"Schon beim Lesen hatte ich durchgängig Gänsehaut": Das große FILMSTARTS-Interview mit "In die Sonne schauen"- Star Lena Urzendowsky
Susanne Gietl
Susanne Gietl
-Freie Autorin
Susanne Gietl ist freie Kulturjournalistin und lebt in Berlin. Sie liebt es, mit Kunstschaffenden in Interviews und Publikumsgesprächen über ihre Arbeit zu sprechen. Sie fühlt sich bei Arthouse-Filmen zu Hause, traut sich dafür aber selten in Horrorfilme.

Im August haben wir uns Mascha Schilinskis Cannes-Preisträger „In die Sonne schauen“ für unsere Initiative „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ ausgewählt – da gehört ein Interview mit Schauspielerin Lena Urzendowsky natürlich zwingend dazu...

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Bei den 78. Filmfestspielen von Cannes war Mascha Schilinskis Mehrgenerationenporträt „In die Sonne schauen“ DER Überraschungshit schlechthin (auch FILMSTARTS war direkt schwerstens begeistert). Selbst Stars wie Nicole Kidman waren plötzlich total gespannt auf den Kritikerliebling. Mittendrin: Die 25-jährige Schauspielerin Lena Urzendowsky, die schon in Produktionen wie Leonie Krippendorffs Coming-of-Age-Geschichte „Kokon“, Sarah Neumanns DDR-Romanverfilmung „Jenseits der blauen Grenze“ oder Andreas Dresens NS-Widerstandsgeschichte „In Liebe, Eure Hilde“ überzeugt hat.

Mit poetischer Wucht erzählt Mascha Schilinski in „In die Sonne schauen“ von vier Frauenfiguren, die zu unterschiedlichen Zeiten auf einem Vierseitenhof in der Altmark aufwachsen. Die jüngste ist die siebenjährige Alma (Hanna Heckt), die in den 1910er-Jahren die traurige Geschichte erfährt, die hinter ihrem Namen steckt. In den 40ern Jahren ist es Erika (Lea Drinda), in den 80ern Angelika (Lena Urzendowsky) und in den 2000ern Nelly (Zoë Baier), die zwischen Kindheit und Melancholie ihnen fremde Schmerzen spüren.

Vor der Deutschlandpremiere von „In die Sonne schauen“ auf dem 42. Filmfest München nahm sich Lena Urzendowsky Zeit für ein FILMSTARTS-Gespräch mit Autorin Susanne Gietl – es geht um die kurzen, aber intensiven Dreharbeiten und die Erklärung, warum sie jederzeit wieder mit Mascha Schilinski arbeiten würde…

FILMSTARTS: „In die Sonne schauen“ ist ein Mehrgenerationen-Porträt, der Film widmet sich dabei den transgenerationalen Traumata und intergenerationalen Erinnerungen der Protagonistinnen. Wie konntest Du daran anknüpfen?

Lena Urzendowsky: Ich glaube, dass es in jeder Familie Erlebnisse und Erfahrungen gibt, die nicht wirklich aufgearbeitet wurden. So ist jeder Mensch auch durch Erlebnisse geprägt, die man selbst gar nicht erlebt hat. Als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich direkt so fasziniert von Angelika, dass ich gefragt habe, ob ich für sie ins Casting gehen darf. Ich fühlte mich mit Angelika verbunden, weil ich das Gefühl hatte, ich könnte eine Facette der Menschlichkeit in ihre Rolle reinlegen, wie ich sie tief in mir gespürt und vielleicht noch nirgendwo anders gespielt habe. Beim Dreh habe ich dann Angelika-Erfahrungen gemacht, die mich auch als Lena bereichert haben.

FILMSTARTS: Welche Angelika-Erfahrungen meinst Du?

Lena Urzendowsky: Angelika ist sich der Scham und ihrem Schmerz, weil sie als Frau objektifiziert wird, bewusst. Angelika hat aber auch die Kraft, sich daraus selbst in eine machtvolle Position zu begeben, indem sie mit dem begehrenden Blick der Männer spielt, den Männern selbstbewusst in die Augen schaut und sagt: „Ich sehe dich. Was willst du jetzt machen?“ Sie drückt das auch körperlich aus. Es war für mich unheimlich befreiend, das zu spielen, weil sie da sehr mutig ist.

Lena Urzendowsky hat aus ihrer Rolle als Angelika in „In die Sonne schauen“ auch für sich persönlich eine Menge gezogen… Neue Visionen Filmverleih
Lena Urzendowsky hat aus ihrer Rolle als Angelika in „In die Sonne schauen“ auch für sich persönlich eine Menge gezogen…

FILMSTARTS: Ihr Cousin scheint sie für ihr Verhalten zu bewundern. Er hat sich in sie verliebt, das Verhältnis zu ihrem übergriffigen Onkel verurteilt er. Ist Angelika ein Opfer, das sich selbst zur aktiven Täterin macht?

Lena Urzendowsky: Das macht sie nicht zu einer Täterin! Es gibt fast nie jemanden, der nur aktiv oder nur passiv ist – außer wir bei ganz klaren Grenzfällen, wo man über Schuld sprechen kann. Hier geht es viel mehr um patriarchale Strukturen, in denen sie und ihr Onkel eine bestimmte Rolle einnehmen. Ich würde Angelika aber jetzt nicht klar als passiv-aktiv/Opfer-Täterin beschreiben. Es geht hier um etwas Reaktives: Für Angelika ist es einfach ihre kraftvollste Chance, mit Würde aus dieser Situation zu kommen, in die sie reingeboren wurde – weil sie eben eine Frau ist.

FILMSTARTS: Auch emotional gesehen ist Angelika eine spannende Figur. Angelikas Satz „Wie lange man wohl glücklich sein kann, ohne dass es jemand merkt?“ ist bezeichnend. Einerseits strahlt sie eine Übermütigkeit und Lebensfreude aus, aber auch etwas Trauriges, vielleicht sogar Depressives?

Lena Urzendowsky: Bei Angelika geht es nicht so stark um Depression. Und wenn, dann wäre das genau das, was durch die Frauen vor ihr, durch ihr transgenerationales Trauma übertragen wird. Es äußert sich eher in einer Sprachlosigkeit und einer Traurigkeit über diese Sprachlosigkeit. Eigentlich ist sie vom Mensch her jemand, der einen großen Lebenshunger hat und nach Intensität dürstet. Die Emotionen schwanken bei Angelika. Sie hat zwar Todesfantasien, aber nicht die Intention, sich wirklich etwas anzutun. Vielmehr lebt sie in ihrer Innenwelt die Intensität aus, die sie im echten Leben vermisst. Angelika versucht viel von dem, was nicht ihre eigene traumatische Vergangenheit ist, wegzulächeln. Gerade die Figur des Vaters will in ihr das fröhliche Mädchen sehen. Dann spielt sie das halt für ihn. Und doch ist auch was Wahres dran.

Lena Urzendowsky (rechts) und FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl beim Interview beim Filmfest München. Webedia
Lena Urzendowsky (rechts) und FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl beim Interview beim Filmfest München.

FILMSTARTS: Der ganze Film wurde an nur 33 Drehtagen umgesetzt. Das klingt stressig…

Lena Urzendowsky: Ich gehe immer davon aus, dass ich ans Set komme und im Zweifel nur einen Take habe. Deshalb will ich so gut wie möglich vorbereitet sein. Für die Größe der Rolle war es auf jeden Fall relativ wenig Zeit, aber der Dreh war trotzdem ganz toll, weil das Buch so präzise war, weil alle Departments so großartige Arbeit geleistet haben und alles einfach on Point stimmig war. Am Set wusste jeder genau, was die gemeinsame Vision ist. Wir haben oft nur ein bis drei Takes gemacht, mehr Zeit gab es nicht.

FILMSTARTS: Waren die Proben umso intensiver?

Lena Urzendowsky: Wir haben selten vorher geprobt, weil wir auch dafür keine Zeit hatten. Natürlich haben wir vorher darüber gesprochen. Ich habe von Mascha lange Texte von den Figuren vorgelegt bekommen, die ein bisschen wie Tagebücher waren. Das hat mir sehr geholfen. Aber ich muss auch sagen: Gerade bei diesem Film, der sehr atmosphärisch und emotional ist, passiert viel in den Zwischentönen. Deshalb war es gar nicht nötig, alles totzuproben. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler wussten, was bei ihrer Figur innerlich passiert, darauf haben wir uns dann verlassen. Man hat auch die Energie des Ortes sehr gespürt. Der Drehort in der Altmark strahlt so eine gewisse Atmosphäre aus, da fällt es leicht, sich vorzustellen, dass vor 100 Jahren an genau derselben Stelle auch schon Mädchen die Schweine gefüttert haben.

Lena Urzendowsky wusste genau, was Mascha Schilinski für einen Film machen will – und deshalb war es auch kein Problem, dass das knappe Budget nur für ein bis drei Anläufe pro Szene gereicht hat. Neue Visionen Filmverleih
Lena Urzendowsky wusste genau, was Mascha Schilinski für einen Film machen will – und deshalb war es auch kein Problem, dass das knappe Budget nur für ein bis drei Anläufe pro Szene gereicht hat.

FILMSTARTS: Gab's auch Hilfsmittel am Set? Anna von Hausswolffs motivischen Song „Stranger“ vielleicht?

Lena Urzendowsky: Den Song von Anna von Hausswolff habe ich erst bei der Weltpremiere in Cannes zum ersten Mal gehört, aber Mascha hatte mir zwei Songs von den Shangri-Las gegeben, die ich in der Zeit als Signature-Songs für die Rolle sehr viel gehört habe.

FILMSTARTS: Musstest Du beim Spielen je über den eigenen Schatten springen?

Lena Urzendowsky: Musste ich hier nicht. Ich habe mich superwohl gefühlt. Ich habe mich auf jede einzelne Szene – und das meine ich ernst – sehr gefreut. Jeder Drehtag war wie eine Praline, bei der ich traurig war, dass ich sie am Ende aufgegessen hatte. Es war ein sehr besonderes Projekt für mich.

FILMSTARTS: Warum?

Lena Urzendowsky: Weil Mascha einfach einen ganz präzisen und liebevollen Blick auf jede Figur hat, weil sie genau weiß, was sie erzählen will und klare Anweisungen gibt, die eine große Tiefe haben, und weil sie als Regieperson ganz wundervoll ist. Ich konnte ihr am Set ganz vertrauen und mich zu hundert Prozent in ihre Hände legen. Schon beim Lesen des Drehbuchs hatte ich durchgängig Gänsehaut und habe alle Bilder im Kopf gesehen. Mascha hatte eine klare Vision und sie hat genau den Film gemacht, den sie erschaffen wollte.

FILMSTARTS: Barbie“ und „Oppenheimer“ haben ja 2023 gezeigt, dass Kinofilme vom gegenseitigen Erfolg profitieren können. Die Leute haben wieder Bock aufs Kino. Welchen aktuellen deutschen Kinofilm sollten sie sich also nach „In die Sonne schauen“ ansehen?

Lena Urzendowsky: Schwer zu sagen, weil ich ihn ja selbst noch nicht geschaut habe, aber ich freue mich sehr auf „Franz K.“ von Agnieszka Holland.

Apropos einmalige Vision: Wir können euch nur schwer empfehlen, in diese Folge unseres Podcasts Leinwandliebe reinzuhören – mit Mascha Schilinski als Special Guest! Immerhin erleben wir hier womöglich gerade die Geburtsstunde eines deutschen Regiestars, um den uns gerade die ganze Welt beneidet. Aber wie ist das eigentlich, wenn direkt der zweite Film plötzlich eine solche gewaltige Aufmerksamkeit erfährt? Mascha Schilinski verrät uns, was ihr beim Einmarschieren in Cannes durch den Kopf gegangen ist – und wie sie den gewaltigen Stromausfall in Südfrankreich nur wenige Stunden vor der Preisverleihung wahrgenommen hat:

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