Der letzte Film eines deutschen Hit-Regisseurs
Von Gaby SikorskiDer gebürtige Sauerländer und Wahlberliner Wolfgang Becker wurde mit „Good Bye, Lenin!“ zum gefeierten Regisseur, Hauptdarsteller Daniel Brühl durch ihn zum Weltstar. Die Wende-Komödie über einen Sohn, der seiner kranken Mutter vorspielt, dass die DDR weiterbesteht, gilt als einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Filme aller Zeiten und wurde von der britischen Zeitung The Times als „witzigster Film aus Deutschland seit einem Jahrhundert“ bezeichnet. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ nach dem gleichnamigen Roman von Maxim Leo sollte nun Beckers letzter Film werden: Er starb kurz nach Abschluss der Dreharbeiten im Dezember 2024.
Eigentlich ist Micha Hartung (Charly Hübner) pleite, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Seine Berliner Kiez-Videothek läuft schon seit Jahren nicht mehr – kein Wunder: Wir schreiben das Jahr 2019, Leih-Videos sind beinahe so out wie Röhrenfernsehgeräte, und dem liebenswerten, wenn auch leicht verpeilten Micha steht das sprichwörtliche Wasser bis zum Hals. Die gesamte Gerichtspost in Gestalt von Mahn- und Vollstreckungsbescheiden landet ungeöffnet in einer Obstkiste, die bereits gut gefüllt ist. Doch eines Tages ändert sich Michas Leben abrupt – und zwar unerwarteterweise zum Besseren –, als der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) in seinen Laden und sein Leben tritt.
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Denn Landmann hat herausgefunden, dass Micha als ehemaliger Weichensteller bei der Reichsbahn in die größte Massenflucht der DDR-Geschichte verwickelt war. Aber was noch viel wichtiger ist: Landmann verspricht Micha gar nicht mal so wenig Geld, wenn er bereit ist, darüber zu sprechen, was damals geschah. 127 Menschen saßen in der S-Bahn, die aufgrund einer verstellten Weiche – aha! – an einem eher kühlen Sommermorgen im Jahr 1984 vom Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße geradewegs in den Westen fuhr. Alexander Landmann, der ebenfalls nicht gerade vom Schicksal gesegnet ist, wittert Morgenluft und eine großartige Story, die ihn ganz nach vorne in die erste Garde der Enthüllungsjournalisten katapultieren könnte. Denn dank seiner Recherchen hat Deutschland zum 30. Jahrestag des Mauerfalls einen Helden: Micha Hartung.
Und genau so kommt es: Micha mutiert in rasender Geschwindigkeit vom Verlierer zum Erfolgsmenschen. Sein Name steht auf allen Titelseiten, die Videothek läuft plötzlich wie die Feuerwehr, und er kann sich vor Einladungen zu Interviews und Talkshows kaum retten. Dabei entwickelt der anfangs noch schüchterne und zurückhaltende Micha immer mehr Entertainer-Qualitäten, etwa wenn er mit der DDR-Eislauf-Ikone Kati Witt im TV-Studio sitzt und witzelt: „Das ist ja hier heller als im Todesstreifen!“ Doch was ist damals eigentlich wirklich passiert? In Michas gutem Herzen regt sich mehr und mehr das schlechte Gewissen angesichts einer Entwicklung, die er weder kontrollieren noch aufhalten kann. Und dann lernt er auch noch Paula (Christiane Paul) kennen, die damals in der S-Bahn saß...
Wolfgang Becker hat den unterhaltsamen Roman von Maxim Leo gemeinsam mit dem Drehbuchautor Constantin Lieb („Jeder schreibt für sich allein“) in ein überaus vergnügliches filmisches Lehrstück über Geschichtsschreibung und Geschichtsverständnis verwandelt, das mit einer hübschen Schwuppdi-Wuppdi-Komödienmusik untermalt wird. Das erinnert ein bisschen an „Good Bye, Lenin!“, ist aber doch komplett anders – und auf dieser anderen Grundlage genauso gut.
Hier geht es nämlich nicht nur um die kollektive Erinnerungskultur, die bekanntlich, je nach Herkunft und Richtung – dies- oder jenseits der Mauer – durchaus unterschiedlich ausfallen kann, sondern auch und vor allem um Menschen. Und Menschen, die waren Wolfgang Beckers große Spezialität. Wie er Charaktere zeichnen konnte, in ihrer Komik wie in ihrer tragischen Dimension, das zeugte nicht nur von viel Humor, sondern auch von einer unglaublich guten Beobachtungsgabe, die ebenso realistisch wie verständnisvoll ist.
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So ist auch Michael Hartung in „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, mit schwerwiegenden Charakterfehlern ebenso wie mit liebenswürdigen Macken – kein Macher, sondern eher ein Dulder, eigentlich gar nicht mal uncharmant, aber äußerlich wie innerlich leicht bis mittelschwer verwahrlost. Niemand kümmert sich um ihn, und er will auch nicht, dass man sich um ihn kümmert, nicht einmal seine Tochter Natalie (Leonie Benesch), die er ständig anschwindelt, was seine finanzielle Situation betrifft.
Dass er als prokrastinierender Loser plötzlich zum Helden der Nation wird, trifft ihn mit aller Macht. Und wer könnte da widerstehen, wenn es plötzlich von überall her Zuneigung und Geld regnet? Heldentum als Karrierebooster – aber naturgemäß trifft sein Aufstieg nicht überall auf Zustimmung. Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) zum Beispiel, der als Dissident in Stasi-Haft gesessen hatte und sich mit Vorträgen in Schulen ein Zubrot als Rentner verdient, ist nun komplett abgemeldet. Und plötzlich geht es um viel mehr als einen schlampigen Videothekenbesitzer, der vielleicht nicht ganz zu Recht im Nullkommajosef ganz oben gelandet ist und auch ganz schnell wieder unten sein könnte. Plötzlich geht es um alte Feinde und neue Kumpel, es geht um Verbrüderung und Komplizenschaft und nicht zuletzt um alte Seilschaften. Aber bei aller Komik und Ironie: Es steckt viel Wahrheit und Ernsthaftigkeit hinter der komplett, aber richtig gut erfundenen Geschichte von der Massenflucht und ihrem unfreiwilligen Helden.
Da geht es nicht nur um das Thema der kollektiven Erinnerung, sondern auch um die gefährliche Dynamik der Medienmaschinerie, die aus Feinden Verbündete machen kann, Helden aus Versagern – und umgekehrt. Der wie immer großartige Charly Hübner („Mittagsstunde“) spielt sich als sympathischer Kiezberliner direkt ins Herz des Publikums. Unvergesslich, wie er zu Beginn im Bademantel vor seiner Videothek steht: der perfekte Verlierer – ein Mann, dem alles egal ist. Unterstützt wird er von der ersten Garde der deutschen Schauspielszene, darunter Leonie Benesch („Das Lehrerzimmer“) und Christiane Paul als kluge, kühle Paula, die so gar nicht zu dem eher rumpeligen Micha zu passen scheint. In kleineren Rollen gibt es zudem Cameo-Auftritte mit vielen bekannten Gesichtern aus früheren Wolfgang-Becker-Filmen – aber davon sollte man sich einfach überraschen lassen!
Fazit: Charly Hübner in einer tragikomischen Glanzrolle als Hochstapler wider Willen mit Herz und Skrupel – und ganz nebenbei ein bittersüßes, ironisches Statement zu Geschichtsschreibung und Geschichtsverständnis.