„Cleopatra“, „Gettysburg“, „1900“ oder die Extended Versionen der „Herr der Ringe“-Teile – es gibt Filme, die in Sachen Laufzeit weit über das „normale Maß“ hinausgehen. In die Tiefe gehende, monumentale Werke, die mit Spielzeiten zwischen 220 und 300 Minuten Sitzfleisch einfordern. Allerdings auch Filme, die den Zuschauer oder die Zuschauerin mit ihrer epischen Umsetzung, Bildgewalt und den vielschichtigen Figuren begeistern. Regie-Großmeister Stanley Kubrick („Shining“, „Full Metal Jacket“) war immer schon ein großer Fan dieser ausladenden Filme, die sich für ihre erzählerische und dramaturgische Ausgestaltung sowie die charakterlichen Entwicklungen der Figuren Zeit nehmen.
Die oben genannten Beispiele sind jedoch nichts gegen die überbordende Laufzeit von Edgar Reitz‘ 1984 erschienenem Epos „Heimat – Eine deutsche Chronik“. Über sage und schreibe 924 Minuten (über 15 Stunden) breitet Reitz seine Familienchronik aus – und Stanley Kubrick war bis zuletzt schwer begeistert von diesem einflussreichen, aber heute vermutlich nur eingefleischten Kino-Nostalgiker*innen und Filmhistoriker*innen bekannten Werk.
Familienchronik und gesellschaftliche Umwälzungen – Das ist "Heimat"
„Heimat – Eine deutsche Chronik“ ist der erste Teil von Reitz’ Trilogie, auf den bis 2006 noch zwei weitere Filme folgen sollten (dazu kommen noch ein Prolog und ein Epilog). Allein der Auftakt besteht aus elf Teilen mit einer Laufzeit zwischen 58 und 138 Minuten und folgt einer Frau und ihrer Familie aus einem Dorf im Hunsrück quer durch die Jahrzehnte. Reitz spannt seine Geschichte von 1919 bis ins Jahr 1982 – das dörfliche Leben, der Alltag der Familie und prägende historische Ereignisse treffen dabei immer wieder gekonnt zusammen und beeinflussen einander. Vom Ersten und Zweiten Weltkrieg über die Besatzungs- und Nachkriegszeit bis hin zum deutschen Wirtschaftswunder.
Da Kubrick das Kino und das entschleunigte filmische Erzählen liebte, ist es gut vorstellbar, dass sich der Regie-Visionär „Heimat“ sogar am Stück angesehen haben könnte. In einem Interview mit dem Kulturmagazin 032c aus dem Jahr 2015 bestätigte Jan Harlan, Kubricks langjähriger Produzent, wie beeindruckt der 1999 verstorbene Regisseur von Reitz‘ Meisterwerk gewesen war. Harlan: „‚Heimat‘ ist der größte deutsche Nachkriegsfilm. Ich habe ihn mit Stanley gesehen, und ich weiß noch, wie er sich nach dem Film zu mir umdrehte und sagte: ‚Ich kann es nicht glauben. Hast du das gesehen? So etwas habe ich noch nie gesehen. Unglaublich‘“. Harlan bezeichnete Reitz in dem Interview als „Pionier“, der mit seinen Arbeiten „große Kunst“ geschaffen habe. Und so sah es vermutlich auch Kubrick.
Der perfektionistische Kubrick selbst schuf mit dem Historienfilm „Spartacus“ (Laufzeit: 198 Minuten) und dem brillant fotografierten, fast dreistündigen Abenteuer-Drama „Barry Lyndon“ (1975) selbst wahre Epen. Doch in Sachen ausufernder Länge bleibt „Heimat – Eine deutsche Chronik“ ziemlich unerreicht.
Unterdessen sorgte ein unglücklicher Umstand Mitte der 80er-Jahre dafür, dass eine geplante Zusammenarbeit zwischen Kubrick und Hollywoodstar Robert De Niro nicht zustande kam. Erfahrt hier, warum Kubrick De Niro am Ende nicht für eines seiner größten Meisterwerke haben wollte:
Stanley Kubrick wollte Robert De Niro nicht für eines seiner größten Meisterwerke haben – und das aus gutem Grund!