Romeo & Julia mit viel Volt und wenig Drive
Der Titel des Cannes-Eröffnungsfilms 2026, „The Electric Kiss“, mag nach einer Metapher für eine besonders aufgeladene Leidenschaft klingen, ist aber überraschenderweise absolut wörtlich zu verstehen: Im Paris des Jahres 1928 verdient Suzanne (Anaïs Demoustier), die als Teenagerin von ihren Eltern an einen Rummelplatz verkauft wurde, ihr spärliches Geld als Attraktion namens „Venus Electrificata“. Auf einer isolierten Bühne lässt sie sich von zwei Elektroden so aufladen, dass die Männer, die 30 Centime bezahlen, bei einem Kuss von ihr einen Schlag – und damit einen unwiderlegbaren Liebesbeweis – erhalten.
Das Kirmesexperiment existierte tatsächlich, war im Paris der Années folles aber eigentlich schon kalter Kaffee. Der Physiker und Astrologe Georg Matthias Bose hatte es bereits im 18. Jahrhundert entworfen. Auf der großen Leinwand macht sich der Funkenschlag aber natürlich trotzdem gut, gerade wenn man wie Regisseur Pierre Salvadori („Lieber Antoine als gar keinen Ärger“) in seiner Komödie ohnehin gern mit der aufwendigen historischen Ausstattung prahlt. Auch die dunklen Seiten spart er keinesfalls aus, wenn sich Suzanne nicht nur an die schockverliebte männliche Kundschaft verkauft fühlt, sondern wegen der Brandmale auf ihren Handflächen immerzu Fäustlinge tragen muss.
Les Films Pelléas
Trotzdem spielt die titelgebende Attraktion eigentlich erst wieder im Finale eine Rolle, wenn sich Salvadori das wohl tragischste Ende der Literaturgeschichte vorknöpft und Shakespeares berühmtestes Paar mit anständig Volt wachrüttelt. Bis dahin haben wir es aber zunächst einmal mit einer eigentlich ganz typischen Verwechslungskomödie zu tun: Suzanne wird von dem Maler Antoine (Pio Marmaï) für die Wahrsagerin des Rummels gehalten. Mit ihrer Hilfe will der ebenso verzweifelte wie betrunkene Witwer Kontakt zu seiner schon vor Jahren verstorbenen Frau Irène (Vimala Pons) aufnehmen, an deren Tod er sich noch immer selbst die Schuld gibt.
Suzanne willigt für ein paar schnell verdiente Scheine ein. Aber dann läuft die Sache aus dem Ruder: Antoines Galerist Armand (Gilles Lellouche) durchschaut den Mummenschanz zwar sofort, ist aber vor allem begeistert, dass sein guter Freund nicht nur seinen Lebensmut zurückgewinnt, sondern auch endlich wieder mit dem Malen anfängt. Deshalb schlägt der Kunsthändler Suzanne einen Deal vor: Sie spielt für Antoine weiter das Medium und lässt ihn mit seiner toten Frau kommunizieren – und im Gegenzug erhält sie eine stattliche Beteiligung an all den Bildern, die der Maler in seinem schlagartig verbesserten Seelenzustand fertigstellt …
Zu viel gewollt
Eigentlich der perfekte Stoff für eine nette, im besten Fall sogar ein wenig bissige Boulevardkomödie. Zumal der historische Jahrmarkt für eine Extraportion Schauwerte und der hochkarätige Cast um Pio Marmaï („Das Ereignis“), Anaïs Demoustier („Der Graf von Monte Christo“) und Gilles Lellouche („Zone 3“) für den nötigen Charme sorgen. Allerdings stammt die ursprüngliche Idee zu „The Electric Kiss“ von Rebecca Zlotowski („Ein leichtes Mädchen“) und Robin Campillo („120 BPM“), also zwei ausgesprochen ambitionierten Autorenfilmer*innen – und dazu ist „The Electric Kiss“ auch noch mehr als zwei Stunden lang. Das klingt plötzlich gar nicht mehr nach simplem Wohlfühlkino für zwischendurch – und tatsächlich:
Als Suzanne die Tagebücher der verstorbenen Ehefrau in einem geheimen Schreibtischfach entdeckt, nutzt sie die Informationen aus Antoines Vergangenheit zwar auch, um ihn weiter an ihre Fähigkeiten als Geistermedium glauben zu lassen. Zugleich macht der Film selbst aber auch noch mal eine neue Ebene auf und erzählt fortan in einer Parallelhandlung davon, wie sich Antoine und Irène – damals beide noch bettelarm – im Jahr 1920 kennengelernt haben. Es ist die Geschichte eines erfolglosen Genies und seiner Muse, die als Einzige an ihn glaubt und ihn so schließlich doch noch zu seinem verdienten Erfolg führt.
Les Films Pelléas
Das Problem ist nur: Statt sich zu ergänzen, bremsen sich die beiden Stränge immer wieder gegenseitig aus. Tragik und Komik stehen plötzlich nebeneinander und starren sich verdutzt an. Außerdem verliert das ständige Verlieben gerade in der zweiten Hälfte irgendwann jede Glaubwürdigkeit, wenn es schon wieder aus heiterem Himmel passiert. Gerade wie die Schuldgefühle gegenüber der toten Ehefrau mit einer weiteren Hals-über-Kopf-verliebt-Wendung aus dem Weg geräumt werden, wirkt eher wie ein Telenovela-Twist und nicht wie der wohl eigentlich erhoffte melodramatische Höhepunkt.
Fazit: Ihr könnt euch an dieser Stelle ein Wortspiel eurer Wahl vorstellen, das irgendwas mit Elektrizität und Funkenschlag zu tun hat und verdeutlicht, dass „The Electric Kiss“ zwar hochkarätige Stars und eine aufwendige Ausstattung zu bieten hat, in Sachen Biss und Witz dann aber doch deutlich zu wünschen übrig lässt.
Wir haben „The Electric Kiss“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere als Eröffnungsfilm gefeiert hat.