Rosebush Pruning
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,0
schlecht
Rosebush Pruning

Das (grandios gescheiterte) Remake eines Meisterwerks

Von Michael Bendix

Vor mehr als 70 Jahren drehte der noch immer aktive Regisseur Marco Bellocchio sein Regiedebüt und schuf damit direkt eines der einflussreichsten Werke des italienischen Kinos: „Mit der Faust in der Tasche“. Im Stil modernistisch und radikal expressiv, griff Bellocchio in seinem Film die bürgerliche Moral der italienischen Nachkriegsgesellschaft an, wobei er es vor allem auf eine Demontierung der Familie absah. Diese zeichnete er nicht als Zufluchtsort oder stabilisierendes Fundament, sondern als kränkliches, klaustrophobisches Konstrukt, in dem sich schleichend psychischer Verfall und gewalttätige Zerstörung Bahn brechen.

Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz („Motel Destino“) hat „Mit der Faust in der Tasche“ während des Corona-Lockdowns gesehen, einer Zeit also, in der Isolation zur Doktrin wurde, in der das zwangsweise Zurückgeworfensein aufs Private die Rissigkeit unserer spätkapitalistischen Ordnung offenlegte. Mit diesem Stoff ließe sich doch sicherlich etwas über die Gegenwart erzählen, über die Erosion sozialer Schutzräume, Häuslichkeit als Klassenfrage, die Integration des Persönlichen in ökonomische Verwertungslogiken. Doch „Rosebush Pruning“ ist nicht dieser Film geworden.

Die reichen Geschwister Ed (Callum Turner), Robert (Lukas Gage) und Anna (Riley Keough) hocken auf dem Anwesen ihres Vaters aufeinander. The Match Factory / MUBI
Die reichen Geschwister Ed (Callum Turner), Robert (Lukas Gage) und Anna (Riley Keough) hocken auf dem Anwesen ihres Vaters aufeinander.

In einer luxuriösen Villa in Spanien leben die Geschwister Ed (Callum Turner), Anna (Riley Keough), Jack (Jamie Bell) und Robert (Lukas Gage) gemeinsam mit ihrem erblindeten Vater (Tracy Letts). Ihre Mutter (Pamela Anderson), so heißt es zumindest, sei vor einiger Zeit im Wald von einer Horde Wölfe zerfleischt worden. In der Mitte des Hauses steht eine ihrer nackten Gestalt nachempfundene Statue, um die sich die verbliebene Familie regelmäßig versammelt. Einmal im Monat bringen Vater und Geschwister den Raubtieren zudem ein Lamm als Opfergabe dar, damit die Seele ihrer Mutter ruhen kann.

Arbeiten muss hier niemand, dafür sorgen vererbte Reichtümer. Mit „dysfunktional“ ist das Familiengefüge derweil noch unzureichend beschrieben: Die oftmals sexualisierte Sprache, in der die Geschwister miteinander interagieren, lässt aus guten Gründen auf eine inzestuöse Nähe schließen. Ansonsten sind die Beziehungen in erster Linie transaktionaler Natur, am Essenstisch spricht man über die Luxusmarken, die man am Körper trägt. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, das Dasein in selbstgewählter Abschottung zu hinterfragen – bis Jack eines Tages seine neue Freundin Martha (Elle Fanning) mit nach Hause bringt.

Doch wenn die Familie einem Rosenbusch gleicht – so eine Metapher, die uns der gern mit selbsterfundenen Sprichwörtern hantierende Ed aus dem Off an die Hand gibt –, dann kommt man nur von ihr los, wenn die Triebe beschnitten werden.

Yorgos Lanthimos trifft „Saltburn“

Wer während des Schauens an den griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos denkt, liegt richtig: Das Drehbuch stammt aus der Feder von Efthymis Filippou, der auch die Vorlagen zu u. a. „The Killing Of A Sacred Deer“ und zuletzt „Kinds Of Kindness“ verfasst hat. Ob man mit „Rosebush Pruning“ etwas anzufangen weiß, steht und fällt so sicherlich auch mit der Bereitschaft, in der zynischen Weltsicht und dem zur Schau gestellten Sadismus des „Bugonia“-Machers mehr zu sehen als misanthropische Versuchsanordnungen. Zugleich lässt sich der Film auch mit der in den letzten Jahren aus guten Gründen populär gewordenen Strömung des Eat-the-Rich-Kinos à la „Saltburn“ in Verbindung bringen – nur, dass sich das System hier schlussendlich (auf blutige Art und Weise) selbst zersetzt.

Die Diagnosen, die „Rosebush Pruning“ stellt, sind so wenig falsch wie denkbar schlicht: Grenzenloser materieller Reichtum hat innere Verarmung zur Folge, der Selbsterhaltungstrieb der oberen Klassen ist eine Form sozialer Inzucht und damit von vornherein pervertiert. Interessante Perspektiven ergeben sich daraus allerdings nicht. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die mit grellen Primärfarben und dröhnendem Sounddesign lockende Satire nur einen einzigen Motor kennt: Verachtung.

Musikstudentin Martha (links, Elle Fanning) bringt das familiäre Gefüge ins Wanken. The Match Factory / MUBI
Musikstudentin Martha (links, Elle Fanning) bringt das familiäre Gefüge ins Wanken.

An die Stelle der analytischen Schärfe des Vorbildes Bellocchio tritt eine repetitive Freakshow voller kalkulierter Grenzübertritte, bei denen unter anderem Sperma, Zahnpasta und Menstruationsblut eine Rolle spielen. Der Film stellt diese mit einer Penetranz aus, als sei er der erste seiner Art. Dabei hat sich Autor Filippou etwa im substanzhaltigeren „Dogtooth“ (2009) bereits in ähnliche Bereiche vorgewagt.

„Rosebush Pruning“ erlaubt weder sich selbst noch seinem Publikum zumindest einen Funken ambivalenter Faszination für das mondän-obszöne Treiben seines Personals. So bleibt am Ende ein unausstehlicher Film über unausstehliche Menschen, denen man schon deshalb ungern zuschaut, weil das Urteil von Anfang an längst gefällt scheint.

Fazit: Reichen-Satire voller plumper Provokationsgesten – für alle, denen die Filme des „Dogtooth“-Schöpfers Yorgos Lanthimos bisher zu subtil waren.

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