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    Merkel - Macht der Freiheit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Merkel - Macht der Freiheit

    Warum mögen alle Merkel, nur die Deutschen nicht?

    Von Michael Meyns
    16 Jahre lang war Angela Merkel Bundeskanzlerin, 16 Jahre regierte sie Deutschland mit ruhiger Hand. Sie wurde auch dann noch unterschätzt, als manche sie längst als mächtigste Frau der Welt bezeichneten – und musste doch stets auch Kritik für ihren Politikstil einstecken. Besonders laut wurde die Kritik in den vergangenen Monaten im Zuge des Ukraine-Krieges, den manche geradezu als direkte Folge der Merkel‘schen Russland-Politik sahen. In ihrem sehenswerten Dokumentarfilm „Merkel – Macht der Freiheit“ zeichnet Eva Weber Anhand von Archivmaterial und Interviews eine erstaunliche Karriere nach. Besonders auf die Frage, warum Angela Merkel dabei im Ausland oft mehr geschätzt wurde als im eigenen Land, liefert Weber dabei eine Reihe pointierter Antworten.

    Eine Frau wurde gesucht, am besten eine Ostdeutsche, des Proporzes wegen. Der Zufall spielte also durchaus eine Rolle, als Angela Merkel 1991 Ministerin für Frauen und Jugend im ersten Kabinett des Vereinten Deutschland unter Helmut Kohl wurde. Damals rechtete wohl niemand damit, dass diese unscheinbare Frau, die in Talkshows sehr zurückhaltend auftrat und sich anfangs oft etwas unglücklich kleidete, 2005 zur ersten Kanzlerin der Bundesrepublik gewählt werden würde. Diese bemerkenswerte Karriere zeichnet die in Deutschland geborene, aber schon lange in England lebende und arbeitende Regisseurin Eva Weber anhand von Archivmaterial sowie Interviews mit Zeitzeug*innen nach. Ein Interview mit der Protagonistin ihres Films konnte Weber hingegen nicht führen, was nicht groß überrascht, schließlich war Merkels Umgang mit der Presse schon während ihrer Amtszeit sehr zurückhaltend.

    Als Angela Merkel 1991 zur Ministerin wird, hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass sie das Gesicht der Bundesrepublik Deutschland so sehr prägen wird wie keine andere Frau seit ihrer Gründung 1949.


    „Das entscheidende Merkmal von Angela ist die Abwesenheit von Ego“, sagt der ehemalige britische Premierminister Tony Blair an einer Stelle. Natürlich trifft dies nicht hundertprozentig zu, schließlich wird niemand durch völlige Zurückhaltung zu einer der mächtigsten Regierungschefinnen der Welt. Und doch scheint Blair hier den Kern zu treffen. Dabei sind es vor allem Eva Webers Gesprächspartner*innen aus dem angelsächsischen Raum, die sich sehr wohlwollend über Merkel äußern: Neben Blair gelang es der Regisseurin, auch noch Hillary Clinton, die ehemalige amerikanische Außenministerin Condoleeza Rice und den Sicherheitsberater Ben Rhodes aus dem Obama-Kabinett vor die Kamera zu holen. Sie alle würdigen Merkels Weitsicht, ihre ruhige Hand, also genau die Eigenschaften, für die sie in Deutschland oft und zunehmend kritisiert wurde.

    Pointiert setzt Weber solchen Lobpreisungen die deutlich kritischeren Aussagen ihrer deutschen Interviewpartner*innen – darunter etwa die Politiker Thomas de Maizière und Peer Steinbrück oder die Journalisten Dirk Kurbjuweit und Robin Alexander – entgegen. Hier stehen die tatsächlichen oder vorgeblichen Fehler von Merkels Russlandpolitik im Vordergrund oder auch ihre Haltung in der Flüchtlingskrise, rund um ihr berühmt gewordenes „Wir schaffen das!“ Während in Deutschland vor allem die negativen Folgen dieser Entscheidung betrachtet werden, steht im Blick aus dem Ausland offensichtlich der humanistische Gedanke dieser Aussage im Mittelpunkt. Weber betont hier gleich zu Beginn den Kontrast zwischen Donald Trump und Angela Merkel: Etwas zugespitzt zeigt sie dabei Trump, der eine Mauer an der Südgrenze der USA bauen ließ, und Merkel, für die der Fall der Mauer womöglich gar der wichtigste Moment in ihrem Leben war.

    Der eine will eine Mauer errichten, im Leben der anderen spielt das Niederreißen einer Mauer eine ganz zentrale Bedeutung.


    Etliche Ausschnitte aus Talkshows hat Weber hier zusammengetragen, um zu zeigen, wie sehr das Aufwachsen in der autokratischen DDR und das unmittelbare Erleben des Mauerfalls Merkel und ihre Politik geprägt haben. Der Wunsch, eine Politik des Ausgleichs zu betreiben, Gräben zu überwinden und Konflikte zu schlichten, steht dabei im Mittelpunkt. Laut Ben Rhodes wunderte sich selbst Barack Obama über Merkels Emotionalität: Als der scheidende amerikanische Präsident zum letzten Mal in Berlin zu Besuch war, soll Merkel beim Abschied gar eine Träne vergossen haben. Ein wenig pathetisch mutet so eine Szene zwar an, aber am Ende gelingt es Eva Webers Film gerade durch solche Momente, die so unterschiedliche Wahrnehmung von Merkel im In- und Ausland auf den Punkt zu bringen.

    Fazit: Ein sehenswertes Porträt über die Ex-Kanzlerin, das anhand von Interviews und teils kaum bekanntem Archivmaterial vor allem aufzeigt, wie sehr sich die Sicht auf die über Jahre hinweg mächtigste Frau der Welt im In- und Ausland doch voneinander unterscheidet.

     

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