Wenig Liebe, viele Hiebe
Von Björn BecherMit ihrer unabhängigen Produktionsfirma 87North haben „John Wick“-Regisseur David Leitch und Produzentin Kelly McCormick eine beeindruckende Action-Schmiede aufgebaut. Dabei dienen ihre Hallen nicht nur zum Dreh von Filmen, stattdessen können Stuntleute und Action-Choreograf*innen die Anlagen auch nutzen, um zu trainieren, neue Ideen zu testen oder geplante Szenen zu verfeinern. David Harbour hat die Einrichtung bereits augenzwinkernd „The Church Of Pain“ („Die Kirche des Schmerzes“) getauft, denn eine besondere Spezialität von 87North ist es, im Fach bislang noch unerfahrene Stars wie eben den „Stranger Things“-Sheriff (für „Violent Night“) oder „Better Call Saul“-Anwalt Bob Odenkirk (für „Nobody“) auf möglichst spektakuläre Filmprügeleien vorzubereiten. Und dieses Training tut mitunter eben auch richtig weh!
Aber eine solche Action-Nachwuchs-Förderung gibt es bei 87North nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Immerhin ist dem Chef David Leitch selbst der Sprung vom Stuntman zum Choreografen und schließlich zum Regisseur gelungen – und genau so eine Chance will er nun auch anderen geben: Jetzt ist etwa Jonathan Eusebio an der Reihe, der 25 Jahre lang als Stuntman und Choreograf Kopf und Kragen für mehr als 80 Filme und Serien – darunter „300“, „Black Panther“ und „Obi-Wan Kenobi“ – riskiert hat und nun mit „Love Hurts – Liebe tut weh“ sein Regiedebüt abliefert. Das Ergebnis glänzt – wie nicht anders zu erwarten – mit erstklassiger Stuntarbeit, aber die weiteren Elemente der Action-Romantik-Komödie fallen im Vergleich leider ein wenig ab.
Universal Pictures Germany
Am Valentinstag hat Makler Marvin Gable (Ke Huy Quan) eigentlich allen Grund zur Freude. Im Büro liebt jeder den netten Chef, der nicht nur mit seinen selbstgebackenen Keksen begeistert. Und sein Mentor Cliff Cussik (Sean Astin) wird ihm gleich offenbaren, dass er zum Makler des Jahres gewählt wurde. Aber bevor es dazu kommt, haut ihn erst einmal ein Bekannter aus einem verdrängten früheren Leben bewusstlos: Der so ruhig und zartbesaitet wirkende Marvin war einst ein mordendes Monster, der für seinen Gangsterboss-Bruder Knuckles (Daniel Wu) die Drecksarbeit erledigt hat. Aber jetzt holt ihn diese Vergangenheit eben in Form des Killers The Raven (Mustafa Shakir) ein.
Zudem meldet sich die untergetauchte Rose (Ariana DeBose) mit mysteriösen Botschaften. Marvin sollte die einstige rechte Hand seines Bruders vor einigen Jahren töten, ließ sie aber laufen. Nun glaubt jeder, dass er weiß, wo sie sich versteckt. Aber nicht nur The Raven soll Rose aufspüren, auch der schmierige Renny Merlo (Cam Gigandet) will sie unbedingt in seine Finger bekommen. Dafür hat er seine Handlanger King (Marshawn Lynch) und Otis (André Eriksen) von der Leine gelassen. Um zu überleben, muss sich Marvin auf seine alten Fähigkeiten besinnen. Aber muss er dafür auch das damalige Monster wieder herauslassen, obwohl er sein neues Leben doch so sehr liebgewonnen hat?
Zumindest die zweite Hälfte des Filmtitels ist bei „Love Hurts“ absolut Programm: Es schmerzt richtig, wenn Jonathan Eusebio bei seinem Regiedebüt die Actionszenen voll auskostet. Hier wird nicht schnell weggeschnitten, sondern die volle Wirkung jedes Schlages, Tritts oder Wurfes gezeigt. Immer wieder sehen wir, wie die Figuren auf den Boden, einen Tisch oder etwas anderes aufschlagen. Jeder Aufprall ist so in Szene gesetzt, dass er durchaus geeignet ist, Phantomschmerzen im Kinosaal zu erzeugen.
Der für „Everything Everywhere All At Once“ mit dem Nebendarsteller-Oscar ausgezeichnete Ke Huy Quan ist dabei voll in seinem Element. Denn was viele nicht wissen: Der einstige Kinderstar aus „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ ist durchaus kampfsporterprobt und sammelte in den Jahren, in denen er aus der Öffentlichkeit verschwunden schien, sehr viel Genre-Erfahrung. So drehte er u. a. in Hongkong und war als Assistent des Kampf-Choreografen Corey Yuen sogar am Marvel-Blockbuster „X-Men“ beteiligt. Dazu besitzt er das schauspielerische Talent, um die rasanten Prügeleien mit jeder Menge Humor zu kombinieren. Wenn Marvin in seinem eigenen Haus das erste Mal auf King und Otis trifft, ist das ein frühes Highlight von „Love Hurts“. Denn hier bilden Action und Comedy eine so gelungene Symbiose, wie man es sonst etwa von Jackie Chan kennt.
Universal Pictures Germany
Eusebio versteht es auch, die Action-Choreografien konkret zu nutzen, um uns etwas über die Figuren zu erzählen. Die Kämpfe verraten etwa, wie zerrissen Marvin zwischen seinen beiden Leben ist. Anfangs ist er auch in der Schlacht eher der überfreundliche Makler, der eigentlich niemandem was antun will und sich deshalb auch vornehmlich aufs Ausweichen und Blocken konzentriert. Aber zugleich schlummert da eben auch das alte Monster, das auf brutale Art Schmerzen zufügen kann. In diese Action-Sause mischt sich fast von selbst der Humor, weil es einfach lustig ist, wie Marvin sich an sein gediegenes Durchschnittsleben klammert. Als Symbol dient ihm dabei die Urkunde, die ihn zum Makler des Jahres kürt – und die er selbst während der brutalsten Klopperei vor jeglicher Beschädigung zu bewahren versucht.
Dazu packt der Regisseur, der übrigens von dem deutschen Stunt-Koordinatoren Can Aydin („Plan B: Scheiß auf Plan A“) und dessen Team unterstützt wurde, auch noch einige dynamische Spielereien aus. Die Kamera ist bei einer Sequenz etwa in einem Kühlschrank platziert, sodass wir immer nur Ausschnitte von der Prügelei zu sehen bekommen, wenn die Tür gerade aufgerissen wird, um sie zum Beispiel jemanden an den Kopf zu knallen.
Nach einem schwungvollen Beginn und zwei frühen Action-Highlights hängt „Love Hurts“ im Mittelteil allerdings mächtig durch. Trotz der eigentlich knackigen Laufzeit von nur 83 Minuten wird einigen Aspekten schlicht zu viel Raum gewidmet: Die eher uninteressanten Ausführungen, was damals eigentlich genau passiert ist und warum alle hinter Rose her sind, fallen als notwendiger Story-Unterbau noch nicht allzu schwer ins Gewicht. Die ständigen Kabbeleien von King mit seinem Handlanger-Kumpel Otis, der ausgerechnet am Valentinstag von seiner Freundin verlassen wurde, erweisen sich hingegen schnell als ermüdend.
Dass der Gedichte schreibende Killer The Raven in Marvins jobhassender Assistentin Ashley (Lio Tipton) überraschend eine Seelenverwandte findet, wird ebenfalls arg überstrapaziert. Und trotzdem ist The Raven eine der interessantesten Figuren des Films: Allein durch seine Bewaffnung mit scharfen Klingen an den Unterarmen (eine Hommage an den Shaw-Brothers-Klassiker „Der Schrei des gelben Adlers“) bringt er noch mal einen neuen Aspekt in die Actionszenen.
Universal Pictures Germany
Völlig unter geht der Liebesaspekt auch beim eigentlich zentralen Paar: Zwischen Ke Huy Quan und Ariana DeBose (Oscar für „West Side Story“) entwickelt sich zu keinem Zeitpunkt eine glaubwürdige Chemie. Dass Marvin einst alles über Bord warf, weil er unsterblich in Rose verliebt war, bleibt in „Love Hurts“ bloße Behauptung, die uns zudem immer wieder als nerviger Voice Over eingebläut wird. Fühlen können wir das nie. Das liegt weniger an den beiden Stars als am Skript, in dem es versäumt wurde, gemeinsame Momente für das Paar zu schaffen.
„Love Hurts“ gesellt sich so zu Titeln wie „Argylle“ oder „Kraven The Hunter“, in dem die Talente von „West Side Story“-Oscarpreisträgerin Ariana DeBose ebenfalls schon an bloße Stichwortgeberinnen-Rollen verschwendet wurden. Da knistert es ja sogar mehr bei der herzerwärmenden „Die Goonies“-Reunion von Quan mit Ex-Kinderstar-Kollege Sean Astin. Der „Der Herr der Ringe“-Hobbit steuert zudem den besten dramatischen Moment zur Action-Sause bei.
Erst im großen Finale, in dem auch Daniel Wu („New Police Story“) seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann, bekommt auch DeBose ein paar Kickass-Momente. Vor allem zieht „Love Hurts“ hier mit zwei langen Actionsequenzen noch einmal kräftig das Tempo an. In diesen zeigt sich, dass Jonathan Eusebio definitiv ein vielversprechender Action-Regisseur ist und Ke Huy Quan unbedingt mehr Genre-Filme drehen muss – denn jedes großen Set Piece des Films ist anders, was immer wieder für Abwechslung sorgt.
Und zur Geschichte passt das auch: Je länger Marvin kämpft, umso mehr wird er wieder zu dem alten Monster – und umso rauer und brutaler werden auch die anfangs noch komisch gebrochenen Actionszenen. So deckt „Love Hurts“ eine ziemliche Bandbreite ab: Von der komödiantischen Prügelei, die an Jackie Chan erinnert, über Verweise auf das Hongkong-Wuxia-Kino der 1970er bis zum brutalen Gegner-Abräumen auf den Spuren eines John Wick ist am Ende alles dabei.
Fazit: „Love Hurts – Liebe tut weh“ überzeugt mit herausragend inszenierter Action und einem bestens aufgelegten Ke Huy Quan. Während die spektakulären Kämpfe für Highlights sorgen, bleibt die Liebesgeschichte zu blass und die Erzählung verliert in der Mitte an Tempo. Für Fans von kompromissloser Action ist das Regiedebüt von Action-Spezialist Jonathan Eusebio damit aber unbedingt einen Kinobesuch wert.