"Ich frage mich, woher ich das Selbstbewusstsein genommen habe": "Small Town Girl"-Regisseurin Hille Norden im großen FILMSTARTS-Interview!
Michael Spangenberg
Michael Spangenberg
-Freier Autor
Michael Spangenberg lebt und arbeitet in Hamburg und betreibt nebenberuflich die Filmkritik-Website nochnfilm.de. Als regelmäßiger Gast auf Festivals im In- und Ausland führt er außerdem Interviews für FILMSTARTS.de.

In ihrem autobiografischen Spielfilm „Small Town Girl“ erzählt Hille Norden von einer Missbrauchsbetroffenen, die wild um sich schlägt, statt in der Opferrolle zu verharren. Ein wahnsinnig persönlicher Film, der produktiv aus dem Rahmen fällt.

Neue Visionen

Nore (Dana Herfurth) trinkt, feiert und hat so viel Sex, wie es ihr passt. Schon als Teenagerin machte sie mit erwachsenen Männern rum. Jetzt ist sie Mitte 20 und lebt ein exzentrisches, chaotisches Leben in vermeintlich-vollkommener Freiheit. Sex gehört zu ihrem Leben wie der Katerkaffee am nächsten Morgen. Die entsprechenden Szenen sind allerdings nie sexy, sondern wirken wie ein mechanischer Akt. Rein. Raus. Die Protagonistin des Films „Small Town Girl“ (-> zur ausführlichen FILMSTARTS-Kritik) lebt in einem falschen Pragmatismus, der keinen Platz für Schmerz lässt – denn Nores Welt ist eine Scheinwelt…

Im Vorfeld des Kinostarts am 15. Januar 2026 haben wir die Regisseurin Hille Norden („Heimat sucht Seele“), die in „Small Town Girl“ auch ganz persönliche Erfahrungen verarbeitet, im Rahmen des Filmfest Hamburg zum Gespräch getroffen…

FILMSTARTS: Nore ist zu Beginn des Films sehr offenherzig und hat scheinbar überhaupt kein Problem damit, wenn das Umfeld glaubt, sie wäre leicht zu haben. Sex ist für sie einfach ein riesiges Vergnügen. Als sie von einem Stammgast als seine „Lieblingshure“ bezeichnet wird, bleibt einem allerdings das Lachen im Halse stecken. Trotzdem dauert es, bis sich die ersten Brüche in Nore auftun. Warum bist du die Figur angegangen?

Hille Norden: Wie eine Traumatisierung entsteht und wie sie heilen kann, davon wird nicht selten erzählt. Aber ich wollte eine andere Perspektive, und zwar die persönliche Perspektive der Betroffenen. Nore braucht halt ziemlich lange, um sich einzugestehen, wie es ihr geht. Etwas wahrhaben zu wollen, ist die eigentliche Herausforderung – und wenn es länger dauert, dass das Publikum Risse in ihrer Realität erkennt, dann liegt es daran, dass auch Nore ihre gesamte Kraft darauf verwendet, bestimmte Erzählungen aufrecht zu erhalten, um sich selbst, aber auch um den Täter zu schützen.

FILMSTARTS: Angesichts der anfänglichen Freizügigkeit ahnt man schon, dass die Männer irgendwann mit der typischen „Sie wollte es doch auch“-Ausrede um die Ecke kommen …

Hille Norden: … ja, weil sie es auch wollte. Nore, wie wir sie im Film kennenlernen, will ganz viel von dem, was ihr geschieht, will es aber gleichzeitig auch nicht. Mit „Small Town Girl“ versuche ich, diese Graubereiche auszuleuchten. Zum Glück haben wir uns als Gesellschaft in den letzten Jahren darauf geeinigt, dass sexuelle Gewalt immer falsch ist und es nicht darum geht, ob jemand einen zu kurzen Rock trägt. Es gibt sowieso keine zu kurzen Röcke, sondern es gibt ein „Nein“, ein „Ja“ und eben noch viel dazwischen. Der Film versucht zu beleuchten, wie kompliziert alles wird, wenn man versucht, auf die Seelen der Menschen, mit denen man Intimität und Nähe leben möchte, achtgibt – und wie das vielleicht gehen oder auch nicht gehen kann.

FILMSTARTS: Dabei springst du sehr selbstsicher durch die Zeitebenen, die erwachsene Nore tritt mit der jugendlichen Nore ins Zwiegespräch …

Hille Norden: Ich habe mit dem Schreiben begonnen, als ich 21 Jahre alt war – und zwar nicht aus der Lust heraus, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern weil ich selbst von sexueller Gewalt betroffen bin. Mit Anfang 20 zog ich nach Berlin und es fühlte sich ungerecht an, selbst noch zur Therapie zu müssen, wenn alle anderen irgendwie Spaß haben oder zur Uni gehen. Ich fand das so gemein, dass ich es einfach lieber gar nicht gemacht hätte. Aber das wäre natürlich auch keine Lösung. Also habe ich einen Deal mit mir selbst gemacht: Okay, schreib halt wenigstens drüber, dann entsteht aus dieser gefühlten Zeitverschwendung und Ungerechtigkeit womöglich etwas Schönes. Wobei man dazu sagen muss, dass man aus Gewalt nichts Schönes machen kann. Man kann aber eine Schleife drumbinden und dann etwas Schönes hinzufügen – und das versuche ich auch in diesem Film.

Auf die Zeitebene bin ich gekommen, weil ich versucht habe, nicht nur mich selbst zu verstehen, sondern mich auch verständlich zu machen. Wie erkläre ich meiner Mutter, wie es mir geht? Wie erkläre ich meinem Partner, wie es mir geht? Oder anderen Menschen, die keine sexuelle Gewalt erlebt haben? Dafür ist dieser Film da, quasi als eine Art Übersetzungshilfe. Da war das eine pragmatische Lösung, etwas, das nicht vergangen ist, aber in der Vergangenheit liegt, mit der Gegenwart zu verbinden. Einfache Rückblenden hätten da nicht gereicht. Nicht alles, was vorbei ist, ist auch vergangen. Manchmal ist – und das ist das Problem von Traumata – die Vergangenheit eigentlich die Zukunft, von der ich vermute, mich vor ihr zu fürchten, weswegen ich mich in der Gegenwart so verhalte, als wäre gestern mein Morgen.

Nach dokumentarischen Arbeiten ist „Small Town Girl“ das Kino-Spielfilmdebüt von Hille Norden. Frank Wassermann
Nach dokumentarischen Arbeiten ist „Small Town Girl“ das Kino-Spielfilmdebüt von Hille Norden.

FILMSTARTS: Also war das Filmemachen für dich in gewisser Art auch eine therapeutische Übung?

Hille Norden: Ich würde auf keinen Fall empfehlen, Kunst als Therapieersatz zu wählen. Ich habe auch Therapie gemacht. Der Film war für mich aber ein wichtiges Begleitungsmittel, das gut zu meiner Persönlichkeit passt, weil ich schon immer kreativ gearbeitet habe und auch mein Leben kreativ verarbeite. Und es war nicht nur schmerzlich, sondern auch schön. Ich wusste lange nicht, ob das Erstellen des Films mich retraumatisierten würde, ob es mir hilft oder ob es gar keine Wirkung hat. Es war eine unglaublich harte Zeit, aber am Ende kathartisch und befreiend, weil ich ganz viel Liebe und Solidarität erfahren habe und weil mein Team immer bei mir war.

FILMSTARTS: Baldvin Z, der Regisseur des isländischen Films „Life In A Fishbowl“, in dem es auch um Missbrauch durch einen Großvater ging, hat erzählt, dass das seiner Schwester passiert sei und man in der Familie erst darüber geredet hat, nachdem er diesen Film gemacht hat. Können Filme also tatsächlich etwas bewirken?

Hille Norden: Das stimmt. Ich habe durch die Arbeit an „Small Town Girl“ angefangen, ganz anders darüber zu reden bzw. überhaupt darüber zu reden. Ich habe mich wie alle anderen geschämt, weil man es ja genau so lernt. Und wenn man es mal anspricht, bemerkt man beim Umfeld immer eine gewisse Reaktion: „Okay, voll schlimm, aber ich will dich auch nicht stören mit meinen Fragen. Ich erzähle es auch keinem, weil das ja voll die sensible Information ist. Und das darf man nicht einfach weitergeben.“ Aber das macht für mich einfach keinen Sinn. Ich war mal auf einer Premierenparty, auf der auch ein AfD-Abgeordneter war, den ich von meiner Arbeit an einem Dokumentarfilm über Syrer kannte. Er rief mich zu einem Gespräch dazu und sagte:

„Frau Norden wird ja wohl bestätigen können, dass Menschen aus arabischen Kulturkreisen Frauen eher sexuell belästigen als Deutsche.“ Das machte mich wütend und mir rutschte der Satz raus: „Entschuldigen Sie bitte, aber alle Männer, die mich vergewaltigt haben, waren Bio-Deutsche.“ Er guckte mich an und sagte: „Soll mir das jetzt leidtun?“ Und ich dachte nur: „Nein.“ Ich war aber so erlöst in dem Moment, weil ich das alles bisher für ein riesiges Geheimnis gehalten hatte. Weil mir eben auch immer gesagt wurde, ich solle das für mich behalten und nur Leuten erzählen, denen ich vertraue. Das war nun aber wirklich die letzte Person, der ich vertraut habe. Und ich fragte mich, was er damit jetzt machen soll. Er kann mich nicht beschädigen, es ist ja nichts, für das ich mich schämen müsste, es sagt überhaupt nur über mich aus, dass ich stark bin. Und er soll sich mal gehackt legen. Natürlich brauche ich sein Mitleid nicht. Seitdem geht es mir viel besser.

Dass Nore (Dana Herfurth) bei ihrer früheren Schulfreundin Jonna (Luna Jordan) einzieht, ist womöglich noch einmal eine Chance für sie… Neue Visionen
Dass Nore (Dana Herfurth) bei ihrer früheren Schulfreundin Jonna (Luna Jordan) einzieht, ist womöglich noch einmal eine Chance für sie…

FILMSTARTS: Du greifst nicht auf die typischen Täter-Opfer-Modelle zurück. Gab es deshalb ein Problem, die Finanzierung zusammenzubekommen? Die Filmförderungen stellen sich ja mitunter auch an, wenn etwas nicht ins Schema passt…

Hille Norden: Es war so mittelschwierig, aber ich habe eben auch keine Filmhochschule besucht. Ich habe vorher nur zwei Dokumentarfilme gedreht und ein sehr interessantes Projekt auf die Beine gestellt, als ich noch 16 war, allerdings ohne dabei Regie zu führen. Ich weiß nicht, wie viel das gezählt hat. Ich habe ansonsten zwar einen Führerschein, aber ohne besonders gut Auto zu fahren – und das war es dann auch schon. Ich war 22, als ich dieses Buch geschrieben und versucht habe, Unterstützer zu finden. Damals erschien es sehr logisch, dass ich diesen Film machen möchte und auch machen werde. Aber im Nachhinein – seitdem ich weiß, wie schwierig das ist – frage ich mich schon, woher ich das Selbstbewusstsein genommen habe.

FILMSTARTS: Wenn man sich mit einem Thema wie Missbrauch beschäftigt, wie stellt man dann sicher, dass die Mitwirkenden vor und hinter der Kamera nicht wieder ein neues Trauma entwickeln?

Hille Norden: Erst mal muss man statistisch davon ausgehen, dass in jeder Gruppe mit mehr als 30 Menschen schon zwei schon missbraucht worden sind. Gerade in der Kunstszene findet man aus meiner Sicht sogar noch mehr Menschen mit sexueller Gewalterfahrung, weil Trauma oft dazu inspiriert, Kunst zu machen. Gleichzeitig wollte ich aber auch niemanden bevormunden. Ich habe mich ja auch bewusst dafür entschieden, an diesem Film zu arbeiten. Wir haben viel im Studio gedreht, wir hatten also nicht das Problem, dass es irgendwie regnen könnte oder so. Aber ob es in der Seele regnet, war echt eine wichtige Frage für uns. Das kann man nicht planen und wenn sich dann jemand getriggert fühlt, ist er vielleicht für den Rest des Tages weg. Und was macht man dann? Deswegen habe ich gesagt, dass es mir wirklich wichtig ist, dass jeder Fahrer, jeder Requisiteur bitte dieses Drehbuch lesen möge und erst nach der Lektüre entscheidet, ob er mitmachen möchte. Das hat auf jeden Fall schon mal geholfen, dass die Leute alle „Ja“ gesagt haben oder eben auch „Nein“.

Dazu habe ich darauf bestanden, dass wir jeden Tag eine Therapeutin am Set haben, die für alle frei verfügbar ist. Also so eine Art Seelenambulanz. Das hat, finde ich, auch sehr viel Druck rausgenommen. Ich habe mir Mühe gegeben, jeden Tag so eine Art Wetterbericht zu machen, weil ich sehr offen damit umgegangen bin, dass das meine Geschichte ist. Ich war oft selbst getriggert und neige dann zum Schreien. Ich brülle niemanden an, sondern ich breche schreiend zusammen. Das klingt ganz furchtbar, aber es ist so eine Art Druckabbau. Von außen sieht das womöglich creepy aus, deswegen habe ich das erklärt und hatte ja auch diese Therapeutin vor Ort. Ich habe einfach versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, wo alle die Möglichkeit haben, entweder nichts von sich zu erzählen oder alles. Innerhalb der Teams habe ich die Leute gebeten, sich zu überlegen, wer wann an welchem Tag da sein wird, weil es vielleicht auch Szenen gibt, wo man merkt, dass man nicht am Set sein möchte. Das wurde dann auch nicht hinterfragt.

Das Fazit der FILMSTARTS-Kritik: „Small Town Girl“ ist „Sex And The City“ im MeToo-Gewand. Zieht man es aus, dann zeigt sich die ganze dreckige, nackte Wahrheit… Neue Visionen
Das Fazit der FILMSTARTS-Kritik: „Small Town Girl“ ist „Sex And The City“ im MeToo-Gewand. Zieht man es aus, dann zeigt sich die ganze dreckige, nackte Wahrheit…

FILMSTARTS: Was sind Deine Hoffnungen? Was sollen die Zuschauer mitnehmen, wenn sie den Kinosaal nach Deinem Film verlassen?

Hille Norden: Der Film hat ja zwei Hauptfiguren und ist aus zwei Perspektiven erzählt. Es kommt daher darauf an, mit welcher Frage man in den Zuschauerraum geht. Der Film ist gemacht für Leute, die die Welt aus der Perspektive von Jonna betrachten, also Menschen, die selbst keine sexuelle Gewalterfahrung gemacht haben, aber eben befreundet sind mit Menschen, die davon betroffen sind. Oder eben aus der Perspektive von Nore. Ich bin betroffen und habe Gefühle, die ich kompliziert finde. Das heißt, der Film versucht erstmal, ein Verständnis auszulösen. Aber er versucht auch zu kennzeichnen, dass es hilft, zu reden. Das klingt einfach, weil wir denken, dass wir eh schon viel reden, aber das tun wir nicht. Fernsehbeiträge über aufgedeckte Missbrauchsskandal enden oft mit „jetzt gilt es den Opfern zuzuhören“. Das ist ein oft gehörter Satz und dann ist es vorbei.

Was genau Betroffene erlebt haben, wird oft zusammengefasst mit „dann geschah das Unsagbare, das Unvorstellbare“. Aber das ist eine Lüge, denn es ist sehr wohl vorstellbar, viele von uns haben es erlebt. Und es macht einen großen Unterschied, zu sagen, was genau passiert ist. So lädt der Film dazu ein, zu reden. Aber er macht gleichzeitig auch deutlich, dass Zuhören ein aktives Geschenk ist. Zuhören ist nicht etwas, das man jemandem schuldet, sondern es ist die Erlaubnis an den Erzählenden, die eigene Seele zu verändern. Das merke ich auch in meiner eigenen Partnerschaft, denn für mich ist es wichtig, über mein Erlebnis zu reden, um das Gefühl zu haben, vollständig verstanden zu werden. Missbrauch macht einsam, weil man ein Geheimnis hat, das man durch Lügen schützt. Nur durch das Erzählen und das Zuhören, was beides schmerzhaft ist, kommt der Moment, wo diese Einsamkeit endet.

„Small Town Girl“ läuft seit dem 15. Januar in den deutschen Kinos!

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