In Minecraft geht die Sonne (nicht) unter
Von Christoph PetersenImmer wieder schaut man durch Baumkronen hindurch auf das Geschehen. Doch nicht alle Bäume befinden sich im Wald. Manche stehen auch zwischen Berliner Plattenbauten, im brandenburgischen Spaßbad Tropical Island oder direkt in der Klötzchen-Welt von Minecraft, dem mit mehr als 350 Millionen verkauften Exemplaren erfolgreichsten Videospiel aller Zeiten. Aber Großstadttristesse, Sehnsuchtsort und Pixeluniversum existieren hier nicht säuberlich getrennt nebeneinander, sondern verschwimmen zunehmend. Ganz ähnlich wie Gegenwart, Erinnerungen und mögliche Zukünfte, wenn die verschiedensten filmischen Formen – vom digitalen Familienvideo bis zur plötzlichen Drohnen-Plansequenz – scheinbar bruchlos ineinander übergehen.
Das war in Sandra Wollners vielbeachtetem Debüt „Das unmögliche Bild“ schon ähnlich, wo die 13-jährige Protagonistin zwar den – erstaunlich zwielichtigen – Kochclub ihrer Oma mit der Super-8-Kamera ihres Vaters filmt, aber selbst dieser vermeintlich dokumentarische Gestus bedeutet keinesfalls, dass nicht trotzdem absolut alles möglich bleibt. Nach dem formell zurückhaltenderen „The Trouble With Being Born“, einer abgründigen Arthouse-Variante von Steven Spielbergs „A.I. – Künstliche Intelligenz“, treibt die aus Österreich stammende, aber inzwischen in Berlin lebende Regisseurin ihren schon jetzt unverkennbaren Stil mit „Everytime“ auf die Spitze. Es ist daher auch nur richtig, dass sie mit diesem in jeder Einstellung unendlich überraschenden Meisterwerk zum weltweit bedeutendsten Filmfestival nach Cannes eingeladen wurde – und dort direkt den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard gewonnen hat.
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Los geht’s allerdings mit einem Schlag in die Magengrube. Wollner hat sich für ihren dritten Langfilm die Mitarbeit des Kameramanns Gregory Oke gesichert, der vor einigen Jahren bereits für Charlotte Wells‘ Indie-Sensation „Aftersun“ einige der sehnsuchtsvollsten, sonnigsten 35mm-Aufnahmen der Kinogeschichte eingefangen hat. Womöglich genau deshalb ist Wollner auf den Briten gekommen, schließlich spielen auch Sonnen in den verschiedensten Formen in „Everytime“ eine wichtige Rolle. Aber dazu später mehr. Zunächst einmal gelingt den beiden jedenfalls eine der schönsten Einstellungen seit langem: Ein ganz früher, aber trotzdem schon lichtdurchfluteter Morgen in Berlin. Jung, verliebt, durchgetanzt und jetzt noch genau die richtige Menge Drogen im Blut. Nur aus der Ferne erkennen wir das junge Paar Jessie (Carla Hüttermann) und Lux (Tristan López) auf dem Dach eines Hauses vor dem Logo des Park Inn Hotels am Alexanderplatz.
Näher dran würde man es vermutlich auch gar nicht aushalten, dafür ist das Glück in diesem Moment einfach zu perfekt. Noch schläft die Metropole dort unten, es ist ganz still, selbst der Sturz macht keinen Mucks, zu hören sind allenfalls ein paar Frühaufsteher unter den Vögeln. Ein Jahr später sind die Friedhofsbesuche für Jessies Mutter Ella (Birgit Minichmayr) und ihre jüngere Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling) schon ein Stück weit Routine. Doch dann begegnen sie Lux, der zumindest durch die Blume immer wieder von Leuten gesagt bekommt, dass ja vielleicht doch er schuld an allem sei. Die Treffen werden häufiger und weniger zufällig, bis das Trio ganz spontan zum ursprünglich noch mit Jessie geplanten Familienurlaub auf Teneriffa aufbricht …
Der einjährige Sprung in den nächsten Sommer, zumal direkt nach dem soundlosen Schockeffekt, ist eine mindestens verblüffende Ellipse. Da steht neben den Protagonist*innen auch das Publikum zunächst auf – sprichwörtlich – wackligen Beinen, bevor man erst langsam seinen Halt wiederfindet. Wobei man sich seiner Sache auch später nie ganz sicher sein sollte: Während sich Melli immer wieder alte verpixelte Videos von ihrer Schwester ansieht, schneiden Wollner und ihr Editor Hannes Bruun („Funeral Casino Blues“) kurze Ausblicke nach Teneriffa wie zuckende Blitze in den Film hinein – und einmal taucht direkt vor Ellas Gesicht sogar eine Drohne unbekannter Herkunft auf, die tief hinein in einen dunklen Schacht davonsurrt.
Selten wurde die Idee, dass sich die Welt nach einem tragischen Verlust unwirklich anfühlen kann, derart nachvollziehbar und immersiv umgesetzt. Der gemeinsame Familienurlaub von Mutter, Schwester und Freund, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Ella beschlossen, hat natürlich etwas Utopisches an sich. Aber auch wenn die drei sich näher sind als all die anderen, die es überhaupt nicht nachvollziehen können, trauern auch sie ein Stück weit nebeneinander her. Als Melli nach dem Verlust ihres Handys ausrastet, kann ihre Mutter den Aufruhr überhaupt nicht verstehen – dabei war das Telefon eben ihre einzige verbliebene Verbindung zur Schwester, der sie noch immer fleißig Emojis schickt und zum Geburtstag gratuliert.
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„Everytime“ ist extrem präzise beobachtet und gespielt, dabei garantiert zu 100 Prozent kitschfrei. Zugleich präsentiert er sich aber auch als wunderliches Rätsel – und eine schwappende Wasserflasche auf der Brust eines schlafenden Mädchens im gelben T-Shirt ist nur einer von vielen möglichen Schlüsseln. Das hier irgendwas „off“ ist, spürt man von Anfang an, selbst wenn man das ganze Ausmaß sicher nicht vorhersehen wird. Denn spätestens, wenn auf Teneriffa die quadratische Klötzchen-Sonne (übrigens auch das Motiv des ersten Promo-Posters) aufgeht, ist endgültig klar: Sowas wie „Everytime“ haben wir auf der großen Leinwand noch nicht gesehen. Es wurde wirklich höchste Zeit!
Fazit: Ein mysteriös-zärtliches Kinowunder, das bis zu seiner letzten Einstellung einfach nicht aufhört, sein Publikum immer und immer wieder zu überraschen.
PS.: Wir alle kennen den kurzen Endorphinrausch, wenn die drei Punkte in einem Chatverlauf aufblinken und andeuten, dass das Gegenüber gerade eine Antwort tippt. Schon oft wurde genau dieser Moment auch im Kino für Spannungsspitzen genutzt. Aber was Sandra Wollner hier in „Everytime“ damit anstellt – alter Schwede!
Wir haben „Everytime“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film in der Sektion Un Certain Regard seine Weltpremiere gefeiert hat.