2021 gewann Mohammad Rasoulof mit seinem Film „Doch das Böse gibt es nicht“ den Goldenen Bären der Berlinale. Im Anschluss wurde er – wieder einmal – vom Regime wegen seiner regimekritischen Arbeit als Filmemacher verurteilt. Diesmal landete er sogar im berüchtigten Evin-Gefängnis. Als er aus gesundheitlichen Gründen zwischenzeitlich frei kam, begann er direkt mit der (weiterhin nur im Geheimen möglichen) Arbeit an „Die Saat des heiligen Feigenbaums“, der im Mai 2024 seine Weltpremiere beim Filmfestival in Cannes feierte und inzwischen als deutscher Beitrag für die Oscars 2025 ausgewählt wurde (zumindest eine Nominierung in der Kategorie Bester internationaler Film scheint aktuell so gut wie sicher).
Im Anschluss aus den Dreharbeiten, aber noch vor Fertigstellung des Films verdichteten sich die Anzeichen, dass Mohammad Rasoulof zurück ins Gefängnis muss – und zwar diesmal gleich für mehrere Jahre. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flüchtete der Autor und Regisseur deshalb aus dem Iran, während sein Cutter Andrew Bird („Gegen die Wand“) bereits eine erste Schnittfassung des Films anfertigte. Inzwischen lebt Mohammad Rasoulof in Hamburg, wo wir ihn im Rahmen des Filmfest Hamburg zum ausführlichen Interview getroffen haben:
FILMSTARTS: Ihr Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ handelt von einem Familienvater, der gerade zum Richter des Revolutionsgerichts in Teheran befördert wurde. Während die Menschen auf der Straße immer lautstärker gegen das Regime demonstrieren, fangen auch seine Töchter an, seinen Beruf zu hinterfragen und zu kritisieren. Sie waren 2022 selbst im berüchtigten Evin-Gefängnis inhaftiert. Ist die Idee für den Film in dieser Zeit entstanden?
Mohammad Rasoulof: Als die Revolution „Frau, Leben, Freiheit“ angefangen hat, war ich noch inhaftiert. Es war aber trotzdem total spannend zu sehen, was alles in der Außenwelt passiert, selbst wenn ich es aus dem Gefängnis verfolgen musste. Der entscheidende Ausgangspunkt für den Film war aber, dass eines Tages ein politischer Häftling zu uns in die Zelle verlegt wurde. Weil er sich weigerte, Essen zu sich zu nehmen, ging es ihm Tag für Tag schlechter. So lag er schließlich nur noch auf dem Boden herum. Und weil es ihm ebenso schlecht ging, kamen immer wieder Mitarbeiter der Behörden, um sich die Situation anzusehen – und einer von ihnen hat mir heimlich einen Stift geschenkt. Er erklärte mir, dass er seinen Job verachtet und das seine Familie ihn täglich fragt, warum er weiter in diesem Bereich arbeitet. Jeden Tag, wenn er zur Arbeit geht und das Gefängnis betritt, fragt er sich selbst, wann er sich darin wohl erhängen wird, weil er sein Leben und seinen Job einfach so sehr hasst.
FILMSTARTS: Sie wurden im Iran unter anderem wegen Propaganda gegen den Staat angeklagt. Wie lange waren Sie insgesamt im Gefängnis?
Mohammad Rasoulof: In den vergangenen Jahren gab es sehr viele verschiedene Verfahren und Urteile gegen mich. 2022 wurde ich verhaftet und zunächst in einer Einzelzelle untergebracht. Schließlich kam ich zu den anderen in den gemeinschaftlichen Bereich des Gefängnisses, wo ich weiter auf mein finales Urteil gewartet habe. Das waren insgesamt circa sieben Monate. Aber selbst als ich rauskam, war mir immer klar, dass ich sicherlich in ein paar Monaten wieder zurück ins Gefängnis muss.
FILMSTARTS: Währenddessen fand auf den Straßen Teherans, wie Sie ja selbst schon gesagt haben, die Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“ ihren Anfang. Wie viel haben Sie davon im Gefängnis mitbekommen? Ich könnte mir vorstellen, dass das Regime versucht, solche Informationen zu unterdrücken.
Mohammad Rasoulof: Wir hatten natürlich keinen direkten Zugang. Allerdings hatten wir telefonischen Kontakt zu unseren Familien, und es gab dort sehr viele politische Gefangene, die sich darüber ausgetauscht haben. Aber das war unsere einzige Quelle, offizielle Wege gab es keine.
Wenn man für seine Kunst in den Knast soll
FILMSTARTS: Die Haft kam für Sie nicht aus dem Nichts: Haben Sie sich irgendwie darauf vorbereitet, um nicht an ihr zu zerbrechen?
Mohammad Rasoulof: Man kann sich tatsächlich gar nicht richtig darauf vorbereiten. Es gibt kein Drumherum und keinen Ausweg. Für Filmemacher ist es vielleicht noch ein wenig anders, weil man immer die Wahl hat, ob man sich bereitwillig der staatlichen Zensur unterwirft oder ob man bewusst dagegen ankämpft, indem man seine Werke an den Behörden vorbei veröffentlicht. Ich habe mich klar für diesen Weg entschieden – auch wenn das bedeutet, vom Regime verfolgt zu werden.
FILMSTARTS: Haben Sie irgendeine Erklärung für sich gefunden, warum es trotzdem noch Menschen im Iran gibt, die das Regime unterstützen und dessen Machenschaften nicht einmal in Zweifel ziehen?
Mohammad Rasoulof: Ich kann mir nur zwei Gründe denken. Eine Abhängigkeit vom Regime oder eine gewisse Unterwürfigkeit, weil man keine andere Wahl sieht. Ansonsten kann ich mir wirklich nicht vorstellen, weshalb man so ein unterdrückendes Regime unterstützt.
FILMSTARTS: Der titelgebende Feigenbaum ist eine Pflanze mit einem ganz außergewöhnlichen Lebenszyklus, der gleich zu Beginn des Films erklärt wird. Welche Verbindung hat der Baum zu Ihrem Film?
Mohammad Rasoulof: Er wächst auf eine komische Art: Die Saat wird von den Vögeln gefressen und landet dann als Kot auf den Ästen anderer Bäume. Aber der so neu entstehende Baum würgt regelrecht den alten Baum, aus dem er hervorgegangen ist. Ich denke, der Film und sein Titel sind sehr frei für Interpretationen. Für mich persönlich steht der Baum als Symbol für das Regime im Iran – und wie es jene Gesellschaft erdrückt, aus der es einst hervorgegangen ist.
FILMSTARTS: In ihren früheren Filmen haben Sie oft mit Metaphern gearbeitet, die zum Teil tief in der iranischen Literatur verankert waren. Die Erzählung von „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ ist hingegen sehr konkret. Wie kam es zu diesem Wandel?
Mohammad Rasoulof: Ich habe gern mit Metaphern gearbeitet, um eine gewisse Selbstzensur vorzunehmen und Probleme mit der Zensurbehörde möglichst klein zu halten. Aber mir wurde zunehmend klar, dass ich diese Erzählform nur aus Angst vor dem Regime gewählt habe. Deshalb habe ich mich entschieden, dass ich ab sofort so direkt wie möglich sein möchte. So habe ich auch die Furcht hinter mir gelassen. Ich arbeite zwar immer noch mit Metaphern, aber nur noch aus erzählerischen oder filmischen Gründen, nicht mehr aus Angst vor Zensur.
FILMSTARTS: Wie ist es überhaupt gelungen, Szenen von den realen Protesten auf den Straßen in „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ einzubauen?
Mohammad Rasoulof: Ich war während der Revolution noch im Gefängnis. Erst ein paar Monate später kam ich wieder frei. Da konnte ich mir die ganzen Videos ansehen, welche die Menschen während der Proteste gefilmt haben. Auf diese Weise habe ich mir ein Bild davon verschafft, was genau passiert ist – nur so konnte ich diese Geschichte überhaupt erzählen.
Zwischen Selbstzensur und Peitschenhieben
FILMSTARTS: Als Sie erneut verurteilt wurden, dieses Mal zu acht Jahren Haft und Peitschenhieben, sind Sie am 24. Mai 2024 aus dem Iran geflohen. Es ist schwer vorstellbar, wie schwierig dieser Entschluss gewesen sein muss. Wie lange haben Sie für diese Entscheidung gebraucht?
Mohammad Rasoulof: Ich habe tatsächlich sehr viel im Gefängnis darüber nachgedacht, ob ich meine Werke der Zensur opfern oder meine Geschichten weiterhin so wie bisher erzählen will. Aber als meine Verurteilung zu acht Jahren bestätigt wurde, wusste ich, dass ich sowieso keine Wahl mehr habe und dass ich jederzeit wieder verhaftet werden könnte. Mit der Strafe für den neuen Film, die ja dann sicherlich noch dazu gekommen wäre, hätte ich am Ende sicherlich mehr als zehn Jahre meines Lebens im Gefängnis verschwendet. Zugleich war es entscheidend, dass es Millionen von im Exil lebenden Iranern gibt, die aus ähnlichen Gründen das Land verlassen mussten – und die trotz der räumlichen Trennung nun in einem sogenannten kulturellen Iran zusammenleben.
FILMSTARTS: Ich kann mir nur schwer vorstellen, meine Heimat verlassen zu müssen, ohne die reelle Chance zu haben, jemals wieder zurückkehren zu können. Wie geht es Ihnen heute mit der Entscheidung?
Mohammad Rasoulof: Ich denke, es hat sehr viel damit zu tun, wie das Leben generell ist. Man kann nie alles haben und es war schwer für mich, mein Heimatland zu verlassen und loszulassen. Aber ich habe hier in Hamburg sehr viel Sicherheit und sehr viele gute Freunde. Die Stadt hat mich extrem unterstützt. Vielleicht merke ich noch gar nicht richtig, was es bedeutet, im Exil leben zu müssen, weil ich noch immer so sehr mit dem Film beschäftigt bin und dafür viel reise. Nichtsdestotrotz bleibt es ein großes Dilemma für mich: Im Iran vermisse ich die Freiheit, und in Freiheit vermisse ich mein Heimatland.
FILMSTARTS: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wie sieht denn die Zukunft aus? Wissen Sie schon, was Sie als Nächstes machen möchten?
Mohammad Rasoulof: Die Zukunft kann vieles bringen. Zurzeit geht es mir gut. Ich fühle mich normal. Aber gerade das ist das Merkwürdige: Für mich ist es nicht normal, sich normal zu fühlen, weil ich einfach sehr, sehr lange unter einem solch enormen Druck stand.
Wenn ihr noch mehr zu „Die Saat des Heiligenbaums“ wissen wollt, empfehlen wir euch unbedingt die aktuelle Folge unseres Podcasts Leinwandliebe, denn in der haben wir den Produzenten Mani Tilgner zu Gast: Wie begleitet und unterstützt man als Produzent aus Hamburg einen nicht genehmigten, im Geheimen stattfindenden Dreh im Iran? Und wie viel Nerven kostet es, wenn der 5.000 Kilometer entfernte Regisseur jederzeit verhaftet werden könnte?
Die Saat des heiligen Feigenbaums“ läuft seit dem 26. Dezember 2024 offiziell bundesweit in den Lichtspielhäusern. Wenn ihr nachschauen wollt, welche Kinos in eurer Nähe den Film zum Start spielen, dann könnt ihr das in unserem Kinoprogramm zu „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ tun.