Ein durchwachsenes Finale für die Warrens im "Conjuring"-Universum
Von Julius Vietzen2,28 Milliarden Dollar: Diese stolze Summe haben die bislang acht Filme des „Conjuring“-Universums eingespielt (die lose damit verbundenen „Wolves At The Door“ und „Lloronas Fluch“ nicht eingerechnet). Damit gilt die Reihe als das erfolgreichste Horror-Franchise aller Zeiten. Da wären die Verantwortlichen bei New Line Cinema und Mutterkonzern Warner ganz schön blöd, wenn sie diese Erfolgsmarke definitiv begraben würden. Und so heißt der neue Film zwar „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“, ist aber dann doch nur ein vorläufiger Abschluss. Schließlich wissen wir aus der Filmgeschichte, dass „letzte Kapitel“ nicht das Ende sein müssen – siehe zum Beispiel „Freitag, der 13. Teil 4 - Das letzte Kapitel“, auf den noch acht (!) weitere Filme folgten.
New-Line-Boss Richard Brener kündigte in einem Interview sogar bereits an, dass „Conjuring 4“ nur die erste Phase der Reihe abschließen wird, man aber schon – Marvel und das MCU lassen grüßen – an Phase 2 arbeite. Was das bedeutet? „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“ ist eindeutig ein Finale für das in paranormalen Fällen ermittelnde Ehepaar Warren (gespielt von Patrick Wilson und Vera Farmiga), wobei die Tür für andere Geschichten im selben Universum bewusst offen gelassen wird. Der Abschied für die bislang prägenden Figuren der Reihe ist dramaturgisch zwar holprig, überzeugt aber immer wieder mit dem, was Fans vor allem wollen: gelungenen Schockmomente. Doch ausgerechnet am Ende des Films ignoriert man diese Stärke.
Warner Bros.
Im Jahr 1964 stoßen Ed (hier noch: Orion Smith) und die hochschwangere Lorraine (zuerst: Madison Lawlor) bei einem ihrer ersten Fälle auf einen offensichtlich dämonischen Spiegel. Der sorgte beinahe sogar dafür, dass die Warrens ihre ungeborene Tochter Judy verlieren.
Im Jahr 1986 haben sich Ed (jetzt: Patrick Wilson) und Lorraine (Vera Farmiga) mehr oder weniger zur Ruhe gesetzt, während Judy (Mia Tomlinson) mittlerweile erwachsen ist und wie ihre Mutter Geister und Dämonen wahrnehmen kann. Doch dann taucht der unheimliche Spiegel von einst wieder auf – und zwar im Haus der Familie Smurl, die schon bald von immer weiter eskalierenden paranormalen Zwischenfällen heimgesucht wird...
Wie ihr aus unserer Synopsis entnehmen könnt, beginnt „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“ mit einer Rückblende in das Jahr 1964, die sehr schön die Struktur des Films verdeutlicht und die Stärken der ersten beiden Filme aufgreift: „Conjuring 4“ ist nämlich – wie auch schon „Conjuring“ und „Conjuring 2“ – in den besten Momenten eine gelungene Mischung aus Horror und gut gespieltem Familiendrama, das den Grusel effektiv unterfüttert (und andersrum).
Wenn Lorraine zu Beginn durch einen schummrig beleuchteten Antiquitätenladen voller unheimlicher Masken und tickender Uhren schleicht, ist das eine gut gemachte, aber nicht herausragende Szene. Doch es genügt, dass man den Warrens bei der direkt anschließenden Geburt, die beinahe in einer Tragödie endet, umso mehr die Daumen drückt. Ein gelungener, erstaunlich berührender Auftakt.
Warner Bros.
Bei dem im Jahr 1986 angesiedelten zentralen Teil der Handlung geht die Mischung aus Horror und Familiengeschichte dann aber häufig nicht mehr so gut auf, weil Regisseur Michael Chaves die Geschichte auf zwei Handlungsstränge aufteilt und diese erst spät zusammenführt. Während im Haus der Familie Smurl quasi direkt der Horror losbricht, zeigt Chaves parallel dazu immer wieder den Alltag der Warrens zwischen Uni-Vorträgen, Arztbesuchen und Geburtstagsfeiern samt Tischtennisturnier.
Das wird von Chef-Kameramann Eli Born („Companion - Die perfekte Begleitung“) in schönen Bildern eingefangen. Zudem wird das gerade von Patrick Wilson und Vera Farmiga ein weiteres Mal sehr charismatisch gespielt. Eds Reaktionen auf den Verlobten (Ben Hardy) seiner Tochter bringen sogar erstaunlich viel Humor ins Geschehen. Doch trotzdem will diese Seite des Films nicht zünden. All das bremst „Conjuring 4“ nämlich im Mittelteil immer wieder aus. Gerade angesichts der viel zu langen Laufzeit von 135 Minuten leidet darunter die Gruselstimmung.
Dabei sind die Schockszenen an sich eigentlich wirklich gut: In seinem inklusive „Lloronas Fluch“ bereits vierten Film aus dem „Conjuring“-Universum bereitet Regisseur Chaves im Haus der Smurls immer wieder überzeugend vor, wo sich bald der Horror Bahn brechen wird. Anschließend löst er dieses Versprechen dann auch gekonnt ein – etwa mit einer finsteren Speisekammer, in der das lange Telefonkabel (übrigens längst nicht das einzige Stück Zeitkolorit im Film) der Familie verschwindet, mit einer herumkrabbelnden elektronischen Babypuppe oder mit dem schummrigen Keller, in dem Mutter Janet (Rebecca Calder) schon bald unheimliche Gestalten zu sehen glaubt.
Doch daneben verzetteln sich der Filmemacher und seine Franchise-erfahrenen Autoren Ian Goldberg, Richard Naing (beide „The Nun 2“) und David Leslie Johnson-McGoldrick („Conjuring 2“) im zunehmenden Verlauf immer mehr mit ihren Handlungssträngen. Das führt dazu, dass nicht immer alles bestens aufeinander abgestimmt ist. In einer toll gespielten Szene beklagt sich Dawn (Beau Gadsdon), die älteste Tochter der Familie, so zu Recht darüber, dass man trotz des offensichtlichen Spuks in dem Haus wohnen bleibt. Diese Szene wäre aber nach den beiden direkt anschließenden, noch einmal wesentlich heftigeren Schockmomenten viel effektiver und dramaturgisch sinnvoller gewesen.
Warner Bros.
Auch die Entscheidung, was gezeigt wird und was nicht, bleibt ein ums andere Mal unverständlich. Da erfahren wir nur, dass die ebenfalls im Haus lebende Großmutter off-screen die Treppe herunter geschubst wurde und deswegen ins Krankenhaus muss. An anderer Stelle hat man aber genug Zeit, um uns daran teilhaben zu lassen, wie Ed und sein Schwiegersohn ein Motorrad reparieren. Eine dramatische Sequenz wird also ausgelassen, ein eher belanglos bleibender Moment bekommt dagegen Raum.
Zum Ende des Films werden die Handlungsstränge der Warrens und der Smurls dann zwar endlich zusammengeführt, jedoch ist das Finale von „Conjuring 4“ die größte Schwäche des Films. Als müssten sie die Längen aus dem Mittelteil ausgleichen, brennen Michael Chaves und Co. hier ein krawalliges Finale ab, statt weiter auf die davor doch so überzeugenden Gruselmomente zu setzen. Da wird sogar plötzlich eine fehlplatziert wirkende „Evil Dead“-Gedächtnis-Kamerafahrt eingestreut. Auch die überhastete Auflösung des dämonischen Spuks und die Erklärung, wie die Warrens damit verbunden sind, enttäuscht.
Fazit: Nach insgesamt neun Filmen hätte man den Warrens einen besseren Abschied aus ihrem Horror-Erfolgsuniversum gewünscht. „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“ überzeugt zwar mit starken Gruselszenen, ist aber viel zu lang und hat mehrere dramaturgische Schwächen.