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    Das Boot
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Das Boot
    Von Carsten Baumgardt
    Lange bevor der Ostfriese Wolfgang Petersen („In The Line Of Fire“, „Outbreak“, „Der Sturm“) in Hollywood zum Regie-Star aufstieg, schuf er 1981 mit dem All-Time-Klassiker „Das Boot“ einen der besten deutschen Filme aller Zeiten. Der Anti-Kriegsfilm nach dem autobiographischen Roman von Lothar-Günther Buchheim heimste sechs hochverdiente Oscarnominierungen ein und ist bis heute der erfolgreichste deutsche Film in den USA. Das exzellent gespielte, brutal authentische und perfekt inszenierte U-Boot-Drama bedeutete für Petersen die Eintrittskarte für Hollywood und für viele aus seiner superben Schauspielerriege den Beginn von bedeutenden Karrieren.

    Herbst 1941: Die deutsche U-Boot-Flotte bereitet sich im französischen La Rochelle auf den nächsten Kriegseinsatz vor. Hitler versucht, die Briten mit einer Handelsblockade auszuhungern. Doch die Engländer sind erstaunlich gut gerüstet, um der als überlegen geltenden deutschen Flotte in der „Schlacht im Atlantik“ zu trotzen. Unter Führung des Wehrmacht-kritischen Kapitänleutnants Henrich Lehmann-Willenbrock (Jürgen Prochnow), von seinen Männern - wie es unter Seeleuten Tradition ist - „Der Alte“ genannt, ziehen 50 mehr oder weniger motivierte Soldaten optimistisch und feindhungrig in den Krieg. Mit an Bord ist der zunächst naiv-euphorische Kriegsberichterstatter Leutnant Werner (Herbert Grönemeyer), der den Einsatz dokumentieren soll. Bei einem Großteil der Mannschaft stößt der „Zivilist“ auf Ablehnung... Auf den ersten Seetagen passiert wenig, die quälende Langeweile zermürbt die Männer, die Aggressionen untereinander nehmen zu. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was sie später erwartet. Nachdem „U 96“ eine britische Frachterflotte ausmacht und einige Schiffe torpediert hat, soll sich dies bitter rächen. Den Geleitschutz übersehend, kommt das deutsche Boot unter schweres Bombardement und sinkt schwer angeschlagen Richtung Meeresboden...

    Petersens „Das Boot“ bedeutete in jeder Hinsicht einen Meilenstein in der deutschen Kinogeschichte. Bis heute konnte kein anderer Film international so viel Anerkennung erfahren, so viel Geld einspielen und mit derart vielen Preisen ausgezeichnet werden. Das für damalige Verhältnisse mit 25 Millionen Mark sehr teure Anti-Kriegsdrama ist ein Triumph auf ganzer Linie. Der ehemalige TV-Regisseur Petersen besticht mit einer grandiosen, pure Authentizität atmenden Inszenierung, die sich auf ein starkes Drehbuch, das die Geschichte aus Sicht des Kriegsberichterstatters Werner erzählt, stützen kann. Entgegen den üblichen Machwerken aus Hollywood wird den deutschen Soldaten im Film Sympathie entgegen gebracht, sich aber dennoch vom Nationalsozialismus distanziert. Während der Kaleu die politischen Führer sarkastisch abqualifiziert („Maulhelden, nichts als Maulhelden“; „Unser herrlicher, wertgeschätzter abstinenter und unbeweibter Führer, der in glorreicher Karriere vom Malerlehrling zum größten Schlachtenlenker aller Zeiten... stimmt’s etwa nicht?“ [...] „Also, der große Flottensachverständige, der unübertroffene Seestratege, dem es gefallen hat, in seinem unermesslichen Ratschluss... wie geht’s’n weiter?“ [...]), liegt lediglich der Erste Offizier (Hubertus Bengsch) auf der Linie der Nazis. Der Kapitänleutnant ist vielmehr darauf bedacht, seine Männer heil nach Hause zu bringen – auch, wenn er weiß, dass dies praktisch unmöglich ist.

    Jürgen Prochnow entwickelt als etwas verbitterter, aber gegenüber seiner Crew loyaler Kommandant („Na Männer, alles klar“) ein unglaubliches Charisma. Nicht schlechter ist die Leistung von Herbert Grönemeyer, der durch die Schrecken des Krieges nach und nach seine Naivität verliert. Gleiches Lob gilt für Klaus Wennemann als bis zur völligen Erschöpfung akribisch arbeitender Leitender Ingenieur, Erwin Leder als labiler Chefmachinist Johann, Martin Semmelrogge als zynischer Zweiter Offizier oder Otto Sander („I'm not in the condition to fuck“) als trinkfester Kaleu Thomsen. Alle tragen wie Heinz Hoenig, Uwe Ochsenknecht, Martin May, Bernd Tauber, Jan Fedder, Ralf Richter, Claude-Oliver Rudolph oder Günter Lamprecht zur perfekten Ensembleleistung bei.

    Optisch und produktionstechnisch ist „Das Boot“ ohne Abstriche auf Hollywood-Niveau. Kamera-Ass Jost Vacano („Total Recall”, „Hollow Man”, „Starship Troopers”) fängt die klaustrophobische Enge in dem „schwimmenden Sarg“ packend ein, viele der Außenaufnahmen entstanden auf dem Bodensee und nicht in irgendeinem Studio-Bassin. Das kommt dem Film zu Gute, hier wirkt nichts konstruiert, sondern alles echt.

    „Das Boot“ ist sicherlich ein Anti-Kriegsfilm, auch wenn dies nicht explizit erwähnt wird. Diese Erkenntnis ergibt sich zwangsläufig aus dem Gezeigten – dem Schrecken, dem Grauen, den Ängsten, die Petersen, dem Publikum serviert. Er packt den Zuschauer emotional. Und dass ein Film wie „Das Boot“ nur aus Deutschland kommen kann, verdeutlicht eine Szene ganz besonders: Nachdem U 96 zwei Frachter der Briten versenkt und gerade den Fangschuss gesetzt hat, sind auf den brennenden Schiffen noch Seeleute zu sehen, die verzweifelt um Hilfe schreiend, auf das deutsche Boot zuschwimmen. Der Kaleu befiehlt: „Halbe Kraft zurück“ – undenkbar für eine US-Produktion, alliierte Soldaten so sterben zu lassen. Aber Petersen ging es eben nicht um eine aalglatte Dramaturgie, sondern um die vielbemühte Authentizität – und die ist erschreckend. Die Bilder verfehlen ihre Wirkung nicht.

    Wie schrieb Kritiker-Papst Roger Ebert in der Chicago Sun-Times: Francois Truffaut behauptete einmal, es sei unmöglich, einen Anti-Kriegsfilm zu drehen, da ein Film den Krieg immer aufregend aussehen lassen wird. Normalerweise habe Truffaut recht, aber auf „Das Boot“ treffe diese Theorie nicht zu. Wie wahr.
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