"Da merkt man, wie gemütlich man manchmal mit dem Finger auf andere zeigt": "Rote Sterne überm Feld"-Star Hannah Ehrlichmann im großen FILMSTARTS-Interview
Christoph Petersen
Christoph Petersen
-Chefredakteur
Schaut 800+ Filme im Jahr – immer auf der Suche nach diesen wahrhaftigen Momenten, in denen man dem Rätsel des Menschseins ein Stück näherkommt.

Im November ist Laura Laabs‘ 100-Jahre-deutsche-Geschichte-in-einem-Film-Debüt „Rote Sterne überm Feld“ der Gewinner unserer Aktion „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ – da gehört ein Interview mit Hauptdarstellerin Hannah Ehrlichmann natürlich dazu...

In der zehnjährigen Vorbereitungszeit für ihr wahnsinnig ambitioniertes Kinodebüt „Rote Sterne überm Feld“ hat sich Laura Laabs trotz zahlreicher Versuche von niemandem zurückpfeifen lassen: Stattdessen wechselt der Film in ausufernd-kurzweiligen 130 Minuten zwischen diversen Bildformaten – vom analogen 16mm-Material bis digital, von knallig farbig bis körnig schwarz-weiß – hin und her. Ebenso gesprungen wird einmal quer durch die deutsche Geschichte und durch die verschiedenen Genres: Familien-Drama trifft auf Polit-Aktivismus trifft auf Krimi-Parodie – und am Ende mündet das alles in eine euphorische Musical-Sequenz!

1988 in Weimar geboren, hat Hannah Ehrlichmann zwar eine Menge Erfahrungen im Theater (u. a. festes Ensemblemitglied am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin) und in TV-Produktionen gesammelt. Aber eine Kinohauptrolle war für sie eine neue Erfahrung – noch dazu in einem Debüt wie diesem, das alles ist, nur kein Film wie jeder andere. „Rote Sterne überm Feld“ sprengt jeden Rahmen – und das gilt auch für die sehr besonderen Dreharbeiten…

FILMSTARTS: Wenn Tine in ihr Heimatdorf Bad Kleinen zurückkehrt, fühlt sich der Film stellenweise fast wie eine archäologische Ausgrabung an: Die Geschichte von drei Brüdern im Zweiten Weltkrieg, eine Moorleiche unbekannter Herkunft, der Verschwörungstheorien befeuernde RAF-Zugriff am Bahnhof 1993 sowie die Zerschlagung der örtlichen LPD durch anzugtragende Wessis nach der Wende – all das fließt in „Rote Sterne überm Feld“ in einer mitreißenden Gleichzeitigkeit ineinander. Wie sehr hat dich Laura Laabs denn an diesen wahnsinnig umfangreichen Recherchen über ihren Heimatort teilhaben lassen? Oder hast du einfach nur die Rolle aus dem Drehbuch gespielt?

Hannah Ehrlichmann: Wir sind noch in der Phase der Finanzierung zusammengekommen. Laura wollte einen Teaser drehen, weil das Projekt mit seinen verschiedenen Zeitebenen und Formaten ja auch visuell ein bisschen speziell ist – und deshalb wollte sie etwas zum Vorzeigen bei den Förderungen. Da hat sie durch Zufall meinen Partner in seiner Stammkneipe, die auch ihre Stammkneipe ist, an der Bar getroffen. Beim Quatschen hat sie von ihrem Buch erzählt und dass sie Leute sucht, die Bock haben – aber es sei halt in Mecklenburg und da ist ja keiner. Da konnte er widersprechen: „Wir leben dort und meine Freundin ist da am Theater.“ Also hat sie mir eine E-Mail geschrieben und nach einem Telefonat haben wir gesagt: „Wir machen das jetzt einfach!“

Mitten im Winter sind wir da also nach Bad Kleinen, das sind ja auch nur 20 Minuten von Schwerin mit dem Regionalexpress. Ich wurde von mir fremden Menschen abgeholt, in ein Kostüm gesteckt – und wir sind direkt ins Moor rausgefahren, wo ich mit meinem Partner in einem winzigen Boot auf einem zugefrorenen See saß, er in SS-Uniform und ich im Parka, und wir uns dachten: „Was machen wir hier eigentlich?“ Das waren alles Bekannte von Laura und wir haben dann auf einem Hof auch noch eine Hasenschlachtung gefilmt – es war sehr intensiv, sehr kalt und ganz großartig. Abends, als wir zusammen beim Eierlikör saßen, haben wir dann auch erstmals richtig verstanden: „Ah, das ist die Dimension, so soll das mal werden.“ Da hat sich auch direkt eine Freundschaft entwickelt und irgendwann habe ich von Laura die Nachricht bekommen, dass sie die Förderung bekommen hat.

Hannah Ehrlichmann spielt in „Rote Sterne überm Feld“ ihre erste Leinwand-Hauptrolle – und begeistert in einer Rolle, die es so im deutschen Kino wohl nur ganz, ganz selten gibt… farbfilm verleih
Hannah Ehrlichmann spielt in „Rote Sterne überm Feld“ ihre erste Leinwand-Hauptrolle – und begeistert in einer Rolle, die es so im deutschen Kino wohl nur ganz, ganz selten gibt…

FILMSTARTS: Das war ja erst mal nur ein Freundschaftsdienst. War da denn auch schon klar, dass du auch im eigentlichen Film die Hauptrolle übernehmen sollst?

Hannah Ehrlichmann: Ne, ich dachte, dass es doch klar ist, dass sie ihren Debütfilm bestimmt möglichst prominent besetzen will. Das hatte ich für mich schon abgeschrieben. Viel später rief sie aber nochmal an und fragte: „Hannah, kannst du das spielen?“ Für mich war das wahnsinnig toll, weil ich eigentlich Theater gespielt habe und noch gar nicht so viel gedreht hatte – und dann plötzlich so ein Brett stemmen, das war schon eine Herausforderung.

Aber da ich sie schon so früh im Prozess kennenlernen durfte, hatten wir eben auch genug Zeit uns kennenzulernen – und meine Figur ist ja schon ein bisschen auch ein Alter Ego von ihr. Da hat es mir geholfen, in ihren Kosmos einzutauchen, ihr Familie kennenzulernen – wir waren viel Spazieren, ich habe die Menschen des Ortes kennengelernt, wir waren in der Dorfkneipe. Wenn Tine im Film einen Weg aus ihrer Jugend entlanggeht, dann war das einer, den auch ich schon gut kannte, weil wir da einfach so viel unterwegs waren.

FILMSTARTS: Die Idee, dass sich Ereignisse regelrecht in einen Ort einbrennen, ist ja ein paar Monate nach der Weltpremiere von „Rote Sterne überm Feld“ auch in „In die Sonne schauen“ eine zentrale These gewesen. Ist das etwas, an das du selbst auch glaubst?

Hannah Ehrlichmann: Ja, voll, in der Hinsicht bin ich super esoterisch. Es gibt Orte, wo man denkt: „Nein, hier möchte ich nicht bleiben. Es fühlt sich komisch an, irgendwas Seltsames liegt hier in der Luft.“ Ich glaube, dass Orte Geschichte speichern. Die Geister, die man in den Keller sperrt, die finden irgendwann ihren Weg da raus. Oder Flecke, die übermalt werden, die drücken sich wieder durch. Ich glaub’, wenn man versucht, die Geschichte zu ignorieren, dann holt sie einen wieder ein – sehen wir ja gerade politisch.

„Rote Sterne überm Feld“-Hauptdarstellerin Hannah Ehrlichmann mit FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen in unserer Berliner Redaktion. farbfilm verleih
„Rote Sterne überm Feld“-Hauptdarstellerin Hannah Ehrlichmann mit FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen in unserer Berliner Redaktion.

FILMSTARTS: Wie waren denn die Dreharbeiten vor Ort – viele der lokalen Bewohner*innen waren dann ja auch als Laiendarsteller*innen oder sonst wie an der Produktion beteiligt?

Hannah Ehrlichmann: Ich war vor dem Dreh auf dem Land voller Vorurteile und städtischer Hybris. Man kommt da auf seinem hohen Künstlerross eingeritten und glaubt, man steht auf der „richtigen“ Seite und man hat sowieso die Welt verstanden, schließlich ist man Künstler und macht superwichtige Arbeit. Und dann stehst du plötzlich auf so einem völlig runtergerockten Bauernhof. Da leben noch ein Schwein und zwei Pferde und man checkt, was zum Beispiel die Auflösung der LPG für manche Menschen bedeutet hat. Da merkt man, wie gemütlich man manchmal mit dem Finger auf andere zeigt, ohne sich die Mühe zu machen, genau hinzugucken, nachzufragen und vielleicht auch ohne eine einfache Antwort zurückzubleiben.

Dass mich die Arbeit auch dazu gebracht hat, mich selbst zu hinterfragen, war einfach ein Riesen-Geschenk. Was ich so geil finde, ist, dass wir nicht nur einen politischen Film gemacht haben, sondern dass auch die Arbeit an sich, also die Entstehung des Films, politisch war. Wir haben da eine Art utopischen Mikrokosmos geschaffen. Das war einfach krass bereichernd, dass so niederschwellig, ehrlich und auf Augenhöhe gearbeitet und heiß, leidenschaftlich und doch empathisch diskutiert wurde.

FILMSTARTS: Wurden die Laiendarsteller*innen vor Ort denn alle schon vorab gecastet oder haben dann Leute, die ihr dort oder in der Kneipe kennengelernt habt, einfach gefragt, ob sie nicht auch mitmachen können?

Hannah Ehrlichmann: Teils, teils. Es gab schon ein paar, die hatten erst keinen Bock, da mitzumachen vor der Kamera. Und dann haben sie aber gemerkt: „Ach, die sind ja gar nicht so doof und das ist ja irgendwie doch alles ganz nett.“ Manche wollten nur ihren Trecker zur Verfügung stellen und waren dann plötzlich doch Teil der LPG im Film. Da saßen in einer Szene auf einmal Frauen, die eigentlich etwas ganz anderes wollten. Aber dann haben wir angefangen zu drehen und auf einmal, Stunden später, kam eine und sagt: „Eigentlich wollte ich doch nur einkaufen gehen. Was machen wir hier eigentlich?“ Also die ist da einfach gelandet und ist dann geblieben. So ist das auch passiert.

Ich finde das total rührend, wie die sich da reingeschmissen haben. Und es macht mich ganz, ganz glücklich, dass es diese Begegnungen und diese Erfahrungen für uns alle gab. Es war eben nicht so, dass alle nur kommen, um ihren Job zu machen, stattdessen haben wir nach dem Dreh immer noch alle auf dem Hof zusammen abgehangen oder im „Dorfkrug“ ein Bier getrunken, gegrillt und gequatscht. Das halbe Dorf war dann zum Beispiel auch bei unserer Premiere beim Filmfestival Max Ophüls. Das war so völlig verrückt, als da überraschend die Dorfbrigade vor dem Hotel stand und freudig verkündete: „Ja, wir kommen heute auch ins Kino!“

„Rote Sterne überm Feld“ mischt die Genres wild durcheinander – selbst eine „CSI“-artige Krimi-Collage ist mit dabei! farbfilm verleih
„Rote Sterne überm Feld“ mischt die Genres wild durcheinander – selbst eine „CSI“-artige Krimi-Collage ist mit dabei!

FILMSTARTS: Wir glauben nicht erst seit „Barbie“ und „Oppenheimer“ daran, dass sich Leinwanderfolge gegenseitig befeuern. Deshalb die Frage: Wenn sich die Leute zwei bis fünf Mal „Rote Sterne überm Feld“ im Kino angesehen haben, welche deutschen Filme könntest du unseren Hörer*innen aktuell denn noch empfehlen?

Hannah Ehrlichmann: Unbedingt „Rote Sterne“ mehrmals schauen. Da hat eine Frau einen Film über die Gleichzeitigkeit von Dingen gemacht – und darüber, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt und dass es ein schmerzhafter Prozess ist, herauszufinden, warum die Dinge so sind, wie sie sind; und dass man sich, wenn man Dinge verändern will, auf die Suche begeben und dabei notfalls auch ein Scheitern einkalkulieren muss. Das ist für mich künstlerische, feministische Arbeit. Ich freue mich einfach, wenn Frauen erfolgreiche Filme machen, und wenn Ost-Geschichten von Ossis oder ostdeutsch sozialisierten Menschen erzählt werden: Darum empfehle ich direkt noch „In die Sonne schauen“. Statt „Barbenheimer“ machen wir „In die roten Sterne schauen“.

FILMSTARTS: Ein schöner Tipp. Dann danken wir dir sehr für deinen Besuch.

Hannah Ehrlichmann: Ihr habt mir genau die richtige Kaffeetasse für dieses Gespräch gegeben …

FILMSTARTS: Ja? Welche denn?

Hannah Ehrlichmann: Alter weißer Mann.

[Anm.d.Red.: ein Werbegeschenk zum Kinostart von „Alter weißer Mann“, von denen noch ein paar bei uns im Küchenschrank herumstehen]

„Rote Sterne überm Feld“ läuft seit dem 6. November 2025 in den deutschen Kinos – und aus diesem Anlass konnten wir auch Regisseurin Laura Laabs bei uns in der FILMSTARTS-Redaktion begrüßen, um in unserem Podcast-Studio gemeinsam eine Folge von Leinwandliebe aufzunehmen, die unbedingt hörenswert ausgefallen ist:

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