Der Anti-"Rocky"
Von Thorsten HanischFilme, die sich um das Boxen drehen, gibt es seit der Erfindung des Kinos. Zunächst meist nur Spektakel beschäftigen sich modernere Boxfilme zunehmend auch mit der psychologischen wie soziologischen Ebene. Die „Rocky“-Reihe (1976 – 2006) gehört hier sicherlich zu den bekanntesten Beispielen. Hinterfragt wird der Sport an sich trotzdem eher selten, ganz im Gegenteil steht weiterhin die Glorifizierung im Zentrum: eine eiserne Disziplin und nach jedem Niederschlag immer wieder aufstehen, nur so kommt man zum Triumph. Rocky wurde so zum Männlichkeitsideal ganzer Generationen.
Ein bekanntes Zitat aus „Rocky Balboa“ (2006), dem letzten Teil der Reihe, lautet: „Es kommt im Leben nicht darauf an, wie viel du austeilst, sondern darauf, wie viel du einstecken kannst – und ob du trotzdem weitermachst.“ „Wild Foxes“ wirkt deshalb wie eine radikale Antwort auf das Hollywood-Vorbild: Der ungemein packend und dicht erzählte Debütfilm von Valery Carnoy taucht tief in die Welt seiner boxenden Protagonisten ein – und führt in eindringlichen Bildern vor, was Rockys (vermeintliche) Weisheit in letzter Konsequenz tatsächlich bedeutet.
Grandfilm
Das Boxteam des Sportinternats, in dem auch der 17-jährige Faustvirtuose Camille (Samuel Kircher) trainiert, ist eine gnadenlose, Testosteron-triefende Drillmaschine, in der Schwächen egal welcher Art nichts zählen. Eine ausgeprägte Einsteckmentalität steht für Trainer Bogdan (Jean-Baptiste Durand) vielmehr ganz oben auf der Liste. Das bekommt Camille besonders nach einem schweren Unfall zu spüren. Bei einem der Ausflüge in die umliegenden Wälder, bei denen der junge Boxer und sein bester Freund Matteo (Faycal Anaflous) Füchse mit geklautem Fleisch füttern, stürzt er in die Tiefe. Zwar können die Ärzte ihn körperlich wieder zusammenflicken …
… doch tief in seinem Inneren scheint etwas zerbrochen zu sein. So spürt er immer wieder einen unerklärlichen Schmerz, den sich die Mediziner einfach nicht erklären können. Seine Kameraden wollen von seinem Leiden nichts wissen, ebenso wenig Bogdan, der ihn weiter antreibt und fordert, einfach die Zähne zusammenzubeißen. Der einstige Liebling des Teams ist verzweifelt und greift immer wieder zu Notlügen, um nicht trainieren zu müssen. So entfernt er sich immer weiter von seinen Kameraden und damit auch von seinem besten Freund. Etwas Trost findet er nur bei Taekwondo-Schülerin Yas (Anna Heckel). Doch eines Tages eskaliert die zunehmend angespannte Situation …
„Wild Foxes“ trägt in der französischen Originalversion den poetischen Titel „Le Danse Des Renards“, also „Der Tanz der Füchse“. Sowieso sind die Füchse das zentrale Motiv des Films: Die Tiere verkörpern Camilles Sehnsucht nach Freiheit und Ungebundenheit, die ruhigen Szenen im Wald stehen dabei in einem steilen Kontrast zur trubeligen Enge des Internats. Die Tiere haben – genau wie der junge Boxer – eine Tendenz zum Einzelgängertum. Sie sind Jäger, die um ihre Zukunft kämpfen, aber schon im nächsten Moment selbst zu Gejagten werden können.
„Wild Foxes“ handelt vom Boxen, erzählt aber im Kern vom Patriarchat, von einem falschen, (selbst-)zerstörerischen Männlichkeitsbild, das von Generation zu Generation weitergeben wird. Der Film vertieft das zwar nicht, deutet aber an, dass Samuels gewalttätiger Vater den Jungen bereits in früher Kindheit zum Boxen trieb. Samuel jedenfalls scheint gar nichts anders zu kennen, als immer nur einzustecken, durchzuhalten und weiterzumachen – es ist ein Kreislauf, aus dem es trotz aller Seelenqual kein Entkommen zu geben scheint. So führt Camilles Leidensweg zu einem eindrücklichen Finale, nach dem man sich die „Rocky“-Filme wohl nie wieder mit derselben Unbeschwertheit ansehen kann.
Grandfilm
„Wild Foxes“ ist ein Boxfilm, der zwar die klassischen Stationen des Genres abklappert, im Grunde aber davon erzählt, um es mal überspitzt zu formulieren, wie doof das alles doch ist. Trotzdem verfällt er dabei nie in einen anklagenden oder gar belehrenden Ton. Auch Fans des Sports sollten sich den Film deshalb ruhig ansehen, denn das Debüt von Valery Carnoy ist auf den Punkt inszeniert und setzt dabei auf eine Mischung aus klassischer Filmästhetik und semi-dokumentarischen Bildern. Dazu kommt eine sensationelle Vorstellung von Shootingstar Samuel Kircher („Im letzten Sommer“), der Camille eindrucksvoll zwischen rüdem Box-Macho und äußerst empfindsamem Teenager pendeln lässt. Die aus seiner Zerrissenheit resultierenden Seelenqual wird derart greifbar, dass sein Schicksal unweigerlich unter die Haut geht.
Fazit: Dieser Anti-„Rocky“ steckt selbst die meisten „Rocky“-Filme in die Tasche.