Im Sommer 2025 war es endlich so weit: Nachdem mir jahrelang meine gesamte cinephile Bubble vom Filmfestival Il Cinema Ritrovato in Bologna vorschwärmt hatte, beschloss ich, nun auch einmal selbst dorthin zu reisen und eine knappe Woche damit zu verbringen, mir tagein, tagaus alte Filme in einem zauberschönen italienischen Städtchen anzuschauen. Denn Il Cinema Ritrovato – das wiedergefundene Kino – ist das weltweit wohl größte, jedenfalls aber renommierteste Filmfestival, das sich ausschließlich Wiederentdeckungen aus der Kinogeschichte widmet. Über 450 Filme waren dort im vergangenen Juni zu sehen, von der Stummfilmzeit bis ins frühe 21. Jahrhundert knapp 100 Jahre Filmgeschichte umspannend.
Wobei sich die Auswahl dann doch merklich einschränkt, wenn man, so wie ich, mit einem bestimmten Vorsatz dort anreist. Ausschließlich analoge Vorführungen wollte ich beim Festival sichten, solche also, bei denen die Filme von 35mm, 16mm oder 70mm projiziert wurden – von echten, fotografisch belichteten Filmrollen, die durch einen Filmprojektor laufen, so wie es über ein Jahrhundert lang bei jeder Kinovorführung geschah, und nicht als Digitalisat von einer Festplatte auf die Leinwand geworfen. Denn für eine digitale Vorführung durch halb Europa reisen? Das schien mir eher überflüssig.
Der deutsche Regisseur Willi Forst als Highlight
Nun ist aber auch das Festival in Bologna inzwischen über weite Strecken im digitalen Kinozeitalter angekommen, und auch wenn es immerhin noch möglich war, sich jeden Festivaltag mit drei, vier analogen Projektionen zu füllen, blieben dabei die Auswahlmöglichkeiten im ansonsten überbordenden Programm weitgehend auf der Strecke. Man musste nehmen, was man kriegt, denn das Gros der Retrospektiven im tatsächlich beeindruckend vielfältigen Programm besteht inzwischen weitgehend aus mal mehr, mal weniger gelungenen digitalen Restaurationen. Lediglich einige wenige kleinere Reihen – so etwa eine vier Filme umfassende Preview einer größeren Berliner Retrospektive, die der deutsche Kritiker und Kurator Lukas Foerster dem Schauspieler und Regisseur Willi Forst widmete – setzen komplett auf analoge Filmkopien. Und einige bemühen sich immerhin, solche einzusetzen, wo es möglich ist.
Einiges davon schien immerhin sehr interessant: Eine Reihe eher unbekannter früher Filme, zumeist Familiendramen mit faszinierend komplexen Frauenfiguren, des japanischen Meisterregisseurs Mikio Naruse etwa war großenteils in 35mm-Projektion wieder- oder erstmals zu entdecken – und lieferte einige überzeugende Argumente dafür, in einem Zeitalter der immer länger werdenden Filme das nahezu komplett untergegangene Format des halblangen und wahnsinnig dicht erzählten 60-Minüters wiederzubeleben. Während ich mir anfangs noch unsicher war, wie tief ich während meiner Festivalewoche in Bologna in das Japan des frühen Tonfilms eindringen wollte, entwickelte sich die Naruse-Retrospektive tatsächlich zu meinem persönlichen Highlight des Festivalbesuchs.
Etwas komplizierter verhielt es sich mit jener Retrospektive, der ich eigentlich mit größter Spannung entgegengeblickt hatte. Denn insbesondere die umfassenden Werkschauen klassischer Hollywood-Regisseure waren es in den vergangenen Jahren, die von langjährigen Festivalbesucher*innen immer wieder als Höhepunkte hervorgehoben wurden. Im Sommer 2025 war diese Werkschau Lewis Milestone gewidmet – einem Regisseur, der vor allem durch seine klassische Verfilmung des Remarque-Romans „Im Westen nichts Neues“ in der kollektiven Erinnerung geblieben ist. Diese wurde in Bologna dann auch in gleich zwei Fassungen – als Stummfilm und als Tonfilm – gezeigt. Über diesen zweifellosen Klassiker hinaus hat sich Milestone immer wieder mit dem Thema Krieg auseinandergesetzt – ein nicht unpassender Schwerpunkt für eine Retrospektive im Jahr 2025, einem Jahr, in dem die Kriegstreiber weltweit zunehmend die Hemmungen fallen ließen.
Leider aber entpuppten sich etliche der gezeigten Filme Milestones dann auch tatsächlich eher als Filme aus Kriegszeiten, denn als Antikriegsfilme, in denen der heldenhafte Widerstand, die Opferbereitschaft und der Kampf bis zum Tod gegen den gemeinsamen Feind beschworen wurden. Mobilmachung und Propaganda statt Pazifismus – der Krieg zwar als Hölle, aber auch als notwendiger Kampf. Nun gibt es sicherlich keine besseren Begründungen für Propaganda in der Weltgeschichte als den Kampf gegen den Nationalsozialismus – aber in einer Gegenwart, in der allerorten wieder die Kriegslust wächst und geschürt wird, dieses heroisch beschworene Zu-den-Waffen-Greifen wiederzusehen, fühlt sich trotzdem irgendwo unappetitlich, irgendwie falsch an.
Was hat Filmgeschichte mit dem Ballermann zu tun?
Überhaupt gibt es auch Dinge, die etwas seltsam anmuten während dieses Festivalbesuchs. Eine Vorahnung konnte vielleicht schon ein anekdotisches Erlebnis am Berliner Flughafen dazu liefern, denn auf dem Weg zum Gate fiel mir am Anreisetag eine Truppe gut gelaunter, feierwilliger junger Männer auf, alle mit identisch bedruckten T-Shirts. Die stiegen dann zwar nicht in den Flieger nach Italien, sondern traten am Gate nebenan ihren Kurztrip nach Mallorca an – gleichwohl ging mir diese Episode nie ganz aus dem Kopf, denn auch Bologna während des Cinema Ritrovato hat mitunter etwas leicht Ballermannhaftes.
So empfiehlt sich ein Besuch des Festivals etwa auch dann, wenn man immer schon einmal in Italien Urlaub machen und dabei auf Schritt und Tritt überall andere Deutsche treffen wollte. Wohlwollend wird die Atmosphäre beim Cinema Ritrovato von langjährigen Festivalbesuchern als „Klassenfahrt“ beschrieben, und tatsächlich hat sie einiges davon. Ein bisschen bizarr wirkt es manchmal trotzdem, wenn man über 1.000 Kilometer zurücklegt, und dann bei jedem Kinobesuch all die Menschen um sich hat, die man auch hierzulande auf jedem Festival und bei jeder wesentlichen cinephilen Retrospektive trifft. Bologna wirkt in dieser Festivalwoche definitiv auch ein Stück weit wie eine deutsche Kino-Exklave – mit allen positiven wie negativen Begleiterscheinungen, die man damit verbinden könnte.
Gibt es nun ein persönliches Fazit, im Rückblick auf diese nicht zuletzt auch von glühend heißen Tagen, grandiosem Essen und nicht zuletzt dem fantastischen italienischen Gelato geprägten Festivaltagen? Nun ja – tatsächlich bin ich mit gemischten Gefühlen nach Berlin zurückgereist. Und das, obwohl ich eine Reihe wirklich famoser Filme in Bologna gesehen hatte – teilweise auch von seltenen Filmkopien, die vielleicht nie wieder in Europa zu sehen sein werden.
Hervorzuheben wäre da etwa die Projektion einer neu gedruckten 70mm-Kopie von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, meinem persönlichen Lieblingsfilm von Steven Spielberg – eine von nur zwei Kopien, die auf Spielbergs persönliches Bestreben hin produziert wurden und deren andere in seinem Privatarchiv einlagert. Oder auch, eine wirkliche Rarität und die einzige digitale Vorführung, für die ich eine Ausnahme von meiner ehernen Regel gemacht habe, der jahrzehntelang verschollen geglaubte Stummfilm-Western „The Scarlet Drop“ vom großen John Ford – ein Film, der vermutlich seit 100 Jahren von niemandem mehr gesehen wurde und der jetzt endlich wieder von einem beeindruckend großen, filmhistorisch interessierten Publikum entdeckt werden konnte.
Sollte man also hinfahren oder nicht?
Es gibt also vieles, was man am Cinema Ritrovato mit Fug und Recht lieben kann, und doch bleibt eine Restskepsis gegenüber diesem cinephilen Großevent auch nach meinem Erstbesuch bestehen. Auch wenn es mitunter gar nicht so einfach ist, diese auf den Punkt zu bringen. Was ist es genau am Cinema Ritrovato, das mich auf Distanz hält? Die Eventhaftigkeit? Das Klassenfahrtfeeling? Oder gerade die Masse an Filmen, die zwar für Vielfalt sorgt, aber auch eine gewisse Konzentration und Schwerpunktsetzung verunmöglicht – gerade auch im Hinblick auf die Schwemme nicht unbedingt immer qualitativ hochwertiger Digitalisate, die das Programm fluten? Ein bisschen wirkt das Festival dadurch dann auch wie eine riesige Wühlkiste für alles Mögliche.
Das Verdikt vom Festival in Bologna als eine Art cinephiler Ballermann spukte mir zugegeben während meines kompletten Aufenthalts im Kopf herum. Ganz so stehen lassen kann man es freilich nicht – dafür habe ich dann doch zu viele schöne Filme in schönen Kopien gesehen am Ende meiner Festivalwoche. Aber werde ich wiederkommen, aus dem Festivalbesuch vielleicht sogar eine jährliche Tradition machen wie viele andere aus meinem cinephilen Bekanntenkreis? Hm. Auszuschließen ist das nicht, und vielleicht mache ich zukünftig auch noch so ganz meinen Frieden mit diesem Festival. Im kommenden Sommer aber werde ich zunächst einmal passen, und es mit dem Schriftsteller David Foster Wallace halten. Vielleicht ist das Cinema Ritrovato ja auch einfach „a supposedly fun thing I’ll never do again“ ...