Was ist Liebe wert - Materialists
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Was ist Liebe wert - Materialists

Ein Wolf im Schafspelz

Von Christoph Petersen

Das grenzt an Liebe“, „Liebe um jeden Preis“, „Liebe zu Besuch“, „Kein Mittel gegen Liebe“, „Plan B für die Liebe“, „Liebe auf den zweiten Blick“: Die Liste eingedeutschter Filmtitel, bei denen es offensichtlich nur darum ging, irgendwie das Wort „Liebe“ unterzubringen, die zugleich aber auch derart generisch sind, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann, ließe sich noch fast endlos fortführen.

Aber im Fall von „Was ist Liebe wert – Materialists“ ist die Frage, die dem schlichten US-Titel „Materialists“ hierzulande vorangestellt ist, absolut ernst gemeint: Nach ihrem zweifach oscarnominierten Regiedebüt „Past Lives“ (5 Sterne von FILMSTARTS!) erforscht Celine Song diesmal die ökonomischen Seiten des Datings – und liefert damit so ziemlich genau das Gegenteil der spritzigen romantischen Komödie, die die Trailer suggerieren.

Daran hat sich über die Jahrtausende nichts geändert

Ähnlich wie „2001: Odyssee im Weltraum“ und „Barbie“ startet die lange Zeit betont zynische Bestandsaufnahme des „Liebes“-Lebens bei den Höhlenmenschen. Ein Steinzeitmann bringt seiner Angebeteten Blumen mit, aber sie checkt stattdessen vor allem seinen Werkzeugbeutel, um sicherzustellen, dass er auch für sie sorgen kann – und daran hat sich auch Tausende Jahre später im modernen Manhattan nichts geändert:

Die Partnervermittlerin Lucy (Dakota Johnson) hat ihre große Liebe John (Chris Evans) einst verlassen, weil er bei ihrem fünfjährigen Jubiläum nicht einmal fürs Parken zahlen konnte. Jetzt verhilft sie stattdessen anderen zu ihrem Glück – und zwar immer unter der Prämisse, dass Dates und Ehen eh nichts anderes sind als Handelsgeschäfte. Und auf einer „ihrer“ Hochzeiten trifft sie ihr persönliches „Einhorn“ Harry (Pedro Pascal) – eine Bezeichnung der Branche für Männer, die alles haben: gutes Aussehen, gute Familie, gute Ausbildung und sehr, sehr viel Geld…

Lucy (Dakota Johnson) arbeitet als Partnervermittlerin in New York, glaubt aber selbst längst nicht mehr an die Liebe. Gotham / Sony Pictures
Lucy (Dakota Johnson) arbeitet als Partnervermittlerin in New York, glaubt aber selbst längst nicht mehr an die Liebe.

„Was ist Liebe wert – Materialists“ ist einer der bislang größten Kassenerfolge des US-Indie-Studios A24 – und man darf vermuten, dass viele Besucher*innen vor allem deshalb eine Karte gekauft haben, weil sie eine romantische Komödie mit drei besonders attraktiven Stars sehen wollten. Eine (falsche) Erwartung, die von den Trailern zusätzlich befeuert wurde – stattdessen ist in dieser Hochglanz-Welt als Mann unter 1,80 Meter oder als Frau über 27 niemand etwas „wert“ (von allen, die es wagen, kein sechsstelliges Jahresgehalt – nach Steuern! – zu verdienen, mal ganz zu schweigen).

Sicherlich hätte man den Plot um eine Hochzeitsmaklerin, die sich zwischen einem kellnernden Off-Off-Broadway-Schauspieler und einem der begehrtesten Junggesellen der New Yorker High Society entscheiden muss, als klassische RomCom inszenieren können – aber vor allem in der ersten Stunde folgt Celine Song nur scheinbar den Gesetzen des Genres, während sie in Wahrheit konstant eine ätzende Säure über alles auch nur annährend Romantische träufeln lässt.

Dem Altar des Kapitalismus geopfert

Auch in der „echten“ RomCom-Version des Stoffes hätte es sicherlich eine Collage gegeben, in dem wir die besonders schlimmen, verrückten oder skurrilen Kund*innen von Lucy vorgeführt bekommen. Aber in „Was ist Liebe wert – Materialists“ bleibt einem das Lachen in solchen Momenten regelmäßig im Hals stecken: Hier wird über Traumdates verhandelt, als ginge es nicht um Menschen, sondern um frei formbare Dinge.

Das ist auf eine keinesfalls komödiantisch überhöhte, sondern schmerzhaft sezierende Weise dermaßen ätzend und entwürdigend, dass man das „Rom“ in „RomCom“ sofort mit einem Edding dick und fett durchstreichen möchte. Selbst die Idee, sich mehrfach die Beine brechen zu lassen, um so noch ein paar Zentimeter Höhe mehr rauszuholen und so seinen „Wert“ zu verdoppeln (für 200.000 Dollar und höllische Schmerzen), ist hier keine womöglich entlarvende Pointe. Stattdessen folgt es nur der unentrinnbaren kapitalistischen „Liebes“-Logik, der man sich einfach ergibt.

Harry (Pedro Pascal) sieht super aus und ist obendrein auch noch reich – doch ist er deshalb automatisch der Richtige? Gotham / Sony Pictures
Harry (Pedro Pascal) sieht super aus und ist obendrein auch noch reich – doch ist er deshalb automatisch der Richtige?

Die erste Stunde von „Was ist Liebe wert – Materialists“ ist nicht das, was die Trailer versprechen – aber es ist nichtsdestotrotz ein ziemlich guter, wenn auch ganz sicher kein Wohlfühlfilm. Aber dann will Celine Song auf der Zielgeraden doch noch dorthin, wo wir alle eh von Anfang an geahnt haben, dass die Reise hingehen wird – aber das ist nach dem säurehaltigen Start gar nicht so leicht. Da muss sie schon einen besonders krassen Story-Twist auffahren, um Lucy von ihrem Hauptsache-reich-Mantra abzubringen und zur alten „Arm, aber glücklich“-RomCom-Moral zurückzubringen.

Aber damit verhebt sich der im Gegensatz zu Durchschnitts-RomComs sehr sanft, leise und gedämpft inszenierte und gespielte Film leider ein wenig: Ein schwerer, offenbar auch sexueller Übergriff wird ein Stück weit zum Mittel zum Zweck, um der – je nach Sichtweise desillusionierten oder klarsichtigen – Protagonistin eine moralinsaure Lehre zu erteilen.

Fazit: „Was ist Liebe wert – Materialists“ ist ein klassischer Wolf im Schafspelz – was sich als klassische RomCom anbiedert, entpuppt sich zumindest in der ersten Stunde als ätzende Abrechnung mit der ökonomischen Dimension des Datings. Wenn Celine Song dann aber in der zweiten Hälfte doch noch zurück zu einer klassischeren Liebesgeschichte abzubiegen versucht, kommt der Film zunehmend aus dem Tritt. Aber selbst das ändert nichts daran, dass man mit dem ebenso attraktiven wie großartig spielenden Star-Trio Dakota Johnson, Chris Evans und Pedro Pascal gern 115 Minuten verbringt.

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