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    Avatar - Aufbruch nach Pandora
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Avatar - Aufbruch nach Pandora
    Von Carsten Baumgardt
    Mehr als eine Dekade hat sich der König aus seiner Welt zurückgezogen, ist seiner Faszination für die Tiefsee nachgegangen und drehte Dokumentationen über dieses Thema („Expedition: Bismarck", Die Geister der Titanic, „Aliens In The Deep"). Was auch sollte für James Cameron nach dem erfolgreichsten Film aller Zeiten noch kommen? Welche Ziele kann jemand haben, der mit Titanic 1,8 Milliarden Dollar generiert hat? Die Antwort kann nur lauten: eine Revolution. Und weniger führt der Kanadier mit „Avatar" nicht im Schilde. Cameron will die Grenzen des Kinos im Ganzen neu definieren. Nur 40 Prozent seines Sci-Fi-Abenteuers sind in konventioneller Live Action umgesetzt, 60 Prozent bestehen aus fotorealistischer CGI. Auf der technischen Seite erreicht der Regisseur, Autor und Produzent sein Ziel und provoziert mit seinem optischen Meilenstein Staunen, das die inhaltlichen Schwächen überstrahlt.

    Das Jahr 2154: Die Ressourcen der Erde gehen zu Neige, die Zivilisation muss ausweichen, um sich zu versorgen. Auf dem Planeten Pandora befinden sich hingegen in Hülle und Fülle unermesslich wertvolle Rohstoffe, die einen Fortbestand der menschlichen Rasse garantieren könnten und den abbauenden, privaten Großkonzern zu Reichtum führen sollen. Von einer Basis aus operiert ein Spezialtrupp aus Ex-Militärs und Wissenschaftlern, um den Abbau vorzubereiten. Das Problem: Die Umwelt auf dem Planeten ist extrem lebensfeindlich. Nicht nur können Menschen hier nicht ohne künstlichen Sauerstoff überleben, auch wimmelt es nur so vor furchterregenden Kreaturen, die allem, was sich bewegt, nach dem Leben trachten. Um das scheue Naturvolk der Na'vis zu erforschen, haben die Wissenschaftler Avatare erschaffen, Hybride, für die menschliche DNA mit der der Na‘vi gekreuzt wurde. Gesteuert werden diese Avatare jedoch von Menschen. Der querschnittsgelähmte Marine Jake Sully (Sam Worthington) ist frisch auf Pandora eingetroffen. Hier soll er unter dem Kommando von Colonel Quaritch (Stephen Lang) in die Fußstapfen seines toten Zwillingsbruders schlüpfen und das Volk der Na'vi infiltrieren. Bei seinem ersten Ausritt in den Dschungel trifft er auf die Eingeborene Neytiri (Zoe Saldana), zu der er sofort einen Draht findet...

    Die Produktionsgeschichte von „Avatar" ist für sich genommen schon ein Ereignis. Seit 1995, als James Cameron die erste Drehbuchversion zu „Avatar" verfasste, geistert das Projekt durch Hollywood. Oft genug verkündete der Filmemacher, der mit Terminator, Terminator 2, Aliens, Abyss und „Titanic" bereits mehrfach Filmhistorie schrieb, dass er das Epos erst angehen wolle, wenn die Technik dafür ausgereift sei. Nach Werken wie Peter Jacksons „Herr der Ringe"-Trilogie oder auch der Fluch der Karibik-Reihe sah Cameron die Zeit gekommen, mit „Avatar" anzugreifen. Er trieb die Performance-Capture-Technologie weiter und entwickelte gemeinsam mit Vince Price eine 3D-Fusion-Kamera, die es erlaubt, so variabel wie mit herkömmlichen Modellen zu drehen. Dazu arbeitete Cameron mit der neuseeländischen Effektschmiede WETA („Herr der Ringe") Hand in Hand. Das Ergebnis all dieser immensen Bemühungen, die seit 2005 auf Hochtouren liefen, ist formal absolut beeindruckend, weil der Regisseur das Rad der Technik zwar nicht neu erfindet, es aber so rundet, wie es niemand vor ihm bisher getan hat – auch nicht Performance-Capture-Spezialist Robert Zemeckis (Beowulf, Disneys Eine Weihnachtsgeschichte). Camerons Bilder dürfen tatsächlich den Anspruch des Fotorealismus erheben – lediglich in einigen Dschungelsequenzen drängt sich noch die Nähe zu einem Computerspiel auf. Diese neue, komplette Loslösung vom Realen eröffnet Cameron völlig freie Hand jenseits von irgendwelchen logistischen Beschränkungen – nichts, was bisher physisch unmöglich war, limitiert den Filmemacher noch. Bleibt die Frage, was er mit dieser Freiheit anfängt...

    Der Planet Pandora ist eine autarke Welt, die mit den Gegebenheiten auf der Erde nur schwer vergleichbar ist. Der Dschungel weist zwar Ähnlichkeiten zu unserer Welt auf, doch im Detail unterscheiden sich Flora und Fauna fundamental. Kunterbunte, riesengroße Fabelwesen, ob am Boden oder in der Luft, haben es auf Eindringlinge und im Besonderen auf die Menschen abgesehen. Das Naturvolk der Na'vi hat sich mit den Gefahren arrangiert und sich an das unwirtliche Leben angepasst. Abseits des Dickichts eröffnen sich dem Zuschauer phantastische, breite Panoramen, in denen zerklüftete Felsformationen förmlich in der Landschaft schweben. Dieser Luftraum wird von Flugsauriern ähnlichen Wesen beherrscht. Mit diesen Sequenzen setzt „Avatar" neben dem furios inszenierten Finale auch seine visuellen Highlights, die unglaubliche Detailfülle kommt hier am besten und homogensten zum Ausdruck. Die 3D-Technik drängt sich dabei nie protzig in den Vordergrund, wertet das Epos aber speziell in diesen Szenen deutlich auf, weil der Realismus bis in den letzten Pixel überzeugt.

    Interview
    Filmstarts trifft...
    ... Schauspielerin Zoe Saldana.


    Der optischen Pracht zum Trotz hat „Avatar" aber durchaus einen Pferdefuß. Die Story ist über die volle Distanz von schlichter Struktur. Die Menschen invadieren Pandora, unterdrücken die Urbevölkerung und beuten die Ressourcen vor Ort aus - Parallelen zur Weltgeschichte sind offensichtlich und auch so von Cameron beabsichtigt. Abseits des guten Willens dieser Ökobotschaft und entsprechender Kapitalismuskritik fällt die Geschichte allerdings eher simpel und überraschungsarm aus, was sich als größter Kritikpunkt erweist. Die üblichen Konflikte sind genregegeben und somit einfach nur auf einen fremden Planeten exportiert. Es liegt am Zuschauer selbst, diesen Makel einzuordnen. Und abhängig davon, wie viel Gewicht der einzelne diesem Umstand zuordnet, hat dies elementaren Einfluss auf die Gesamteinschätzung, da „Avatar" technisch tatsächlich die Maßstäbe für kommende Werke neu definiert. Doch unabhängig davon ist die Überraschungsarmut auf der Handlungsebene nicht gerade spannungsfördernd – es zählt eben vornehmlich das „Wie" und nicht das „Was". Begeistert vor allem der Beginn in der künstlich geschaffenen Basisstation auf Pandora mit atmosphärischer Dichte, gegen die immer wieder Szenen aus der Wildnis des fremden Planeten geschnitten werden, potenziert sich „Avatar" im späteren Verlauf zur furiosen Schlacht mit herausragenden Bildern.

    Interview


    Die menschlichen Akteure müssen in diesem Effektgewitter naturgemäß etwas kürzer treten. Hier ist nicht so sehr kraftvolles Schauspiel gefragt, als die Ausprägung von erinnerungswürdigen Typen. Mit dem australischen Hot Shot Sam Worthington (Terminator: Die Erlösung, Rogue) steht ein kantiger Kerl im Mittelpunkt, der die Anforderungen mit seiner rauen Präsenz erfüllt. Auch die Cameron-erfahrene Ikone Sigourney Weaver („Aliens") gefällt als toughe, aber gewissenhafte Wissenschaftlerin, die sich in Old-School-Manier auch mal eine (in Mainstream-Hollywood mittlerweile verpönte) Kippe anzündet. Dazu hat „Avatar" mit Stephen Lang (Public Enemies, Männer die auf Ziegen starren) als obersten Militär („We will fight terror with terror!") auf Pandora einen kernigen Antagonisten im Arsenal. Der Bühnenstar kokettiert mit seinem Charisma, was die Limitierungen seiner Hardliner-Charakterzeichnung kaschiert. Giovanni Ribisi (Lost In Translation, Der Soldat James Ryan) muss sich dagegen mit seiner ihm zugedachten eindimensionalen Rolle als Abziehbild eines profitgierigen Mangers („Find out what the blue monkeys want!"), der alle moralischen Bedenken der Wissenschaftsabteilung für Nonsens erklärt, zufrieden geben. Von den Geschöpfen der Na'vi fällt Zoe Saldana (Star Trek, 8 Blickwinkel, Guess Who) die mit Abstand größte Rolle zu. Über diese Figur wird das Wesen der Na'vi für den Zuschauer greifbar gemacht – selbst wenn es auch weitere Kräfte mit anderen Intentionen innerhalb ihrer Gruppe gibt.

    Interview
    Filmstarts trifft...
    ... Schauspieler Stephen Lang.


    Fazit: James Cameron ist mit „Avatar" angetreten, die Welt zu verändern. Das schafft der Regisseur formal auch, sein Film begeistert als berauschende Technikdemonstration, selbst wenn auf inhaltlicher Ebene noch Luft nach oben gewesen wäre. Der Ansatz, sein knallbuntes Sci-Fi-Abenteuer als ein futuristisches „Pocahontas auf Pandora" zu trimmen, birgt zwar keine große Komplexität, hat aber durchaus seinen Charme. Ob „Avatar" nun Revolution oder „nur" Aufstand ist? Egal, dieses optisch bahnbrechende Werk ist ein Anfang in einer neuen Realität des Filmemachens. Möglicherweise obliegt es aber Regisseuren wie Peter Jackson oder Steven Spielberg, diese Steilvorlage Camerons in Zukunft zu nutzen und einer perfekten Optik auch noch eine faszinierende Geschichte hinzuzufügen – Interesse am Drehen in diesem neuen Stil haben jedenfalls beide schon bekundet...

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