens begrüßt, erweist sich ebenfalls nicht gerade als Publikumsmagnet.
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Auch mit seinem Alles-krumm-und-schief-Gothic-Look, der natürlich sofort an die – dann doch noch einmal in einer anderen Liga spielenden – Filme von Tim Burton („Corpse Bride“) und Henry Selick („Coraline“) erinnert, kann „Alles voller Monster“ punkten. Zumal sich die europäische Produktion von Steve Hudson („True North“) und Toby Genkel („Maurice, der Kater“) im Vergleich zur SEHR viel höher budgetierten Hollywood-Konkurrenz nicht zu verstecken braucht. Das Problem ist stattdessen, dass die Dichte der starken Ideen im Verlauf des Films immer mehr abnimmt – und sich deshalb zunehmend kleinere Längen einschleichen: Statt cleverer Frankenstein-Bezüge gibt es dann vor allem den üblichen chaotischen Cartoon-Trubel.
Und fast noch schlimmer: Obwohl der Film – vom Mädchenkopf im Aquarium bis hin zum Oktopus mit Hühnerkörper – ein wahnsinnig abwechslungsreiches Monsterkabinett auffährt, gibt es kaum Gags, die auf die speziellen Eigenarten der Schöpfungen abzielen. Das ist den „Toy Story“-Autoren bei den verschiedenen Spielzeugen in Andys Kinderzimmer sehr viel besser gelungen. Stattdessen haben die Monster einfach alle einen anderen lokalen Dialekt – vom Fränkischen bis zum Hessischen ist alles vertreten. Aber den Gag haben schon etliche andere Filme zuvor gebracht – und diese ausgelutschte humoristische Universallösung wäre hier auch einfach gar nicht nötig gewesen, weil die Monster auch so schon mehr als genug Vorlagen geboten hätten.
Fazit: Wenn der Nachwuchs noch zu jung ist für die Filme von Tim Burton und Henry Selick, dann eignet sich „Alles voller Monster“ durchaus als Einstieg ins „Grusel“-Kino. Das große erzählerische Potenzial dieser kindertauglichen Frankenstein-Variation wird zugunsten von generischer Animations-Action und einem vogelwilden Dialekt-Eintopf aber oft nicht ausgeschöpft.