Springsteen: Deliver Me From Nowhere
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Springsteen: Deliver Me From Nowhere

Mehr ein Film über den Menschen Bruce als über den Rocker Springsteen

Von Björn Becher

Seien wir ehrlich: Das Musik-Biopic ist vielleicht das formelhafteste Genre, das es im Kino überhaupt gibt. Selbst wenn Filme wie „Walk The Line“ oder „Bohemian Rhapsody“ vor allem dank Oscar-würdiger Schauspielleistung und mitreißender Song-Performances euphorisieren, werden inhaltlich doch immer wieder dieselben Stationen abgeklappert: Jugend mit Träumen und Schicksalsschlägen, erster Ruhm, heftiger Absturz, phänomenale Wiedergeburt, ein Konzert als Krönung – und irgendwo dazwischen noch etwas Romantik.

Wenn „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ im Jahr 1957 einsetzt, wo sich ein acht Jahre alter Bruce (Matthew Pellicano Jr.) vor dem im Alkoholrausch gewalttätigen Vater (Stephen Graham) fürchtet, scheint man exakt diese Standard-Formel wieder serviert zu bekommen. Aber diesmal hat man sich zum Glück getäuscht. „Crazy Heart“-Regisseur Scott Cooper hat nämlich offensichtlich kein Interesse daran, das ganze Leben von Bruce Springsteen alias The Boss nachzuerzählen. Stattdessen konzentriert er sich ausschließlich auf ein wichtiges, sehr menschliches Kapitel im Leben der Rocklegende.

Der Ruhepol zwischen zwei Mega-Sellern

Zwischen seinen gefeierten Mega-Sellern „The River“ (mit seiner ersten Top-Ten-Single „Hungry Heart“) und „Born In The U.S.A.“ (dessen sieben Top-Ten-Songs ihn endgültig zum weltweiten Superstar machten) arbeitete Springsteen nämlich am minimalistischen, im eigenen Schlafzimmer aufgenommenen Album „Nebraska“. Von dessen Entstehungsgeschichte erzählt Cooper. Seine zentrale Herausforderung bestand dabei weniger darin, nachträglich ein Album zu erklären …

… denn selbst wenn Springsteen damals noch selbst jede Erklärung verweigerte, sind die Hintergründe inzwischen zu großen Teilen bekannt. Allerdings sind diese so düster, dass es gar nicht so leicht ist, daraus einen Film für Fans zu formen, der zugleich auch mitreißt. Und genau das gelingt dann doch vor allem mit Oscar-würdigen Schauspielleistung und treibenden Song-Performances – fast so, als sei „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ irgendwie doch ein klassisches Musiker-Biopic.

Bruce Springsteen und sein enger Freund und Manager Jon Landau stehen gemeinsam im Zentrum des Films. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Bruce Springsteen und sein enger Freund und Manager Jon Landau stehen gemeinsam im Zentrum des Films.

1981: Obwohl Bruce Springsteen (Jeremy Allen White) gerade erst von einer aufreibenden Tour mit seiner Band zurückgekehrt ist, liegt der Plattenfirmenboss Al Teller (David Krumholtz) dem Musik-Manager Jon Landau (Jeremy Strong) bereits in den Ohren, wann es denn endlich neues Material von dem Boss gibt. In einem abgeschieden gelegenen Haus in seiner alten Heimat New Jersey beginnt der Musiker zu schreiben. Mit „Born In The U.S.A.“ entsteht dabei zwar auch ein Lied mit Stadionrock-Hymnen-Potenzial, aber insgesamt zieht es Bruce immer stärker zu düsteren Texten, die regelrecht aus ihm herausbrechen. Die ersten sind noch von der realen Geschichte des Serienmörders Charles Starkweather sowie deren filmischer Aufbereitung in Terrence Malicks Meisterwerk „Badlands“ beeinflusst.

Aber nach und nach werden die Songs immer persönlicher und handeln von den eigenen Abgründen sowie der komplexen Beziehung zu seinem Vater. Während Springsteen parallel mit der Kellnerin Faye Romano (Odessa Young) eine Beziehung beginnt, sorgt sich Landau immer mehr um seinen in Düsternis versinkenden Freund. Aber auch auf der technischen Seite gibt es ein Problem. Denn der Musiker hat die neuen Lieder mit seinem altgedienten Gitarrentechniker Mike Batlan (Paul Walter Hauser) im eigenen Schlafzimmer und ohne seine Band aufgenommen. Nun muss Landau einen Weg finden, sie in ihrer ganzen rauen Unperfektheit nicht nur auf Platte zu bringen, sondern auch Teller zu erklären, dass es erst mal keine weiteren Rock-Hymnen, sondern ein Album mit lauter düsteren Solo-Songs geben wird…

Die Entstehungsgeschichte von "Nebraska"

In seiner 2016 veröffentlichten Autobiografie gewährt Bruce Springsteen umfassend Einblick in sein Leben und die Entstehung seiner Musik. Nur die Zeit von „Nebraska“ handelt er darin knapp ab – obwohl das Werk da längst als eins der einflussreichsten Alben der Geschichte gilt. Doch wie bei der Veröffentlichung 1982, als Springsteen kein einziges Interview gab und sogar Single-Auskoppelungen fürs Radio ablehnte, wollte er sich auch über 30 Jahre später nicht weiter erklären. Das änderte sich erst mit dem Musikjournalisten Warren Zanes, der Springsteen und Weggefährt*innen ausdauernd auf den Zahn fühlte und 2023 schließlich in dem Buch „Deliver Me From Nowhere“ ausführlich auf die Hintergründe aufdeckte.

Scott Cooper kommt also nah dran an die Wahrheit, zumal Springsteen und Landau auch noch eng mit ihm zusammenarbeiteten und sogar über weite Teile des Drehs persönlich mit am Filmset waren. Aber das macht die Sache nicht unbedingt leichter: Springsteen litt damals unter Depressionen sowie einem akuten Burn-Out. Der Stoff von „Deliver Me From Nowhere“ ist also automatisch deutlich düsterer als bei den meisten Musik-Biopics. Gleichzeitig kann sich Cooper – im Gegensatz zu Springsteen bei „Nebraska“ – nicht vollständig von kommerziellen Fesseln und Erwartungen lösen. Schließlich dreht er hier einen 50 Millionen Dollar teuren Hollywood-Film über einen der berühmtesten Musiker der Welt.

Immer wieder muss Bruce realisieren, wie einsam er sich fühlt. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Immer wieder muss Bruce realisieren, wie einsam er sich fühlt.

Über weite Strecken gelingt Cooper der Spagat, auf der einen Seite zu zeigen, wie Springsteen seine Depressionen zu Kunst verarbeitet, auf der anderen Seite aber auch mitreißende Musik-Momente sowie den Künstler selbst zu zelebrieren. In den besten Momenten zeigt er auch, wie Musik kreativ entsteht – und sich in den Songs regelrecht etwas entlädt. „The Bear“-Star Jeremy Allen White begeistert dabei nicht nur, weil er die üblichen Biopic-Anforderungen erfüllt und zudem großartig singt, sondern weil in seinem Gesicht auch immer wieder der Schmerz zu lesen ist, den seine Figur im Innersten fühlt. Dank ihm erleben wir über weite Strecken nicht die Musik-Legende Springsteen, sondern den Menschen Bruce. Viel von „Deliver Me From Nowhere“ hängt am nuancierten Spiel von White, weil Cooper bei der Depressions-Darstellung dann doch lieber nicht in die Vollen gehen will.

Wenn sich Springsteen nach romantischen Dates mit Faye und sogar dem Aufbau einer Beziehung zu ihrer kleinen Tochter einfach nicht mehr meldet, ist das eben kein Arschloch-Move wie Bob Dylans Verhalten gegenüber seiner Partnerin in James Mangolds ein paar Parallelen aufweisendem Drama „Like A Complete Unknown“. Es ist stattdessen ein Ausdruck seiner psychischen Erkrankung und der daraus resultierenden Überzeugung, nicht gut genug für sie zu sein. Weil Cooper das nicht immer ausbuchstabieren kann, bleibt gerade dieser Erzählstrang bisweilen etwas in der Luft hängen – selbst, wenn sie in einer überzeugenden Szene in einem Diner dann doch einen runden Abschluss findet.

Ein paar Hollywood-Klischees dürfen trotz allem nicht fehlen

An anderen Stellen wirkt „Deliver Me From Nowhere“ hingegen etwas zu plakativ. Wenn Springsteen etwa realisiert, dass der gerade geschriebene Song über den Mörder Charles Starkweather eigentlich von ihm selbst handelt, beobachten wir in Großaufnahme, wie er all die Personalpronomen im Liedtext ändert und aus „He“ und „Him“ kurzerhand „I“ und „My“ wird. Eine aus dem Musik-Biopic-Klischee-Handbuch stammende Montage wirkt ein wenig, als wäre sie vor allem im Film, um mal wieder einen nicht vom Album „Nebraska“ stammenden Mainstream-Hit einzubauen. So werden die aneinandergeschnittenen Bilder mit „I'm On Fire“ unterlegt und schon ist ein Fan-Favorit mehr untergebracht. Auch die Schwarz-Weiß-Rückblenden in Springsteens Jugend werden manchmal etwas zu offensichtlich als Ausrufezeichen zu einer gerade getroffenen Aussage genutzt.

Dass „Deliver Me From Nowhere“ trotz dieser kleineren Schwächen ein durchweg sehenswerter Film bleibt, ist nicht nur White, sondern auch seinem Co-Star Jeremy Strong zu verdanken. Der „Succession“-Star überzeugt als sich um seinen Freund sorgender Manager. Ein paar der Dialoge mit Jon Landaus Frau (Grace Gummer) dienen zwar sehr offensichtlich nur dem Aussprechen von Gedanken. Insgesamt bereichert die zweite Perspektive den Film aber ungemein – gerade weil diese Cooper es erlaubt, auch leichtere und unterhaltsamere Töne einzubauen. Wenn Landau und eine Gruppe Techniker verzweifelt versuchen, Springsteens raue Schlafzimmer-Kassetten-Aufnahmen auf Platte zu überspielen, ohne sie zu „verbessern“, wird das zum ebenso nervenaufreibenden wie urkomischen Film-im-Film.

Fazit: Bruce Springsteen hat sich immer gegen ein klassisches Biopic über sein Leben gewehrt. Aber genau das liefert Scott Cooper zum Glück nicht. Stattdessen konzentriert er sich auf ein kurzes, düsteres Kapitel, welches den Boss aber maßgeblich prägte und wahrscheinlich überhaupt erst ermöglichte, dass er auch heute noch durch die Welt tourt und seine Fans begeistert. Auch die Schauspielleistungen der Hauptdarsteller Jeremy Allen White und Jeremy Strong sowie die starken Musikszenen machen „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ zu einem sehenswerten Film über den Menschen hinter der Rocklegende.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren