Jeremy Allen White über heiligen Boden und die Angst: Unser Interview zu "Springsteen: Deliver Me From Nowhere"
Björn Becher
Björn Becher
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Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

Ab dem 23. Oktober 2025 könnt ihr Jeremy Allen White in „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ im Kino sehen. Wir haben den Star in Berlin zum Interview getroffen, um mit ihm über den außergewöhnlichen Film zu sprechen.

Mit „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ schlüpft Jeremy Allen White („The Bear“, „The Iron Claw“) in die Rolle eines der berühmtesten Musiker aller Zeiten. Er spielt Bruce Springsteen. In der in den frühen 1980er-Jahren angesiedelten Geschichte liegt der Fokus aber nicht auf dem Rockstar, sondern auf einem einsamen, von Selbstzweifeln geplagten Künstler, der im eigenen Schlafzimmer das legendäre Album „Nebraska“ aufnimmt.

Im FILMSTARTS-Interview spricht White über seine Begegnungen mit Springsteen am Set, über die emotionale Gratwanderung dieser Rolle, über die Bedeutung der echten Drehorte – und über die ganz besondere Verbindung, die er zu seinem Filmpartner Jeremy Strong („Succession“) aufbauen konnte. Und warum er im Kino momentan nur reale Personen spielt, erklärt uns der zweifache Emmy-Preisträger ebenfalls.

"Ich kannte dieses Gefühl!"

FILMSTARTS: Für mich ist der stärkste Teil des Films gar nicht deine zu Recht gelobte Darstellung von Bruce Springsteen, dem Rockstar, sondern deine Performance als Bruce, dem Menschen. Man spürt immer, wie tief dieser Mann innerlich zerrissen ist. Wie bist du an diese Darstellung herangegangen, um seine inneren Gedanken mit deiner Gestik und Mimik so subtil, aber trotzdem spürbar zu transportieren?

Jeremy Allen White: Ehrlich? Ich weiß nicht genau. Ich hatte das Gefühl, ich habe ein gewisses Verständnis davon, was in dieser Zeit in Bruce’ Leben vorging.

Das war wohl der Schlüssel. Am Anfang war es nämlich schwer, Parallelen zu finden. Schließlich vergleicht man sich erst einmal natürlich mit der Rock-Legende Bruce Springsteen – und das ist für jeden schwierig.

Aber dann fing ich an, Zeit mit ihm zu verbringen. Er hat wirklich sehr offen über seine Gefühle in dieser Phase gesprochen, mir erklärt, wie sehr er sein Selbstgefühl verloren hatte und wie er versuchte, im Alltag außerhalb seiner Kunst und der Bühne wieder präsent zu sein. Da kam mir vieles vertraut vor.

Auf der Darstellung des einsamen Bruce lag ein großer Fokus. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Auf der Darstellung des einsamen Bruce lag ein großer Fokus.

Denn als ich das Schauspiel für mich entdeckt habe, fand ich darin eine Ruhe und Konzentration, die ich vorher nie hatte. Und ich kannte dieses Gefühl, Beobachter meines eigenen Lebens zu sein, Angst zu haben, dass das Leben einfach an mir vorbeizieht. Genau das war damals auch bei Bruce der Fall.

Mein Ansatz war, mich dann völlig auf diese Parallelen einzulassen. Wir haben über drei Monate gedreht – und das war sehr fordernd. Weil ich aber wusste, dass diese Zeit für Bruce von großer Einsamkeit und Isolation geprägt war, habe ich mich selbst auch während dieser Zeit sehr zurückgezogen. Damit wollte ich ihm – oder zumindest meiner Vorstellung von ihm – möglichst nahe bleiben.

Wie war es, von Bruce Springsteen beim Dreh beobachtet zu werden?

FILMSTARTS: Du hast gerade erwähnt, wie viel du mit Bruce Springsteen gesprochen hast. Er war ja sogar regelmäßig bei den Dreharbeiten anwesend. Wie hat dich das beeinflusst – vor allem in Momenten, die so persönlich und intim für ihn waren?

Jeremy Allen White: Das war am Anfang wirklich sehr schwierig. Ich war mir seiner Anwesenheit extrem bewusst – so wie wahrscheinlich jeder, der ihn trifft. Ich war nervös, dass er da ist, um mich oder Scott zu korrigieren oder zu beurteilen. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt: Er ist einfach nur da, um uns zu unterstützen. Er wollte, dass wir ehrlich bleiben.

Als wir zu den ruhigeren, intimeren Szenen kamen, war es sogar schön, dass er vor Ort war – weil ich wusste, er würde uns auf Kurs halten, aber gleichzeitig gab er mir unglaublich viel Raum und Gelassenheit. Es gab sogar Tage, an denen wir beide am Set waren, aber gar nicht miteinander gesprochen oder uns kaum gesehen haben.

Jeremy Allen White als der Rockstar Bruce Springsteen - er singt übrigens alles selbst. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Jeremy Allen White als der Rockstar Bruce Springsteen - er singt übrigens alles selbst.

FILMSTARTS: Natürlich spielst du aber auch den Rockstar Bruce Springsteen. Ihr habt ja sogar Konzerte nachgestellt. Als Film-Schauspieler bekommst du ja seltener direktes Feedback, was für ein Rausch war es, plötzlich auf einer Bühne vor einem dir zujubelnden Publikum zu stehen?

Jeremy Allen White: Das war auf jeden Fall faszinierend. Ich habe mit Bruce, aber auch mit anderen Künstlern, die große Arena-Shows gespielt haben, darüber gesprochen, wie schwer es ist, danach wieder „runterzukommen“. Wie süchtig so eine Performance vor Tausenden Menschen machen kann.

Aber für mich war es vor allem eine große Freude – besonders die Szenen im The Stone Pony [Anm.: Einem legendären Musik-Club in Springsteens Heimat New Jersey]. Da hatten wir einen kleineren Raum, den wir mit Statisten richtig füllen konnten und unser ganzes Team hat diese Umgebung so authentisch gestaltet, dass man sich wirklich zurückversetzt fühlte. Unser Regisseur Scott Cooper ließ am Set viel Raum für Geräusche, Bewegung, Chaos. Auch die Kamera war nie aufdringlich, sondern folgte einfach dem Geschehen. Alles war in Bewegung. Das machte es leicht, sich völlig auf den Moment einzulassen. Ich habe mich viel weniger selbst hinterfragt, als ich vorher befürchtete.

So wichtig waren die realen Schauplätze

FILMSTARTS: The Stone Pony ist nur einer von vielen realen Schauplätzen aus Bruce Springsteens Geschichte, an denen ihr gedreht habt. Haben dir diese Schauplätze geholfen, dich in Bruce hineinzuversetzen?

Jeremy Allen White: Das war unglaublich hilfreich. Besonders das Stone Pony, aber auch das Karussell. Wir haben dieses zwar umgebaut, aber es war trotzdem derselbe Ort.

Wir waren an den Plätzen, wo Bruce angefangen hat. In Asbury Park hat er seine Frau Patti kennengelernt, dort hat er als Teenager gespielt und er tritt bis heute noch dort auf. Es fühlt sich einfach nach seinem Ort an. Das alles ist fast heiliger Boden.

Weil wir im Dezember und Januar in der Nebensaison gedreht haben, konnten wir den Ort sogar bewohnen. Es war zwar manchmal bitterkalt, aber all das half mir, eine persönliche Beziehung zu dieser Umgebung aufzubauen.

Sehr wichtig: die Beziehung zwischen Bruce Springsteen und Jon Landau. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Sehr wichtig: die Beziehung zwischen Bruce Springsteen und Jon Landau.

FILMSTARTS: Bruce hat eine sehr enge Beziehung zu seinem Manager Jon Landau, den Jeremy Strong spielt. Wie war eure Zusammenarbeit?

Jeremy Allen White: Ich bewundere Jeremy schon lange, kannte ihn aber noch nicht. Wir haben uns am Set das erste Mal getroffen und uns vorher nur ein paar Nachrichten geschrieben.

Und beim Dreh passierte dann ganz von selbst, was Wunderbares: Jeremy sah den Druck, unter dem ich stand, und wie sehr ich mich bemühte – und ich glaube, er fühlte sich mir gegenüber auf eine Weise beschützend, ähnlich wie Jon Landau gegenüber Bruce.

Ich glaube dadurch entstand eine sehr natürliche Beziehung, die der echten Dynamik zwischen Bruce und Jon auf schöne Weise ähnelte.

Faible für wahre Geschichten oder eine zufällige Häufung?

FILMSTARTS: Mir ist aufgefallen, dass uns im Kino gerade nur wahre Geschichten bietest. Erst „The Iron Claw“, jetzt „Springsteen“, als Nächstes machst du das „The Social Network“-Sequel „The Social Reckoning“. Ist es ein Zufall oder reizt es dich besonders, reale Figuren auf die Leinwand zu bringen?

Jeremy Allen White: Das ist wirklich Zufall. Es hat mich sogar zögern lassen. Als ich Aaron Sorkin traf, um mit ihm über „The Social Reckoning“ zu sprechen, erklärte ich ihm, dass nach Bruce Springsteen eigentlich nicht gleich wieder eine echte Person darstellen will.

Aber am Ende entscheidet die Qualität der Projekte: Bei Bruce war mir klar, dass ich mich dieser Herausforderung stellen muss – und ich wollte zudem unbedingt mit Scott Cooper arbeiten. Bei Sorkins Projekt finde ich die Geschichte einfach unglaublich fesselnd. Und ehrlich gesagt: Ich denke, Aaron Sorkin ist der beste Drehbuchautor, den wir aktuell haben. Da muss ich das Angebot einfach annehmen.

Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ läuft ab dem 23. Oktober 2025 in den deutschen Kinos. Warum der Film sehenswert ist, erfahrt ihr in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik. Am Wochenende des Kinostarts folgt unser Interview mit Regisseur Scott Cooper. Nachfolgend haben wir auch noch den englischen Originaltrailer für euch:

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