Americana
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Americana

Sydney Sweeneys Western ist nicht nur an den Kinokassen eine Enttäuschung

Von Pascal Reis

Blond, blauäugig und in ein tief ausgeschnittenes Denim-Outfit gehüllt, posiert Sydney Sweeney für das US-amerikanische Modeunternehmen American Eagle Outfitters. Über ihrem Körper prangt in großen Lettern: „Sydney Sweeney has great jeans“. Schon am Tag ihres Erscheinens am 23. Juli 2025 löste die Kampagne eine heftige Kulturdebatte aus, denn im Englischen klingt „jeans“ wie „genes“ – also „Gene“ im Deutschen. Kritiker*innen witterten darin ideologische Chiffren mit eugenischen Untertönen. Gleichzeitig wurde Sweeney vorgeworfen, ihre körperlichen Reize in einer Weise auszustellen, die patriarchale Perspektiven reproduziert – und damit den modernen Feminismus zurückzuwerfen.

Die Anschuldigungen adressierte Sydney Sweeney erst vor wenigen Tagen mit kalkulierter Note – nämlich im Zuge des Starts ihres neuen Films „The Housemaid“ – zum ersten Mal konkret. Seit Monaten rufen manche Stimmen sogar zum Boykott ihrer kommenden Projekte auf. Ob „Americana“, der weniger als einen Monat nach der Jeans-Kampagne in die US-Kinos kam, tatsächlich deshalb am Box Office scheiterte, bleibt jedoch zweifelhaft – nicht zuletzt, weil hier nun wirklich niemand einen Massenhit erwartet hatte. Ob das Spielfilmdebüt von Tony Tost es in künstlerischer Hinsicht allerdings verdient hat, derart übergangen zu werden, lässt sich nüchtern betrachtet ziemlich leicht beantworten: Kann man machen, muss man aber nicht.

Penny Jo (Sydney Sweeney) möchte in die Fußstapfen von Dolly Parton treten und Countrysängerin werden. Universal Pictures
Penny Jo (Sydney Sweeney) möchte in die Fußstapfen von Dolly Parton treten und Countrysängerin werden.

Den indigenen Lakota wurde ein sogenanntes Ghost Shirt entwendet – ein Artefakt von kaum zu überschätzender symbolischer Bedeutung. Auf verschlungenen Wegen landet es schließlich auf dem Schwarzmarkt und weckt dort das Interesse des Antiquitätenhändlers Roy Lee Dean (Simon Rex), der mit dem heiligen Kleidungsstück ein kleines Vermögen zu machen hofft. Um überhaupt in den Besitz des Ghost Shirts zu gelangen, müsste er allerdings den wohlhabenden Industriellen Pendleton Duvall (Toby Huss) ausschalten, in dessen Händen sich das Artefakt derzeit befindet.

Doch Roy und Ghost Eye (Zahn McClarnon), Anführer einer lokalen indigenen Widerstandsbewegung, bleiben nicht lange die Einzigen, die hinter dem Ghost Shirt her sind. Eine unglückliche Kette von Zufällen sorgt dafür, dass plötzlich mehrere Menschen denselben Schatz jagen. Mandy (Halsey) sieht in dem Artefakt ihre Chance, einen radikalen Neuanfang zu wagen. Penny Jo (Sydney Sweeney) wiederum arbeitet als Kellnerin in einem kleinen Diner, träumt aber davon, endlich ihren Weg nach Nashville zu finden und ihre Karriere als Countrysängerin in Gang zu bringen. Da passt es nur zu gut, dass der gutherzig-schlichte Lefty (Paul Walter Hauser) von ebenjenem Objekt gehört hat, das ihr diesen Sprung schnell ermöglichen könnte...

Auf den Spuren Quentin Tarantino von den Coen-Brüdern

Dass sich Tony Tost für sein Spielfilmdebüt unübersehbar am Kino von Quentin Tarantino („Pulp Fiction“) sowie den Brüdern Joel und Ethan Coen („No Country For Old Men“) orientiert, mag zwar alles andere als originell sein, nachvollziehbar ist es aber dennoch. Die den Vorbildern entnommene Genre-Mischung aus Neo-Western, Crime-Thriller und schwarzer Komödie bietet schließlich reichlich Raum, um den eigenen filmischen Vorlieben zu huldigen. Was Tost gerade in der ersten Hälfte auch mit spürbarem Vergnügen tut, etwa wenn er in langen Einstellungen der spröden Weiten North Dakotas mehrfach sehr deutlich den Kontakt zu John Fords überragendem Meisterwerk „Der schwarze Falke“ sucht.

Die bewusst verschroben angelegten Figuren, die verbalen Schlagabtäusche und die nichtlineare, in Kapitel gegliederte Erzählstruktur können zudem als Übungsfeld für zentrale Prozesse des Filmemachens dienen: für die kunstvoll verzahnten Mechanismen eines ausgefeilten Storytellings ebenso wie für die Bedeutung einer präzise durchdachten Schauspielführung. Gerade wenn es sich – wie im Fall von „Americana“ – um ein Ensemblewerk mit durchaus prominenten Namen handelt.

Das Objekt der Begierde in „Americana“: das Ghost Shirt Universal Pictures
Das Objekt der Begierde in „Americana“: das Ghost Shirt

Die eigentliche Stärke des Films liegt dabei im Cast, auch deshalb, weil Tost im Umgang mit seinen Protagonist*innen vorerst eine angenehme Behutsamkeit und Sensibilität beweist. Abgesehen von der Tatsache, dass Sydney Sweeneys Penny Jo als stotterndes Naivchen mit rotem Haarband, das aus ihrer Kleinstadt gerettet werden muss, beinahe schon den Inbegriff einer abgegriffenen Männerfantasie verkörpert, entfaltet das Zusammenspiel des „Euphoria“-Stars mit Paul Walter Hauser eine geradezu einnehmende Natürlichkeit. Die sanften Annäherungen zweier Menschen, die eigentlich ohne Perspektive sind, lassen die leisen Momente der Zuneigung und Vertrautheit aufrichtig erscheinen.

Gleiches gilt für Pop-Sängerin Halsey, die sich zuletzt schon in „MaXXXine“ als Szenendiebin erwies. Hier darf sie nun in einer deutlich umfangreicheren Rolle noch stärker ihr Charisma und ihre Intensität entfalten, während die Jagd nach dem Ghost Shirt zugleich zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen, düsteren Vergangenheit wird. Demgegenüber kann die übrige Besetzung kaum Akzente setzen oder erinnerungswürdige Momente schaffen. Kinderdarsteller Gavin Maddox Bergman, dessen Cal sich als weiße Reinkarnation des Helden Sitting Bull versteht, trägt sogar direkt das wachsende Problem des Films in sich.

Etwas mehr auf das Herz hören!

Obwohl unbestreitbar ist, dass Sydney Sweeney, Halsey und Paul Walter Hauser das emotionale Herzstück von „Americana“ bilden, stellt Tony Tost immer mehr seine augenscheinlich auf kultige Kauzigkeit getrimmten Elemente in den Vordergrund. Das klingt dann nicht nur nach kalkuliertem Drehbuchgeraschel, sondern untergräbt auch die Authentizität. Niemand möchte heutzutage wirklich noch sehen, wie sich ein Killer nach einem Mord darüber beklagt, dass Blutspritzer auf der eigenen Jacke gelandet sind.

Die durchschaubare Überraschungdramaturgie und ein viel zu langes Belagerungsfinale mit blutigem Shootout tragen weiter dazu bei, dass „Americana“ in der zweiten Hälfte spürbar an Tempo, Atem und Reiz verliert. Die abgekupferten filmischen Versatzstücke treten folgerichtig viel deutlicher zutage und wirken zunehmend bemüht – was schade ist, denn eigentlich wäre hier der Stoff für einen facettenreichen Diskurs vorhanden.

Mandy (Halsey) und Penny Jo (Sydney Sweeney) wollen ausbrechen – auch wenn das nicht ohne Gewalt geht. Universal Pictures
Mandy (Halsey) und Penny Jo (Sydney Sweeney) wollen ausbrechen – auch wenn das nicht ohne Gewalt geht.

Das Ghost Shirt fungiert dabei eigentlich als klassisches MacGuffin und dient in erster Linie dazu, eine umfangreiche Verfolgungsjagd in Gang zu bringen. Zugleich liefert es Impulse, einen eigentlich komplexen Handlungsstrang rund um kulturelle Aneignungspraktiken, Identitätsfragen und den Schatten, der über dem Erbe des Wilden Westens liegt, immerhin anzukratzen. Bedauerlicherweise werden diese durchaus relevanten Themen jedoch unter den genretypischen Allgemeinplätzen begraben. Das verärgert nicht wirklich, der Dringlichkeit tut es aber einen herben Abbruch.

Fazit: „Americana“ punktet in der ersten Hälfte mit stimmungsvollen Wildwest-Bildern, einem starken Ensemble und glaubwürdigen Figurenbeziehungen. Die Anleihen an Quentin Tarantino und die Coen-Brüder wirken aber zunehmend kalkuliert und durchschaubar. Trotz guter Ansätze ist Tony Tosts Spielfilmdebüt letztlich vor allem generisch.

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