"Die furchterregendste Szene, die ich je gesehen habe": Dieses verstörende Meisterwerk hat "Shining"-Regisseur Stanley Kubrick eine Heidenangst gemacht!
Sebastian Groß
Sebastian Groß
-Freier Autor
Manchmal fühlt er sich alt, weil er damals „The Big Lebowski“ oder „Matrix“ zum Kinostart gesehen hat. Andererseits konnte er damals „The Big Lebowski“ und „Matrix“ zum Kinostart sehen. Zum Glück behält er das für sich, außer jemand fragt ihn. Jetzt fragt ihn halt endlich.

Stanley Kubrick galt als kompromissloses Genie – und als Mensch voller Widersprüche. Eine kuriose Anekdote zeigt, dass selbst der Meisterregisseur von Angst geprägt war. Und dass ausgerechnet diese Schwäche zu einer legendären Entscheidung führte.

Regisseur Stanley Kubrick galt schon zu Lebzeiten als Meister seines Fachs. Aber auch als nicht immer einfacher Mensch. Ein Perfektionist, dessen Ruf im familiären Kreis gut war, im beruflichen Umfeld jedoch als ambivalent galt. Bestes Beispiel sind die zahllosen Anekdoten zu „The Shining“ (1980), der eine wahre Fülle von Geschichten hervorgebracht hat, die Kubrick nicht gerade als Sympathieträger zeichnen – auch wenn viele dieser Erzählungen bis heute in ihrem Wahrheitsgehalt umstritten sind. Doch selbst ein Stanley Kubrick kannte Angst! Den Beweis dafür erbringt ausgerechnet ein anderer Regisseur: John Boorman.

Boorman, der 1972 mit „Beim Sterben ist jeder der Erste“ einen der verstörendsten Thriller seiner Zeit inszenierte, berichtete im Gespräch mit Little White Lies von einem Anruf Kubricks. Dieser erkundigte sich nach Bill McKinney („Der Texaner“), der in Boormans Film als brutaler Mountain Man eine der furchteinflößendsten Figuren der Kinogeschichte verkörperte. Dass Kubrick ausgerechnet wegen einer schauspielerischen Leistung verunsichert war, passt nur auf den ersten Blick nicht zu seinem analytischen, kontrollierten Image.

Beim Sterben ist jeder der Erste
Beim Sterben ist jeder der Erste
Starttermin 10. Oktober 1972 | 1 Std. 50 Min.
Von John Boorman
Mit Jon Voight, Burt Reynolds, Ned Beatty
Pressekritiken
4,5
User-Wertung
4,0
Filmstarts
5,0

Das ist "Beim Sterben ist jeder der Erste"

„Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972) markierte einen Wendepunkt im US-Kino der frühen 1970er-Jahre. John Boormans Film erzählt von vier Großstädtern, darunter Burt Reynolds („Boogie Nights“) und Jon Voight („Anaconda“), die sich auf einen vermeintlich harmlosen Kanu-Ausflug in die abgelegenen Wälder Georgias begeben. Was als Naturerlebnis beginnt, entwickelt sich rasch zu einem existenziellen Albtraum, in dem zivilisatorische Regeln außer Kraft gesetzt werden. Der Film konfrontiert seine Figuren – und das Publikum – mit einer Welt, in der Gewalt nicht spektakulär, sondern roh, unangenehm und entwürdigend ist.

Gerade diese ungeschönte Darstellung machte den Thriller zu einem Schockmoment seiner Zeit. Boorman setzt nicht auf klassische Spannungsdramaturgie, sondern auf eine stetig anwachsende Beklemmung, die sich tief unter die Haut gräbt. „Beim Sterben ist jeder der Erste“ wurde dadurch nicht nur zu einem kommerziellen Erfolg, sondern auch zu einem kulturellen Bezugspunkt, der Filmemacher*innen über Jahrzehnte hinweg beeinflusste.

Eine Schlüsselrolle bei dieser nachhaltigen Wirkung spielte Bill McKinney. Er verkörpert einen der namenlosen Bergbewohner, die den Ausflug der Städter in einen Albtraum verwandeln. Vor allem eine berüchtigte Szene, in der Gewalt und Demütigung eine kaum erträgliche Intensität erreichen, brannte sich ins kollektive Filmgedächtnis ein. McKinneys Spiel wirkte dabei derart erschreckend glaubwürdig, dass für viele Zuschauer*innen die Grenze zwischen Rolle und Darsteller zu verschwimmen schien. Auch Stanley Kubrick blieb von dieser Wirkung nicht unberührt, wie Boorman schildert.

Warum Kubrick vor McKinney Angst hatte und wie es "Full Metal Jacket" beeinflusste

„Stanley rief mich an und fragte, wie er sei“, erzählte Boorman. „Ich sagte ihm, er sei ein wunderbarer Mensch, Baumchirurg, wenn er nicht spielt, sehr spirituell und tief in der Meditation verwurzelt.“ Kubricks Reaktion fiel dennoch skeptisch aus: „Er sagte, das sei die furchterregendste Szene, die er je gesehen habe, und dass so etwas in einem Menschen stecken müsse, um das spielen zu können.“ Boorman widersprach entschieden: „Natürlich nicht, er ist einfach ein großartiger Schauspieler.“

Zunächst ließ sich Kubrick beruhigen und besetzte McKinney für „Full Metal Jacket“ (1987). Doch als es zur ersten persönlichen Begegnung kommen sollte, änderte er seine Meinung abrupt. „Als Bill am Flughafen von Los Angeles war, wurde er über die Lautsprecher ausgerufen“, so Boorman. „Kubrick wollte ihn nicht mehr sehen. Er hatte die Rolle neu besetzt, weil er ihm nicht begegnen konnte.“

So erstaunlich diese Episode ist, sie offenbart eine menschliche Seite Kubricks, die selten thematisiert wird. Trotz seiner intellektuellen Schärfe und seines analytischen Blicks konnte er Realität und Fiktion offenbar nicht immer strikt voneinander trennen. Ironischerweise führte genau diese Entscheidung zu einem der prägendsten Momente der Filmgeschichte: Die Rolle des gnadenlosen Drill Sergeants Hartman ging an R. Lee Ermey („Sieben“), dessen Auftritt nicht nur ikonisch wurde, sondern auch seine gesamte Karriere definierte.

Übrigens gibt es auch einen Film, den Kubrick für erschreckender hielt als „Shining“. Um welches viel zu unbekannte Thriller-Meisterwerk es geht, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:

"Der gruseligste Film, den ich je gesehen habe": Dieses Thriller-Meisterwerk war für Stanley Kubrick beängstigender als "Shining"

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