Ungeduld des Herzens
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ungeduld des Herzens

Motocross-Update eines Meisterwerks

Von Lutz Granert

Stefan Zweig gehört bis heute zu den meistgelesenen österreichischen Autoren. Der großbürgerliche und viel gereiste Kosmopolit mit jüdischen Wurzeln schrieb sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit einer realistischen Erzählweise und psychologisch komplexen Figuren in die Literaturgeschichte ein. Die zu Beginn der 1940er Jahre entstandene „Schachnovelle“, in der bei einem Duell am Spielbrett zugleich die Gräuel der Gestapo verhandelt werden, gilt bis heute als sein bekanntestes Werk. Aber auch wenn er viel veröffentlicht hat, konnte Zweig in seinem Schriftsteller-Leben nur einen Roman vollenden: „Ungeduld des Herzens“, der von den (selbst) eingeredeten, aber niemals „echten“ Gefühlen eines Leutnants zu einer gelähmten Unternehmertochter handelt.

Für Lauro Cress ein zeitloses Thema, schließlich begegnet uns mangelnde Authentizität nicht nur in den sozialen Medien immer häufiger. Auch deshalb hat der Münchner Filmemacher eine moderne und recht freie Interpretation des 1939 veröffentlichten Stoffs für seinen ersten Kinofilm auserkoren, wobei er den eigentlich kleinen Part von Edith deutlich größer anlegt als in der literarischen Vorlage. Das Ergebnis ist ein sicherlich nicht fehlerfreies, aber atmosphärisches und intensives Beziehungsdrama, das auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis direkt den Preis als Bester Spielfilm gewann.

Isaac Nasic (Giulio Brizzi) fühlt sich für Edith (Ladina von Frisching) verantwortlich. Aber liebt er sie auch? W-Film
Isaac Nasic (Giulio Brizzi) fühlt sich für Edith (Ladina von Frisching) verantwortlich. Aber liebt er sie auch?

Der Migrantensohn Isaac Nasic (Giulio Brizzi) arbeitet im Wachbataillon bei der Bundeswehr. Als er mit seinen Kameraden einen Abend im Bowlingcenter verbringt, lernt er die toughe Ilona (Livia Matthes) und ihre Schwester Edith (Ladina von Frisching) kennen. Durch ein Missverständnis bemerkt er zu spät, dass die Tochter aus reichem Hause seit einem Motorradunfall von der Hüfte abwärts gelähmt ist und einen Rollstuhl nutzt – was zu einem peinlichen Eklat führt.

Als Wiedergutmachung und wohl auch aus Mitleid kümmert sich Isaac anschließend um Edith, mit der er eine Leidenschaft für Motocross teilt. Ohne echte romantische Gefühle beginnt er bald eine Beziehung mit ihr, die er jedoch nach außen hin verheimlicht. Als Edith in einer riskanten und teuren Stammzellenbehandlung eine Chance darauf sieht, wieder gehen zu können, spitzt sich die Situation zu...

In der Hauptrolle eine echte Entdeckung

Neben vier Kurzfilmen drehte Lauro Cress bislang Musikvideos und Werbefilme, vor allem für diverse Automarken. Für sein Spielfilmdebüt verzichtete er neben der Fraktur-Schriftart des Titels allerdings auf allzu auffällige Stilisierungen und optische Spielereien. Dafür legt er jedoch umso größeren Wert auf ein realistisches Setting und unverstellte Charaktere. Vor allem die Besetzung von Giulio Brizzi (zuvor in der italienischen Netflix-Serie „Verehrung“ zu sehen), der das aufgewühlte Innenleben seiner von Pflicht- und Zugehörigkeitsgefühlen zerrissenen und nach Anerkennung strebenden Figur glaubhaft verkörpert, erweist sich als wahrer Glücksgriff. Seine Spanne reicht von einfühlsamer Behutsamkeit beim Tragen zum Baden im See über zärtliche Romantik beim ersten Kuss bis zum angestachelten Ehrgeiz bei der Medikation und einer möglichen Therapie.

Offen aggressiv wird er, wenn er seinem Kameraden Holzer (Jan Fassbender) auf dessen Geburtstagsfeier für einen tumben Spruch über „den Pfleger“ ordentlich eins auf die Nase gibt. Auch Ladina von Frisching gelingt eine starke Performance, in der sie eindrucksvoll sowohl die selbstbewusst-abenteuerlustige als auch die enorm zerbrechliche Seite ihrer zunehmend gesundheitlich angeschlagenen und zuweilen auch undurchdringlichen Figur verkörpert. Dagegen kommt die spröde agierende Livia Matthes („60 Minuten“) über das wandelnde Klischee der eiskalt-kalkulierende Karrierefrau, die sich von einem Call zum nächsten hangelt und dabei mal kurz spontanen Sex im Schuppen einschiebt, auch mangels Screentime nicht wirklich hinaus.

Man drückt den beiden durchaus die Daumen, selbst wenn man längst spürt, dass die Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. W-Film
Man drückt den beiden durchaus die Daumen, selbst wenn man längst spürt, dass die Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

Bei einer wegen Befindlichkeiten, körperlichen Einschränkung und mangelnder Lust scheiternden Bettszene zwischen Isaac und Edith offenbaren sich neben Cress’ beeindruckendem Gespür für eine einfühlsame Inszenierung auch schwer auszuhaltender Situationen die technischen Mängel dieses schmal budgetierten Debütwerks. Wie bei anderen spärlich ausgeleuchteten Innenszenen fehlt es in der in Rot getauchten Szenerie an Kontrasten und Konturen, die Tontechnik lässt ohnehin leise und wenig akzentuierte Dialoge regelrecht im brummenden Grundrauschen ersticken. Angesichts der stimmigen Dramaturgie im Drehbuch von Lauro Cress und Florian Plumeyer („Bis ans Ende der Nacht“), die kompromisslos-schmerzhaft sezieren, wie Isaac nach anfänglicher Sorglosigkeit zunehmend bei seinem Kampf um Liebe und Anerkennung scheitert, wäre in dieser kleinen Perle des deutschen Filmnachwuchses also (noch) mehr drin gewesen.

Fazit: Zwei komplexe Charaktere und ein intensives Beziehungsdrama, dem es optisch und akustisch an Feintuning fehlt. „Ungeduld des Herzens“ ist ein gelungenes Update des meisterhaften (und einzigen) Romans von Stefan Zweig – und ein vielversprechendes Debütwerk.

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