Heute Abend erstmals im TV: Der neuste Film eines ebenso gefeierten wie umstrittenen Regisseurs – komplett ohne Werbung!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Für seinen jüngsten Film kehrte ein preisgekrönter, oft kritisierter Regisseur in die schönste Stadt der Welt zurück: „Ein Glücksfall“ vermischt Romanze, Dramödie und augenzwinkernden Kriminal-Thriller. Heute feiert er seine deutsche TV-Premiere.

Für Woody Allen ist „Ein Glücksfall“ ein besonderer Film: Je nachdem, ob man seinen Beitrag zum Episoden-Film „New Yorker Geschichten“ und seine Comedy-Synchro „What’s Up, Tiger Lily?“ mitzählt, ist dieser romantisch-komische, ironische Kriminalfilm seine 50. abendfüllende Kino-Regiearbeit. Zudem markiert er die Rückkehr des vierfachen Oscar-Preisträgers ins malerische Paris sowie einen qualitativen Aufschwung. FILMSTARTS-Chefkritiker Christoph Petersen etwa nannte ihn den besten Allen seit zehn Jahren!

Es könnte zudem ein Abschied werden. Denn Allen, der seit dem Wiedererstarken der gegen ihn gerichteten Missbrauchsvorwürfe mit der Finanzierung seiner Werke hadert, gab im Fahrwasser der Weltpremiere von „Ein Glücksfall“ zu Protokoll: Er kann sich vorstellen, dass dies sein letzter Film ist. Heute, am 21. August 2025, feiert „Ein Glücksfall“ ab 22.45 Uhr im BR seine deutsche Fernsehpremiere. Schon jetzt findet ihr Woody Allens tragikomischen Liebeskrimi in der ARD Mediathek, wo er noch bis zum 14. September verweilt.

Ein Glücksfall
Ein Glücksfall
Starttermin 11. April 2024 | 1 Std. 36 Min.
Von Woody Allen
Mit Lou de Laâge, Valérie Lemercier, Melvil Poupaud
User-Wertung
3,2
Filmstarts
4,0

Darum geht es in "Ein Glücksfall"

Ihre erste Ehe war der reinste Albtraum, doch nun arbeitet Fanny (Lou de Laâge) für ein Pariser Auktionshaus und ist in zweiter Ehe mit dem Modelleisenbahnenthusiasten, Reichen-Berater und Steuervermeidungsspezialisten Jean (Melvil Poupaud) verheiratet. Sie haben alles, was es zum Glück benötigt: Eine gigantische, bildhübsche Wohnung, Jobs die sie erfüllen, und sogar einen Landsitz. Nur Kinder haben sie noch nicht.

Als Fanny zufällig ihrem früheren Klassenkameraden Alain (Niels Schneider) begegnet, bilden sich in Windeseile Risse in der Fassade ihres Liebeslebens. Denn durch die Gespräche mit dem Schriftsteller, der stets in sie verschossen war, wird der Kunstkennerin allerlei bewusst: Wie langweilig und oberflächlich Jean ist, wie ätzend die Gold- und Jagd-Wochenenden auf dem Land sind, und dass er sie bloß als Trophäe betrachtet!

Noch dazu kursieren Gerüchte über Jean: Bislang hielt Fanny die Andeutungen, wie skrupellos er mit Konkurrenz umgeht, für scherzhaft – doch was, wenn etwas dran ist? Während sich Alain und Fanny einander annähern, geht Fannys Mutter (Valérie Lemercier) den Dingen auf den Grund...

Weitestgehend eine Rückkehr zum beiläufig-schnippischen Witz

Allen gewann drei Oscars für das beste Original-Drehbuch und einen für die beste Regie. Dieses Prestige war dem Filmemacher in jüngerer Vergangenheit allerdings kaum anzumerken: In den frühen 2010er-Jahren lieferte er mit „Midnight In Paris“ und „Blue Jasmine“ zwar zwei seiner stärksten Projekte ab, danach schienen ihm aber viel Witz und Beobachtungsgabe abhanden gekommen zu sein.

Insofern beschreibt „Ein Glücksfall“ nicht nur die Handlung, die mit neurotisch-neckischem Augenzwinkern von Zufällen bestimmt ist und so das ständige Glücksspiel kommentiert, das wir Leben nennen, sowie mit verstohlener Freude Erzählkonventionen auf den Arm nimmt. Der Titel trifft auch formidabel auf den Film selbst zu, der dem umstrittenen Regisseur offenbar buchstäblich geglückt ist.

Exakt den intellektuellen Witz aus Allens Hochphase, die erschütternde Dramatik von „Blue Jasmine“ und die Poesie aus „Midnight In Paris“ bietet „Ein Glücksfall“ zwar nicht. Und die amüsant-schnippischen Dialoge, seien sie zwischen verliebten, streitenden oder irritierten Figuren, sind nicht mit der spitzesten Feder geschrieben.

Doch Valérie Lemercier ist als misstrauisch-neugierige Mutter perfekt besetzt, Melvil Poupaud gibt den hohlen Schnösel mit perfider Leichtigkeit und Lou de Laâge blüht als Dreh-und-Angelpunkt dieses Stoffs auf: In erstklassige, aber niemals prahlerische Mode gehüllt, meistert sie die Wechsel von verträumter Seitensprung-Romanze zu Ehefrust-Dramödie zu willentlich verkorkster Krimi-Persiflage makellos und lässt selbst die forcierteren Dialogzeilen natürlich wirken.

Verlockend gefilmtes Paris

Mehr noch als Fannys Mode sind die Bilder des legendären „Apocalypse Now“- und „Der letzte Kaiser“-Kameramanns Vittorio Storaro der wahre Star des Films: Sei es eine heimelig-eingelebte Schreibstube, ein pittoreskes Café, eine überraschend einladende Luxuswohnung oder das herbstlich-romantische Paris in seiner Gesamtheit – Storaros Lichtspiele und sorgsam platzierten Farbtupfer machen „Ein Glücksfall“ zu einem der ästhetischsten Filme in Allens langer Vita.

Einzelne Szenen mögen sich leicht ziehen, und Alain mag kaum mehr sein als eine solide Projektionsfläche, die vage Erinnerungen an Jesse Eisenberg weckt: Wer auch nur ein Tropfen Paris-Faszination im Blut hat, wird dank des herausragenden Looks Genuss aus „Ein Glücksfall“ ziehen können.

Und wusstet ihr eigentlich, dass sich Quentin Tarantino vorgenommen hat, Woody Allen zu schlagen? Mehr über das Vorhaben des „Kill Bill“-Regisseurs erfahrt ihr im folgenden Artikel:

"Vier sind genug": Quentin Tarantino hat sich ein ambitioniertes Karriereziel gesetzt
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