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    Wahre Lügen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Wahre Lügen
    Von Jürgen Armbruster
    Beginnen wir mit einer Feststellung: „Wahre Lügen“ ist die Neo-Noir-Interpretation eines Opern-Regisseurs eines Mystery-Romans eines Broadway-Autors. Die etwas überspitzte Formulierung ist bewusst so gewählt. Natürlich ist die Oper für Atom Egoyan eher ein Zeitvertreib, primär dreht er selbstverständlich (Spiel-)Filme. Und natürlich ist Rupert Holmes nicht irgendein Broadway-Autor, sondern einer der renommiertesten überhaupt. Trotzdem lässt sich eines daran schon sehr gut erkennen: In „Wahre Lügen“ prallt eine Vielzahl verschiedenster Einflüsse aufeinander – vielleicht schon fast zu viele, um aus einem guten Film einen starken zu machen…

    In den 50er Jahren gehörten Lanny Morris (Kevin Bacon) und Vince Collins (Colin Firth) zu den beliebtesten Entertainern in den USA. Lanny war mit seinem losen Mundwerk für die Unterhaltung zuständig und der smarte Brite Vince sorgte für das gewisse Flair. Eine Bühne und zwei Mikrophone – mehr benötigte das kongeniale Show-Duo nicht. Das Publikum, insbesondere der weibliche Teil, liebte sie. Affären und sexuelle Eskapaden standen an der Tagesordnung. Die mitunter lästigen Ehemänner waren dabei immer die Aufgabe des umsichtigen Buttlers Reuben (David Hayman). Die Karriere schien unaufhaltsam, bis am Höhepunkt ein jähes Ende kam. Im Apartment von Morris und Vince wurde eines Abends in der Badewanne die Leiche der jungen Maureen (Rachel Blanchard) gefunden. Eine Beteiligung der beiden Stars am Tod des Mädchens konnte wegen eines wasserdichten Alibis nicht nachgewiesen werden. Trotzdem folgte wenige Tage später die Trennung.

    Hollywood, 1972: Die ehrgeizige und hochtalentierte Nachwuchs-Journalistin Karen O’Connor (Alison Lohman) steht unmittelbar vor dem ganz großen Durchbruch. Ihr Verleger hat sie damit beauftragt, einen Enthüllungsroman über die beiden großen Stars von einst zu verfassen. Vince hat zugesagt, für eine Million Dollar auszupacken, was in jener Nacht vor über 15 Jahren wirklich geschehen ist. Die Gespräche mit Vince gestalten sich für Karen allerdings wesentlich komplizierter, als angenommen. Doch irgendjemand möchte, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Immer wieder erhält Karen von einem anonymen Absender einzelne Seiten aus den noch unveröffentlichten Memoiren von Lanny Morris…

    Der Engländer Rupert Holmes ist einer der ganz großen Bühnenautoren der Gegenwart. Mit dem Musical „The Mystery Of Edwin Drood“ gelang ihm als erster Mensch der Geschichte das Kunststück, zeitgleich mit Tony Awards (dem Oscar der Musical-Brache) in den Kategorien Best Broadway Musical, Best Music and Lyrics und Best Book ausgezeichnet zu werden. Toppen lässt sich dies nicht mehr. Für ihn war der Schritt zur Belletristik daher wohl nur der nächste logische Schritt. Sein Romanerstling „Where The Truth Lies“ wurde von der Kritik gefeiert und konnte sich über Wochen hinweg in diversen Bestsellerlisten halten. Der Mystery-Roman profitierte vor allem vom Holmes’ Insiderwissen aus der Musical-Brache. Nun also ab ins Filmgeschäft…

    Der Verfilmung von „Where The Truth Lies“, der Titel des Films wurde kurzerhand pragmatisch mit „Wahre Lügen“ übersetzt (nicht zu
    verwechseln mit James Camerons True Lies), hat sich nun also Atom Egoyan angenommen. Auch nicht gerade irgendwer. Der in Ägypten geborene Kanadier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einen exzellenten Ruf als akribischer Handwerker und Idealist erarbeitet. Nach anfänglichen Achtungserfolgen („Next Of Kin“, „Familienbilder“) sorgten in der Mitte der 90er Jahre vor allem seine bedeutendsten Filme „Exotica“, „Das süße Jenseits“ und „Felicia, mein Engel“ für Aufsehen. So waren alle drei Filme bei den Filmfestspielen von Cannes für die Goldene Palme nominiert. Zwar ging Egoyan in allen Fällen leer aus, doch seiner Reputation schadete dies sicherlich nicht.

    Die Erwartungen an „Wahre Lügen“ waren dementsprechend hoch. Doch aus einer ganzen Reihe von Gründen konnten diese nicht immer erfüllt werden. Was in Holmes Romanvorlage noch prächtig funktionierte, ist im Film schon eher kritisch zu betrachten: Die Handlung schlägt einfach zu viele Haken. Irgendwann hat sich der Zuschauer an das hin und her gewöhnt, so dass es ihm bei der großen Schlusspointe nicht mehr wirklich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dass noch einmal irgendetwas kommen musste, lag auf der Hand. Zusätzlich hinterlässt die finale Wendung einen bitteren Beigeschmack. Irgendwie wirkt letztlich alles doch zu konstruiert, um noch in sich stimmig zu sein. Auch ansonsten werden einige Zugeständnisse vom Zuschauer eingefordert. Dass ein Verleger eine junge Nachwuchsjournalistin damit beauftragt, ein Buch zu verfassen, für das er eine Millionen Doller bezahlen musste, ist absurd. Aber wegen einer der späteren Wendungen, muss dies eben so sein. Also Augen zu und durch.

    Dass „Wahre Lügen“ trotzdem noch überaus sehenswert ist, liegt nicht an der Handlung, sondern an anderen Dingen. Dem glänzend aufgelegten Ensemble beispielsweise. Kevin Bacon (Mystic River, The Woodsman, Apollo 11) überzeugt in der Rolle des extrovertierten Lebemannes Lanny Morris. Nach zuletzt eher ruhigen Rollen, darf er hier mal wieder so richtig aufdrehen, ohne sich dabei gleich blamieren zu müssen („Beauty Shop“, „Loverboy“). Für Colin Firth (Tatsächlich Liebe, Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns) wurde sogar eigens die Rolle des Vince Collins umgeschrieben. War er in der Romanvorlage noch Amerikaner, ist er im Film nun Engländer. Firth wurde die Rolle quasi auf den Leib geschrieben. Doch diese bewusste Entscheidung Egoyans geht voll auf. Das Spiel mit den verschiedenen Kulturen bei den Auftritten des Show-Duos weiß zu gefallen.

    Von seinen weiblichen Hauptdarstellern verlangt Egoyan viel – und beide zeigen sich überraschenderweise ungemein freizügig. Alison Lohman (Big Fish, Weißer Orleander) spielte noch vor kurzem Nicolas Cages minderjährige (Film-)Tochter in Tricks. Dass sie damals bereits 24 Jahre alt war, wissen allerdings nur wenige. Trotzdem war mit einem solchen Auftritt nicht unbedingt zu rechnen. Sie überzeugt nicht nur schauspielerisch, sondern weiß auch mit ihren weiblichen Reizen zu gefallen. Gleiches gilt für Rachel Blanchard (Trouble ohne Paddel, Road Trip).

    Was bei „Wahre Lügen“ letztendlich zu begeistern weiß, sind die faszinierenden und hocherotischen Bilder von Kameramann Paul Sarossy (Heads In The Clouds, The Wicker Man). Optisch ist der Film ein absoluter Hochgenuss. Der Stil ist ganz klar über dem Inhalt anzusiedeln. Trotzdem: „Wahre Lügen“ ist sehenswert. Sehr sogar. Gerade in Ermangelung passabler Suspense- und Noir-Filme werden viele Mängel sogar relativiert. Sicher: „Wahre Lügen“ ist kein zweiter Mulholland Drive. Und ein L.A. Confidential schon gar nicht. Der Film steht sich leider ein Stück weit einfach selbst im Weg. Eine etwas weniger verschachtelte Erzählstruktur und der eine oder andere Twist weniger hätten gut getan. Trotzdem kann bedenkenlos eine Empfehlung ausgesprochen werden. Einen erotischeren Film wird es 2006 wahrscheinlich nicht mehr im Kino geben, trotz Basic Instinct 2: Risk Addiction
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