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    Am Anfang war das Feuer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Am Anfang war das Feuer
    Von Jan Hamm
    In der urzeitlichen Weite Afrikas steht ein schwarzer Monolith, umringt von einer ob des Mysteriums hilflos kreischenden Affenhorde. Wenig später wird einem der Primaten die Umdeutung eines Knochens zur todbringenden Schlagwaffe gelingen. Triumphal wird der erste Mörder aller Zeiten seine Keule gen Himmel schleudern – was folgt, versinkt in prähistorischer Dunkelheit. Denn bereits einen schwindelerregenden Match Cut später ist Stanley Kubrick mit 2001 – Odyssee im Weltraum durch die Jahrmillionen getänzelt und lässt die Menschendämmerung hinter sich. In der Tat wird es da auch wenig mehr zu erzählen gegeben haben. Und so setzt Jean-Jacques Annaud (Der Name der Rose) mit seiner Adaption des J.H.-Rosny-aîné-Romans „Am Anfang war das Feuer“ auch bloß 80.000 Jahre vor unserer Zeit an, um den Faden weiter zu spinnen. Die Evolution hat ihr Werk verrichtet, der Mensch den aufrechten Gang erlernt. Ein zentraler Zivilisationsbaustein jedoch fehlt noch: die Herrschaft über das Feuer. Entlang archaischer Steinzeit-Impressionen dringt Annaud bis zum Urgrund menschlicher Sozialität vor, ohne aber den Fatalismus Kubricks aufzugreifen: Er beschreibt nicht bloß das Werden der ersten Technologie, sondern auch das der Liebe.

    Während der Stamm der Ulam friedlich an einer Felswand schlummert, wacht Amoukar (in seiner ersten Rolle: Ron Perlman, Hellboy – Die goldene Armee, Alien – Die Wiedergeburt) über das Feuer. Wohl vermögen die Steinzeitmenschen das Element zu kontrollieren, dessen Kraft wärmt und Wildtiere vertreibt. Erschaffen aber können sie es nicht. Als die Ulam nach dem Übergriff einer feindlichen Horde in die Flucht geschlagen werden, erlischt die Glut. Gemeinsam mit den Jägern Naoh (Everett McGill, The Straight Story) und Gaw (Nicholas Kadi) begibt sich Amoukar auf die Suche nach neuem Feuer, der Rest bleibt inmitten klammer Sümpfe auf einer Insel zurück. Unterwegs treffen sie auf Säbelzahntiger, Mammuts und Kannibalen, aus deren Klauen sie die junge Ika (Rae Dawn Chong, Die Farbe Lila, Das Phantom Kommando) befreien. Die hat es bald nicht nur Naoh angetan, sondern ist als Tochter des Ivaka-Stammes auch Hüterin eines Geheimnisses, welches die Ulam endgültig aus ihrer Misere befreien könnte...

    „Am Anfang war das Feuer“ sei laut Roland Emmerich eine große Inspiration für den Ethno-Schund 10.000 BC gewesen. Ob Jean-Jacques Annaud weiß, was da in naiver Andacht verbrochen wurde? Säbelzahntiger und Mammuts gibt es zwar tatsächlich in beiden Filmen, nicht aber Rousseau’sche edle Wilde. Ika wird nach ihrer Rettung erst links liegen gelassen, später dann wie beiläufig von Naoh vergewaltigt. Die kompromisslose Darstellung animalischer Umgangsformen ist der geschilderten Welt und ihren Gesetzen verpflichtet – politische Korrektheit hat hier keinen Platz. Ihre Bedürfnisse kommunizieren die Figuren mit Grunzlauten, bloß hier und da blitzt bereits die Fähigkeit auf, strukturierte Lautfolgen zu formen. Das ist enorm atmosphärisch, wenngleich ein enthemmt herumspringender und kreischender Ron Perlman mitunter auch verdammt komisch ist. Clever greift Annaud die unvermeidliche Komik auf, indem er sein Trio in einer Schlüsselszene über sich selber lachen lernen lässt und damit das zarte Aufkeimen distanzierender Selbstwahrnehmung impliziert.





    „Am Anfang war das Feuer“ kommt ohne eine einzige artikulierte Dialogzeile aus, die präzise komponierten Bilder transportieren ihre Handlungsdetails aber nahezu verlustfrei. Wenn ein traurig dreinblickender Naoh entgegen der Reiseroute zum erkalteten Nachtlager zurückkehrt und sich dort auf dem Boden umherwälzt, ist auch ohne Worte klar, dass er Ika nicht mehr aus seinem behaarten Schädel bekommt. Und wer könnte es ihm verübeln, wo die Hübsche doch abgesehen vom erdigen Stammes-Make-Up bevorzugt splitternackt durch die Wildnis hüpft? Auch beim Sex legen die beiden keinen Wert auf Privatsphäre - ganz zum Unmut des maulig grunzenden Amoukar übrigens, dem die Erfindung des Schamgefühls offensichtlich nicht bald genug kommen kann.

    Mit ruhiger Hand inszeniert Annaud die Geburt der Zivilisation: Die erste Technologie der Menschheit, die Macht über das Feuer, ermöglicht Sesshaftigkeit. Es entsteht Kunsthandwerk, es entwickeln sich soziale Kompetenzen wie Fürsorge und Humor. Klingt romantisch, ist es aber nicht, denn die Steinzeit ist düster und lebensfeindlich. Im Angesicht indifferenter Natur samt evolutionär begünstigter Fauna sind Augenblicke der Unachtsamkeit tödlich, genau wie die gnadenlosen Konfrontationen zwischen feindseligen Stämmen. Gestandene Gorehounds lässt das kalt, zimperlich geht Annaud bei der Visualisierung dennoch nicht vor, wenn Gliedmaßen verloren und Schädel zerschmettert werden.

    „Am Anfang war das Feuer“ ist ein ungeheuer physischer Film, eine Odyssee durch die rauen Panoramen von Kameramann Claude Agostini und ein zwischen mythischer Bedrohlichkeit und mystischer Entdeckungserfahrung oszilierendes Abenteuer, grandios angetrieben von Phillipe Sardes aufpeitschendem Score. Ob es sich wohl vor 80.000 Jahren so zugetragen hat? Das ist eine Frage, die hier wie bei „2001“ in die Irre führen würde. Mit seiner philosophischen Steinzeit-Fiktion sinniert Annaud über proto-zivilisatorische Prozesse und behält es sich einem Kubrick gleich vor, mit Antworten zu geizen. Auch wenn er nicht zu sehen ist – irgendwo nahe unserer endlich über das Feuer triumphierenden Vorfahren wird, undurchdringlich und rätselhaft, ein schwarzer Monolith gestanden haben.
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